E-Commerce

Zuerst kommt Couch-Commerce – erst dann wird's richtig mobil

Uhr | Aktualisiert
von Claudio Dionisio

Mobil wie die Menschen sind, müssten sie heute auch mobil einkaufen – so weit die Theorie. Im Gespräch mit der Netzwoche erklärt Malte Polzin, CEO der Brack Electronics AG, in welche Richtung sich Mobile Commerce entwickeln könnte und wo die Baustellen im E-Commerce liegen.

Malte Polzin ist CEO der Brack Electronics AG. Diese ist ein IT-Handelsunternehmen aus dem aargauischen Mägenwil, das Privat- und Geschäftskunden mit Hard- und Software sowie Unterhaltungselektronik und Haushaltgeräten beliefert. Das Sortiment umfasst über 40 000 Produkte.

Der Onlinekanal wurde in den letzten Jahren immer wichtiger. Heute erzielt Brack mehr als zwei Drittel des Umsatzes über E-Commerce. Der Onlineshop wird im nächsten Jahr rundum erneuert. Brack betreibt zusätzlich das Live-Shopping-Portal «DayDeal», das 2010 bei der «Best of Swiss Web»-Preisverleihung Gold in der Kategorie Online-Marketing gewann.

Die neuen Technologien machen den Einkauf immer mobiler. So lautet die landläufige Meinung, die zurzeit an jedem IT- und Marketing-Kongress verbreitet wird. Demzufolge wird auf dem Weg ins Büro, im Tram oder zwischen zwei Schulstunden nicht nur auf Apps, E-Mails und Websites zugegriffen, sondern eben auch mobil eingekauft – Mobile Commerce eben.

Für Malte Polzin ist dies aber noch längst nicht der Fall. Hier müsse etwa klar zwischen Smartphone- und Tablet-Nutzern unterschieden werden. Zwar sollen gemäss Statistiken heute gegen 50 Prozent der Smartphone-Nutzer auch tatsächlich von unterwegs Einkäufe tätigen. Die andere Hälfte tut das aber immer noch stationär. Stark gestiegen ist und weiterhin wachsen wird seiner Meinung nach die Bedeutung des «mobilen» Shoppens zuhause, also gemütlich vom Sofa vor der Flimmerkiste. «Couch-Commerce» der «Couch-Potatoes» ist ein grosser Trend. Aus Sicht von Polzin lohnt es sich für E-Shop-Betreiber gerade in der Schweiz mit ihrer grossen Dichte an mobilen Geräten, das Business zu ‹mobilisieren› und Konzepte auszuprobieren. In diesem Bereich müsse man unbedingt eigene Erfahrungen sammeln. Erfolgreiche bestehende Konzepte wie etwa die SBB-App liessen sich kaum auf andere Onlineshops übertragen.

Wichtiger werden die lokal ausgerichteten Mobile-Angebote. Ortsabhängige Dienste wie etwa lokale Kioske oder Angebote auf
www.local.ch werden sich in den nächsten Jahren besser etablieren können, schätzt Polzin. Dabei bleiben klassische Usability-Regeln wichtig: Ein gutes Angebot mit einem klaren Kundennutzen, eine einfache Anwendung und eine sinnvolle Community-Integration sind wichtige Voraussetzungen.

NFC soll es richten

Polzin ist der Meinung, dass das Zahlen per Near Field Communication (NFC) den Mobile Commerce deutlich voranbringen wird. Doch Mobile Payment per Handy ist noch längst nicht alltäglich. Das Ganze sei noch immer zu umständlich. Zuerst eine Nummer anrufen oder eine SMS senden und dann eventuell noch einen Code eintippen – da ist das Bezahlen per EC-Karte noch immer die einfachere Variante. Vom Prinzip her könnte NFC zwar das mobile Bezahlen und vieles Weitere schon heute problemlos ermöglichen. Aus technischen Gründen und wegen der Sicherheit tun sich aber einige Player noch schwer mit der «mobilen Brieftasche» für Smartphones. Aber das dürfte sich nach Ansicht von Polzin bereits in den nächsten Monaten stark ändern.

Multichannel ist in aller Munde – an Kongressen und in Schulen. Das Problem sei aber, dass in der praktischen Umsetzung die in jedem Kanal nötige höchste Ausführungsqualität oft sträflich vernachlässigt werde. Ein Onlineshop wird gemäss Polzin nicht nur deshalb gut, weil die Lieferung auch im Ladengeschäft abgeholt werden kann. Es brauche im digitalen Workflow auch mehr als nur eine katalogähnliche Darstellung des Angebots. Erfolg versprechend seien Pure-Player-Konzepte mit Innovationen, die dann auch mit einem anderen Kanal verbunden werden können. Nur so könne für die Zukunft eine höhere und immer wichtigere Kundenbindung erreicht werden. Aktuell benötigten viele Onlinehändler zu viel teure Neukunden.

Polzin vertritt die Ansicht, dass E-Shops technisch nicht als Frontend zum Kunden gesehen werden dürfen, sondern vielmehr als offene und vernetzbare Plattform. Via APIs und Schnittstellen können Daten und Transaktionen ausgetauscht werden. Kunden sollten sogar eigene Shops eröffnen können, wenn sie dies wollen. Amazon und Tesco in England sind da gute Beispiele.

Social Commerce – na ja

Noch nicht so recht glaubt Polzin an die Segnungen des Social Commerce. «So langsam begreifen wir, dass Social Media nicht gleich Social Commerce bedeutet – und zum Beispiel auf Facebook nicht einfach mal so Produkte verkaufbar sind.» Aus seiner Sicht sind eigenständige Plattformen, die die sozialen Mechanismen gekonnt integrieren und verbinden, noch lange nicht dort, wo sie sein könnten. «Das Ganze steckt noch in den Kinderschuhen. Vom Hinweis ‹Kunden, die das gekauft haben› muss der Wandel in Richtung ‹das könnte dir auch gefallen› gehen. Als Basis hierfür könne etwa mein Interesse an Firmen, Marken oder Themen auf Facebook dienen.»

Polzin glaubt, dass wir künftig immer häufiger unsere «Freunde» mit in einen Shop nehmen und dabei sehen können, was ihnen so gefallen hat (Stichwort «Open Graph»). Das wird uns – über die Meinung und Bewertungen von anderen Kunden hinaus – bei Kaufentscheidungen helfen.