Nachgefragt

"2015 ist ein weiterer solider Jahrgang"

Uhr | Aktualisiert
von Marcel Urech

Wozu gibt es bei Best of Swiss Apps 2015 eigentlich die Spezialkategorie "Young & Wild"? Wie weit entwickelt ist die Schweizer App-Branche? Und welche Trends gibt es an der Technologiefront? Christof Zogg, Director Digital Business bei den SBB und Jurypräsident der Kategorie "Young & Wild", gibt Auskunft.

Christof Zogg, Director Digital Business bei den SBB und Jurypräsident der Kategorie "Young & Wild". (Quelle: Microsoft)
Christof Zogg, Director Digital Business bei den SBB und Jurypräsident der Kategorie "Young & Wild". (Quelle: Microsoft)

Der Best of Swiss Apps Award steht vor der Türe. Sie sind Präsident der Jury "Young & Wild". Worum geht es da?

Christof Zogg: Um Nachwuchsförderung. App-Entwickler, die bei Dienstleistern oder in grossen Unternehmen arbeiten, dürfen in der Kategorie "Young & Wild" keine Projekte einreichen. Sie ist nur für unabhängige Programmierer. Während Europa in der Softwareentwicklung nicht mit den USA mithalten kann, sind drei der fünf grössten App-Studios der Welt europäisch. Leider sind alle drei aus Skandinavien und keines aus der Schweiz. Die Schweiz braucht gute App-Entwickler, genau diese wollen wir mit der Kategorie fördern. Die meisten der eingereichten Apps wurden von Hobby-Programmierern in ihrer Freizeit geschrieben.

Ist das Niveau dieses Jahr hoch?

Es steigt kontinuierlich an. 2015 ist ein weiterer solider Jahrgang. Letztes Jahr gab es eine Tendenz hin zu Android-Apps. Nun zielen die Entwickler meist auf iOS ab. Die Schweizer App-Branche hat sich professionalisiert. Unabhängige Programmierer können vor allem mitspielen, wenn sie mit ihren Apps auf Use Cases setzen, die sonst kaum jemand abdeckt. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Es dürfte für sie immer schwieriger werden.

Verlieren Apps nicht sowieso an Bedeutung, jetzt, wo Websites immer besser werden?

Eher nicht. Die Vorstellung, dass es keine Apps mehr braucht, ist falsch. Heute ist es ja meist so, dass selbst gut gemachte Responsive Websites nur rund 10 Prozent des mobilen Traffics erzeugen. Die restlichen 90 Prozent werden über App generiert. Die Nutzer wurden stark Richtung App erzogen, sodass sie auf Handys kaum Websites ansurfen. Wer keine App hat, findet auf Smartphones nicht statt.

Welche Trends gibt es an der Technologiefront?

Cross-Plattform-Frameworks wie Xamarin oder Phonegapp für klassische Apps und Unity für die Spielentwicklung. Sie erlauben es, einen Grossteil des Codes für mehrere Plattformen nur ein Mal zu schreiben. Ich stelle fest, dass Apps und Websites immer enger zusammenwachsen und Synergien zunehmen. Trotzdem: Publisher müssen heute mindestens Android und iOS unterstützen.

Wie weit ist die Schweizer App-Branche allgemein?

Deutlich weiter als noch vor ein paar Jahren. Die Branche hat sich ein wenig konsolidiert und bringt gleichzeitig mehr und qualitativ höheren Output. Die anfänglich auch etwas naive App-Euphorie flacht ab, da es immer schwieriger wird, mit einer App den grossen Coup zu landen. Bei Apps gibt es eine Hürde: Der Nutzer muss sie zuerst he­runterladen. Was nicht zu den Top-Apps gehört, wird kaum genutzt. Das ist für Entwickler eine Herausforderung. Publisher und Agenturen wissen heute allerdings besser, wann eine App sinnvoll ist. Ich gehe davon aus, dass die Anzahl neuer Apps aus der Schweiz tendenziell stagnieren wird. Ihre Qualität dürfte hingegen weiter steigen.

Wie kann die Schweiz gegenüber dem Ausland aufholen?

Das Problem der Schweiz ist, dass sich hier nie ein App-Cluster entwickelte. In Schweden gab es Ericsson, in Finnland Nokia, und rundherum Epizentren für Technologie-Start-ups. Bei diesem Prozess reicht es oft, wenn ein Jungunternehmen oder eine App einen grossen Erfolg landet, wie Rovio mit Angry Birds. Ein solches Leuchtturmprojekt hatte die Schweiz bisher nicht. Es gibt zwar gutgemeinte Initiativen wie Digital Zurich 2025. Ich bezweifle aber, dass staatliche Förderung allein grosse Innovationen entfachen kann. Die Schweiz brachte aus der Internetzeit erfolgreiche neue Dienstleister wie Namics oder Netcetera hervor. Ein Software-Champion, der wie SAP in die Champions League aufsteigen konnte, fehlt aber noch immer. Mit ihren Hochschulen, der Top-Infrastruktur und dem hohen Bildungsstand erfüllt die Schweiz sonst eigentlich alle Voraussetzungen, um auch in der Softwarebranche international kompetitiv sein zu können. Dass dies auch für kleine Staaten funktionieren kann, zeigte das Beispiel Israel mit dem Software-Cluster Tel Aviv.

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