Wie Führungskräfte im KI-Zeitalter unersetzbar bleiben
Wenn KI komplexe Analysen und Routinearbeit übernimmt, verändert sich der Kernauftrag der Führung radikal. Dietmar und Yannick Treichel vom Institut für Kommunikation & Führung sprechen darüber, warum sich Leader nun vor allem auf den Zusammenhalt, kreative Freiräume und eine Vision konzentrieren müssen, die keine Software generieren kann.
Angenommen, eine KI liefert bald die objektiv besten Handlungsempfehlungen: Welchen Wert haben dann noch menschliche Intuition und Erfahrung in der Führungsetage?
Dietmar Treichel: KI rechnet schnell und gut, aber sie "fühlt" die Bedürfnisse von Kunden, Klienten, Nutzern oder Stakeholdern nur rational. Algorithmen sehen Muster, Leader sehen Menschen und ihre Gefühle. Ihr Bauchgefühl sagt ihnen, wann ein Trend Zukunft hat oder stirbt. Menschen sollten ihre Erfahrungen ganz bewusst nutzen, um zwischen den Zeilen eines Berichts zu lesen und langfristige Konsequenzen zu bewerten. Ohne menschliches Urteil verkommt Strategie zur Statistik. Aber gehen Sie dabei sehr reflektiert vor, sozusagen mit einer ironischen Distanz zu sich selbst. Warum? Erfahrungen kommen genau wie das KI-Wissen immer aus der Vergangenheit. Wahre Klugheit wächst zwar durch jahrelange, harte Entscheidungen, aber sie richtet sich auch immer auf eine Zukunft, die zunehmend unberechenbarer wird. Wir brauchen die menschliche Intuition als bewusst eingesetzte "Halluzination", als Kompass in Grauzonen. Als Ergänzung zur Rechenleistung der KI bleibt diese menschliche Fähigkeit Ihr wertvollstes Gut in jedem Sitzungszimmer. Zudem schafft KI es endlich, dass Führungskräfte die Zeit auf die menschlichen Themen – also tatsächliche Führung – verwenden können, statt sie mit Management-Aufgaben zu verbringen. Denn Management ist das, was KI schon bald viel besser können wird als der Mensch, wahre Führung jedoch nicht.
Was muss sich im Führungsverhalten konkret ändern, damit generative KI nicht nur die Effizienz steigert, sondern einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil für ein Unternehmen schafft?
Dietmar Treichel: Hören Sie auf, nur alte Abläufe ein wenig zu verbessern. Das ist manchmal natürlich notwendig und fühlt sich expertensicher an. Aber wenn sich grundlegende Dinge immer schneller verändern, kann solch ein "effizientes" Arbeiten und Mindsetting mit aktuellen Problemen sogar gefährlich werden. Unternehmerische Führung ist immer auf die Gestaltung der Zukunft gerichtet. Man könnte sagen, dass wahre Leader auf der Zeitachse "verrückt" sind. Sie denken radikal neue Dinge, brechen Regeln, fühlen sich mit Unsicherheit und Komplexität pudelwohl. Sie denken eher an die Befriedigung von Bedürfnissen als an ihre Konkurrenten. Effizienz lässt sich leicht kopieren, echte Innovation bleibt einzigartig. Schaffen Sie einen Lernraum, in dem kluges Experimentieren, das auch kluges Lernen aus Fehlern zulässt, in die Zukunft führt. Bei der Vorbereitung der Entscheidungen und Aktivitäten kann KI sehr gut unterstützen. Aber jagen Sie damit nicht nur Kosten. Lösen Sie Probleme, die sonst niemand sieht und an die sich Manager alter Schule nicht herantrauen. Leadership bedeutet jetzt, Neugier und Effektivität gleichrangig neben Technik und Effizienz zu stellen, vielleicht sogar darüber.
In einigen Branchen, auch in der IT, wächst die Sorge vor Jobverlust durch KI. Was ist der strategische Hebel, um aus dieser Angst eine Chance zu machen?
Dietmar Treichel: Ignorieren Sie die Angst nicht, sondern nutzen Sie sie als Antrieb. Zeigen Sie Ihrem Team, wie KI den Alltag massiv erleichtert. Investieren Sie in das Lernen neuer Fähigkeiten. Lenken Sie den Fokus weg von Routine hin zu kniffligen Rätseln. Menschen wachsen, wenn sie einen klaren Weg vor sich sehen und einen sinnvollen Beitrag leisten können. Der Leader als KI-kompetenter Coach befreit Talente mit moderner Technik. Ehrliche Gespräche verwandeln Sorgen in einen gemeinsamen Hunger auf Erfolg. Definieren Sie miteinander Rollen konsequent über Wertbeiträge. Selbstverständlich kann oder will nicht jede Person mitgehen, aber in meiner Erfahrung liegt das selten an Unwillen. Eine lähmende Angst entsteht oft durch Unwissen, wie KI genutzt werden kann, um den eigenen Beitrag durch die Zusammenarbeit von intelligenter Technik und kluger Kompetenz noch wertvoller zu machen. Wirkungsorientiertes Lernen und Handeln ist dabei der entscheidende Hebel. So kann sich KI vom Angstmacher zum persönlichen Karrierevorteil wandeln.
Wenn KI-Assistenten zu digitalen Kollegen werden, stärkt das den strategischen Fokus des Teams oder arbeitet am Ende jeder nur noch für sich und mit seinen Chatbots?
Yannick Treichel: KI spart gerade bei Routine- und Fleissarbeiten viel Zeit. Doch wenn sich trotzdem alle hinter Bildschirmen verstecken, stirbt der Geist der Firma. Nutzen Sie die gesparte Zeit für ko-kreative Gespräche. Künstlich intelligente Kollegen sind als hochspezialisierte Assistenten sehr hilfreich, aber sie sind keine Ersatzmenschen. Streiten Sie besser als jedes KI-Modell. Wahre Durchbrüche gelingen nur, wenn kompetente Menschen sich im Dialog auf Augenhöhe gegenseitig herausfordern. Lassen Sie die Bots die Daten sortieren und schärfen Sie innovative Lösungen. Fördern Sie ein Umfeld, in dem Teilen mehr zählt und mehr zahlt als Horten. Nur ein vernetztes Team mit diversen Skills schlägt einen schnellen Markt – und gerade dafür kann KI die perfekte Unterstützung sein. Also: Verstehen Sie KI nicht nur als isolierte Tools, sondern als perfekt und übrigens auch sehr effizient zu vernetzende Enabler für echte, interdisziplinäre Zusammenarbeit. Nutzen Sie die gewonnene Freiheit für strategische Kooperationen und den Aufbau sozialer Synergien. Gemeinsames, kreatives Problemlösen bleibt auch weiterhin das Herzstück des Erfolgs. Das braucht eine neue Art von Führung und Gemeinschaft, die sich im Industriezeitalter natürlich noch nicht entwickeln konnte. Aber genau dafür müsste die Schweiz prädestiniert sein.
KI übernimmt die zeitraubende Routinearbeit. Was bleibt als eigentlicher Kernauftrag für eine Führungskraft?
Dietmar Treichel: Wenn Bots die öde Arbeit machen, können Sie Ihre menschlichen Mitarbeitenden endlich wirklich als Menschen führen. Malen Sie ein Bild der Zukunft, das alle begeistert mitreisst. Geben Sie der Arbeit Ihres Teams einen tiefen, echten Sinn. Keine Software kann Mitgefühl zeigen oder einen Streit schlichten. Maschinen können verwalten, aber niemals inspirieren. Sie können mit einer rationalen Wahrscheinlichkeitsrechnung Entscheidungen vorbereiten, aber Sie müssen entscheiden, wenn die Faktenlage trotzdem unklar bleibt beziehungsweise so oder so interpretiert werden kann. Bauen Sie tiefe Beziehungen auf, die die Herzen Ihrer Mitarbeitenden wärmen, sodass sie Ihnen auch in der Unsicherheit folgen, was übrigens immer öfter der Fall sein wird. Führen bedeutet Menschsein in einer Welt aus kaltem Code. Wenn Change Leadership in einer dynamischen Welt die erste Aufgabe einer Führungsperson ist, dann stehen die Sinnstiftung und Vision auf der obersten Stufe. Und wenn das Fachwissen an anderer Stelle liegt, dann gestalten Sie die Kultur und die ethischen Rahmenbedingungen, um dem Einsatz des Wissens eine gute Richtung zu geben. Also: Treffen Sie schwierige Entscheidungen in instabilen Lagen und fördern Sie menschliche Talente in einer Automatisierungswelt.
Die Schweiz legt traditionell grossen Wert auf Konsens, Stabilität und Qualität. Die KI-Welt gilt hingegen als disruptiv, schnell und fehlerbehaftet. Wie löst eine Führungskraft diesen Kulturkonflikt im eigenen Unternehmen auf?
Yannick Treichel: Opfern Sie die Schweizer Qualität nicht für digitale Schnelligkeit. Nehmen Sie das Beste aus beiden Welten für etwas Robustes. Bauen Sie kleine Labore, in denen Tempo mehr zählt als Perfektion. Wenden Sie dann Ihre hohen Standards auf die Gewinner an. Und bremsen Sie bei Bedarf auch mal, wenn das Gemeinsame auf der Strecke bleibt, wenn der Konsens nur noch oberflächlich ist. So bleiben Sie stabil, während andere aus der Kurve fliegen. Präzision wird zur Superkraft, wenn Sie schnell dazulernen. Integrieren Sie dafür Agilität in Ihre Qualitätsarbeit, aber bitte als Kultur oder meinetwegen als "Mindset", nicht nur als technische Methode. Schnelle Experimente, Tests und Lernen aus falschen Annahmen sind Entwicklungschancen innerhalb fester Leitlinien. Leadership hat auch eine Richtlinienkompetenz und steht deshalb auch für Governance. Mit dieser Verbindung von festen Leitlinien und agilem Arbeiten veredelt Schweizer Präzision die KI-Geschwindigkeit. Verbinden Sie bewusste, nicht einengende Tradition mit mutiger digitaler Exploration. So wird Stabilität dynamisch.
Angesichts der bekannten Fehleranfälligkeit und Intransparenz von grossen Sprachmodellen (LLMs): Wie etabliert eine Führungskraft im Team eine gesunde Skepsis gegenüber den Antworten einer KI-Anwendung?
Yannick Treichel: Behandeln Sie jede Antwort eines Bots entweder wie einen rohen Entwurf oder als Erweiterung Ihres Denkraums. Fordern Sie Ihr Team auf, aktiv nach Fehlern oder Entwicklungsmöglichkeiten zu suchen – je nachdem, was Sie unter Wahrheit verstehen. Glauben Sie jedenfalls keinem Ergebnis, ohne es selbst geprüft zu haben. Belohnen Sie Leute, die Schwachstellen finden und laut darüber sprechen. Zweifeln muss zu einem festen Teil Ihrer Arbeit werden. Das ist übrigens gar nichts Neues, Descartes hat das schon im 17. Jahrhundert gefordert. Sie brauchen Köpfe, die selbst denken und die KI herausfordern. Nur so können Sie dem Ergebnis Ihrer KI-unterstützten Arbeit wirklich vertrauen. Aber so können Sie die Ergebnisse dann als sichere Sprungbretter für den nächsten Salto nutzen.
KI macht die Performance im Team transparent wie nie zuvor. Wo verläuft die ethische Grenze zwischen motivierendem Coaching und problematischer Überwachung?
Yannick Treichel: Nutzen Sie Daten, um Menschen zu stärken, nicht um sie einzusperren oder gegeneinander auszuspielen. Sagen Sie offen, was Sie messen und wie es allen hilft. Wer sich beobachtet fühlt, geht keine Risiken mehr ein. Gutes Coaching braucht einen sicheren Ort, an dem Vertrauen wächst. Das gilt umso mehr, wenn der Coach gleichzeitig der oder die Vorgesetzte ist. Schützen Sie die Privatsphäre Ihres Teams wie ein kostbares Gut. Achten Sie auf den Mehrwert der gemeinsamen Arbeit, nicht nur auf mit KI sehr schnell erledigte Aufgaben. Integrität der Führung hält ein modernes Team gerade in stürmischen Zeiten zusammen. Transparenz ist das Fundament für ethisches Handeln. Nutzen Sie Performance-Daten nicht zur Überwachung, sondern für die Potenzialentfaltung. Coaching braucht Empathie und keine kalten Metriken. Aus Forschung und eigener Erfahrung wissen wir eines doch ganz sicher: Vertrauen steigert die Performance nachhaltiger als Kontrolle. KI kann natürlich für beides eingesetzt werden. Aber der Mensch oder vielmehr die menschlichen Werte entscheiden. Zudem: Das bekanntermassen erfolgreichste Mittel für komplexe Herausforderungen – und mit denen sind wir immer mehr konfrontiert – ist Selbstorganisation und Agilität. Dabei geht es nicht um die Ergebnisse des Einzelnen, mit lokalen Metriken, sondern um den Gesamterfolg eines Teams oder der Organisation. Soziale Beiträge, massgebende Erfahrungen, Team-Spirit-Leadership etc. werden in den Metriken nicht auftauchen, sind aber absolut erfolgskritisch.
Welche Kompetenz, die vor drei Jahren noch keine Rolle in den Lehrplänen spielte, ist heute für angehende Leader unverzichtbar geworden?
Yannick Treichel: Lernen Sie, wie Sie Maschinen ganz präzise Befehle geben. Sie müssen nicht programmieren, aber Sie müssen die Logik verstehen. Diese Brücke zwischen Denken und Technik ist jetzt lebenswichtig. Wer diesen Dialog beherrscht, führt die nächste grosse Welle an. Üben Sie heute, um in diesem schnellen Rennen vorne zu bleiben. Natürlich soll eine Führungsperson nicht zum Prompt Engineer werden. Vielmehr verstehen Sie durch die Logik eines effektiven Prompts vor allem, wie Sie die Qualität der KI-Ergebnisse positiv beeinflussen und unternehmerisch nutzen können. Dieses Wissen hilft Ihnen, genau das zu bekommen, was Sie brauchen. Führen Sie ein mächtiges Werkzeug mit sehr klaren Worten. Das ist eigentlich nichts anderes als gute Unternehmensführung, unterstützt durch KI. Zudem: "AI Literacy" wird zu einer Kernkompetenz. Doch es geht nicht nur um theoretisches Wissen. Beherrschen Sie die Kunst der Mensch-KI-Kollaboration. Kennen Sie die Tools, die Ihnen und Ihren Mitarbeitenden und Kollegen das Leben leichter machen, und lernen Sie sie einzusetzen. Dann sprechen Sie über Ihre Erfahrungen und sorgen so dafür, dass andere neugierig werden. So lernen Sie selbst Neues, entwickeln KI-Kompetenzen weiter und fungieren als Multiplikator in Ihrem Wirkungsbereich. Als Erweiterung zu den KI-Tools arbeiten Sie mit Wirkungsnetzwerken, verstehen Sie "agentic workflows". Wer diese Sprache nicht spricht, wird sehr bald den Anschluss verlieren. Strategische Führungsintelligenz braucht nun technologische Übersetzungskompetenz.
Blicken wir auf 2030: Welcher idealtypische Manager dominiert? Der datengetriebene "Chief Algorithm Officer" oder der empathische Leader, der den sozialen Kitt stärkt?
Dietmar Treichel: Der Sieger im Jahr 2030 versteht die menschliche Seele. Er ist der empathische "Orchestrator". Deswegen würde ich hier lieber von Leaders als von Managern sprechen. Maschinen erledigen das fleissige Rechnen und liefern die rationalen Fakten. Ein Leader gewinnt, wenn sie oder er Menschen verbindet, Potenziale entfaltet und Leidenschaft entfacht. Daten liefern die Karte, Leaders zeigen den Weg zum Gold, Manager sorgen für effizientes Schürfen. Im ganzen Prozess ist KI-Kompetenz sehr hilfreich, aber Technik wird immer mehr zum billigen Standard, über den man sich bald nicht mehr differenzieren kann. Soziale Intelligenz wird zukünftig dagegen immer wertvoller, eine starke Energiequelle für Wachstum, Innovation oder erfolgreichen Wettbewerb.
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