Wild Card

"Wie, wir hatten Mittwoch gesagt?!?"

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von Peter Hogenkamp ist CEO der Scope Content AG, die die Plattform «Scope» (thescope.com) für handkuratierte Nachrichten zu Fachthemen mit derzeit 70 Channels betreibt.

Der Zwang zur Digitalisierung erreicht auch die unwahrscheinlicheren Branchen. Wieso nach Ihrem Coiffeur bald auch Ihr Arzt an der Reihe ist.

Seit einigen Jahren gehe ich einmal pro Woche zu einem Physiotherapeuten, Christian, der mich im Kraftraum schwitzen lässt. Ja, das allein reicht noch nicht, aber immerhin ist es ein regelmässiger Indikator über den Gesamtzustand. Letzte Woche war Wiederaufnahme nach den Herbstferien, zudem hatten wir unseren Fixtermin auf einen neuen Slot geschoben. Ich stand also am Mittwochnachmittag umgezogen im Kraftraum der etwas abgelegenen Zürcher Sporthalle Utogrund – allein. Anruf bei Christian ergab: Er hatte sich Dienstag notiert.

Das war das fünfte Missverständnis dieser Art in drei Jahren – wer jeweils «schuld» war, spielt dabei keine Rolle – damit liegt unsere Fehlerwahrscheinlichkeit bei etwa 5 Prozent, jeder 20. Termin läuft ins Leere. Das ist erstaunlich viel, vor allem für den armen Christian selbst. Dabei gäbe es eine technologische Lösung für das Problem, und zwar seit 1998: iCal- beziehungsweise .ics-Dateien. Da wir beide elektronische Agenden führen, könnten wir uns Termine per Mail schicken, die immer wunderbar synchron wären. Das hatte ich natürlich angeregt – doch Christians Physio-Branchenlösung unterstützt dies nicht.

Bei dieser Gelegenheit fiel mir auf, wie sehr ich inzwischen auch von Anbietern völlig untechnischer Dienstleistungen eine Online-Schnittstelle erwarte. Schon lange reserviere ich ungern in Restaurants, die mich ans Telefon zwingen. Wenn ich per E-Mail mit jemandem abmache, will ich sicher nicht zwei Termine anlegen – einen für den Lunch, einen für den Reservierungsanruf. Auch fast jede Pneuwerkstatt hat inzwischen ein Termintool, vermutlich, weil sie vorher in der Hochsaison (wie derzeit) vor lauter Anrufen nicht mehr zum Schrauben gekommen sind. Meine Coiffeurin hat zwar kein Tool, dafür kann ich per SMS fragen, wann sie Zeit hat – Hauptsache asynchron. Das Telefon nutze ich für Termine nur noch, wenn es sich nicht vermeiden lässt, etwa bei Ärzten, die sich leider noch verschliessen, vermutlich zum Zweck einer Triage am Telefon. Doch die Zeit arbeitet auch gegen diese Offliner. Denn spätestens wenn die intelligenten Assistenten, an denen derzeit alle grossen Technologie-Player forschen, unseren Alltag organisieren, und ich zweifle nicht daran, dass das passieren wird, wird es jeder Dienstleister schwer haben, der nicht per API erreichbar ist. Wer es nicht glaubt, möge einen Hotelier fragen, für deren Branche es schon vor Jahren hiess: online oder weg vom Fenster.

Ich kann mich noch gut an das Jahr 1995 erinnern, als wir in einem Projekt des Instituts für Wirtschaftsinformatik der HSG (aus dessen Umfeld Firmen wie Namics und Crealogix entstanden) bei lokalen KMUs für das neue «World Wide Web» weibelten, die damals allerdings mehrheitlich fanden: «Internet? Mir reichen Telefon und Fax.» Manchmal dauert es ein bisschen, aber diese Tage sind inzwischen definitiv vorbei, und das Netz kommt auch in den letzten Verästelungen unseres Privatlebens an, eben zum Beispiel bei den Haaren. Ich freue mich dabei über jede neue Schnittstelle. Denn so sehr ich Christian mag: 5 Prozent sind mir zu viel. Ich suche derzeit nach einem neuen Trainer – mit iCal-Anbindung.

Mit dieser Wild Card verabschiede ich mich nach einem Jahr als Kolumnist der Netzwoche wieder. Besten Dank für die Aufmerksamkeit, machen Sie’s gut, und schauen Sie doch mal vorbei auf thescope.com.

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