Dossier

Netzwoche Nr. 9/2015

Editorial von George Sarpong

"Der Markt für selbst­fahrende Autos soll 2030 rund 90 Milliarden US-Dollar Umsatz generieren."

Unser Redaktor Marcel Urech fuhr kürzlich in Zürich mit dem Auto – ohne Fahrausweis. Vom Technopark aus drehte er eine Runde durch Zürich-­West. Das könnte in Zukunft öfters passieren, wenn es nach Technologie­anbietern, Automobilherstellern und Mobilfunkbetreibern geht. Denn das Auto unseres Kollegen steuerte sich von selbst, ganz ohne Zutun des «Fahrers» (Seite 43). Das Fahrzeug war das nach Angaben von Swisscom erste selbstlenkende Auto auf Schweizer Strassen. Und es soll nicht das letzte gewesen sein. In drei bis fünf Jahren könnten autonome Fahrzeuge über Autobahnen rasen, wie Christian Petit, Leiter Grosskunden bei Swisscom, vermutet. Swisscom baut jetzt natürlich keine Autos, wittert wohl aber das ganz grosse Geschäft. Denn ein selbstfahrendes Auto wird viele Daten übermitteln und empfangen müssen, um sicher von A nach B zu gelangen. Das Auto muss Daten mit Verkehrs­zeichen austauschen. Experten sprechen dann von Car-to-Infrastructure-­Kommunikation. In der schönen neuen Welt der automobilen Zukunft werden auch Autos miteinander sprechen. Dank Car-to-Car-Kommunikation könnten Autos auf einer Autobahn Distanz und Geschwindigkeit untereinander koordinieren. Wie ein riesiger Schwarm. Das alles wird neue IT-Infrastrukturen erfordern. Das Mobilfunknetz wird noch weiter ausgebaut werden müssen. Bis Ende dieses Jahrzehnts soll der 5G-Mobilfunkstandard mit Bandbreiten im zweistelligen Gigabit-Bereich neue Anwendungen wie selbstfahrende Autos ermöglichen. Doch noch beraten Arbeitsgruppen aus der Industrie und von öffentlichen Organisationen über den Standard. Auch Leo Lehmann vom Bakom. Er übernimmt die Leitung der Study Group 13 bei der International Telecommunication Union (ITU). Bis zum Jahresende will sich seine Gruppe einen ersten Überblick über die aktuellen Technologien verschafft haben (Seite 25).

Der Markt für selbstfahrende Autos soll im Jahr 2030 rund 90 Milliarden US-Dollar Umsatz generieren, prognostizieren die Marktforscher von Lux Research vergangenes Jahr. Von der Digitalisierung des Autos sollen insbesondere IT-Unternehmen, allen voran Softwareentwickler profitieren. Autos könnten sich dann, ähnlich wie Mobiltelefone heute, vor allem durch ihre Software voneinander unterscheiden. Autofans könnten sich bald weniger über Motoren als vielmehr über die Betriebssysteme ihrer Autos unterhalten. Beim Autoquartett riefen Kinder dann vielleicht aus: "Betriebssystem Android-Auto, sticht!"

Bis es so weit sein wird, müssen Hersteller aus verschiedenen Bereichen noch ihre Hausaufgaben machen. Zahlreiche Entwürfe für autonome Autos basieren auf Elektromobilen. Doch die aktuelle Batterietechnik ist noch teuer und im Winter ineffizient, da sich Batterien in dieser Jahreszeit zu schnell entladen. Und wer haftet, wenn ein autonomes Fahrzeug einen Unfall verursacht? Die Analysten von Lux Research glauben daher auch nicht, dass es so schnell komplett autonom fahrende Autos geben werde. Zumindest nicht vor dem Jahr 2030. So lange will unser Redaktionskollege aber nicht warten und hat bereits den Besuch einer Fahrschule geplant.