Digital Economic Forum 2016

Digitalisierung bei Kerzenlicht

Uhr | Aktualisiert
von Coen Kaat

Diese Woche ist das Digital Economic Forum über die Bühne gegangen. 19 Experten referierten vor 200 Gästen, darunter die CEOs von Starmind und Avaloq. Bis die Lichter ausgingen.

Im Herzen von Zürich – im Luxushotel Park Hyatt – hat diese Woche die zweite Ausgabe des Digital Economic Forums stattgefunden. Mehr als 200 Teilnehmer lauschten 19 Rednern, die über das Zusammenspiel zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und dem technologischen Wandel sprachen.

Quasi als Amuse-Bouche erklomm Libor Voncina, Noch-CEO von Sunrise, als erster die Bühne. Seine Rede war kurz und knapp. Sie leitete aber bereits die Themen der nachfolgenden Keynotes ein, insbesondere das Kundenverhalten und die Technologienutzung.

"Menschlichkeit" bleibt Domäne des Menschen

"Science-Fiction ist Science-Fact geworden." Selbstfahrende Autos, simultane Sprachübersetzung, selbstlernende KI. Früher waren diese Technologien vollkommen undenkbar. Nun werden sie alltäglich, wie Gerd Leonhard während seiner Keynote sagte. Der Futurist widmete seine Rede den technologischen Veränderungen und wie diese wiederum den Menschen verändern.

Der moderne Mensch baue mehr Beziehungen mit Smartphones auf als mit Menschen. Die mobilen Geräte werden aber auch in anderen Bereichen unseres Lebens unersetzlich. Das gehe sogar so weit, dass wir quasi handlungsunfähig seien, wenn wir diese "externen Gehirne" nicht dabei hätten.

Die Leistung von Computern wächst gemäss Leonhard derzeit exponentiell. In fünf Jahren wird ein Rechner die Kapazität eines menschlichen Gehirns erreichen. In 25 Jahren habe ein Computer die gleiche Kapazität wie alle Gehirne der gesamten Menschheit zusammengezählt. 

"Wenn Sie einem Beruf nachgehen, der Routine beinhaltet, wird früher oder später eine Maschine diese Arbeit verrichten", sagte Leonhard. Wir sollten die Fähigkeiten der Maschinen jedoch nicht überschätzen. Gewisse Bereiche werden auch weiterhin die Domäne des Menschen bleiben: Menschlichkeit, Empathie, Gefühle, Design, Verhandlungen. Diese unersetzbaren Beschäftigungen werden daher immer wertvoller.

Ein Hirn für Unternehmen

Auch Pascal Kaufmann, ehemals Hirnforscher und nun CEO von Starmind, relativierte das Potenzial von KI ein wenig. "Vieles, was wir heute als künstliche Intelligenz bezeichnen, ist lediglich die Intelligenz des Programmierers, die wir in einer Blechdose betrachten", sagte er.

Die Technologie werde zwar exponentiell zunehmen. Aber welche Technologie? Vor hundert Jahren, sagte er, hätten die Menschen gedacht, der Himmel werde bald vor Zeppelinen wimmeln und die Strassen im Dreck der vielen Pferdekutschen untergehen. Die Welt habe sich aber offensichtlich in damals noch unvorstellbare Richtungen entwickelt.

Starmind, erklärte der CEO, verkauft "Gehirne" für Unternehmen. Wann immer das Unternehmen eine Anfrage erhalte, prüfe das Gehirn zunächst, ob diese schon mal beantwortet worden sei. Falls ja, hole es sich die fertige Antwort.

Bei den übrigen 20 Prozent suche das Gehirn den korrekten Ansprechpartner in einem Mitarbeiter-Netzwerk. Das Hirn passe sich an. Mit der Zeit lerne es, welche Fragen es welchen Experten weiterleiten soll. Dem CEO bietet die Lösung einen Überblick darüber, welche Problemstellungen gelöst werden, welche Antworten nur abgerufen werden und was nicht gelöst werden kann, wie er weiter sagte.

Digitale Ökonomie für einmal analog

Und dann fiel der Strom aus. Mitten in seinen Ausführungen. Zwei Transformatoren im Unterwerk Katz hatten sich ausgeschaltet, wie die EWZ auf Twitter mitteilten. In der ganzen Innenstadt waren die Lichter ausgefallen. Sogar die Trams auf der Bahnhofstrasse standen rund eine Stunde still.

Weder Kaufmann noch die Veranstalter liessen sich davon aber aus dem Konzept bringen. Der Starmind-CEO beendete seinen Vortrag im Halbdunkel. Die Organisatoren wandelten die Veranstaltungen mit Kerzen kurzerhand in das "Analog Economic Forum" um – bis die Störung wieder behoben war.

Mundpropaganda auf Steroiden

Für die sogenannte inspirierende Keynote holten die Veranstalter den amerikanischen Autor Erik Qualman auf die Bühne. Mit seinem Referat wollte er aufzeigen, wie wichtig Social Media ist und sein wird.

"Word of mouth is now on digital steroids", sagte er. "Now it’s world of mouth." Die digitalen Medien hätten die Mundpropaganda auf ein neues Level gehoben und global vernetzt.

Als Unternehmen und auch als Privatperson müsse man daran denken, dass Onlinebewertungen immer mehr Gewicht erhalten. Künftig werde man etwa nicht mehr nur das Restaurant, das man besucht, beurteilen können, sondern auch den Kellner, der für den Tisch zuständig war.

Die Spuren, die ein Unternehmen oder dessen Produkt online hinterlässt, sollten daher nicht negiert, sondern strategisch und proaktiv angegangen werden.

Die Technologie ist nicht der Treiber

Ein Gedanke, den auch Kamales Lardi, Managing Partner bei Lardi & Partner Consulting, während ihrer Rede aufgriff. Social Media und digitales Marketing hätten schon viele Unternehmen akzeptiert und adoptiert. Das seien aber nur die einfachsten Zugangspunkte zur Digitalisierung.

Um wirklich erfolgreich zu sein, müsse man mehr in die Tiefe gehen. Als Beispiel nannte sie den Schuhhersteller Nike. Dieser kreierte zunächst ein digitales Produkt mit der Plattform Nike Plus. Das bot eine Interaktion mit den Kunden.

Später konnten Nutzer über die Plattform Schuhe personalisieren, was schliesslich zur Massenproduktion von personalisierten Schuhen führte. So führte das Unternehmen neue Geschäftsmodelle und Produktionsabläufe ein, die sich auf das gesamte Unternehmen auswirkten, wie sie sagte.

Ein wichtiger Erfolgsfaktor, den Lardi den Teilnehmern als Ratschlag mit auf den Weg gab: "Bleibt kundenorientiert!" Unternehmen konzentrieren sich heutzutage viel zu stark auf neue Technologien. Sie sollten sich gemäss Lardi aber mehr darauf konzentrieren, wie sich diese auf die Kunden auswirken. Denn letztlich seien es die Kunden, die das Geschäft vorantreiben.

"Die Schweiz ist ein Entwicklungsland"

Reto Schnyder, CEO von Break / Through Ventures, stimmt dieser Haltung wohl zu. "Industrie 4.0 betrifft trotz des Namens nicht nur die Industrie", sagte er. Man muss schon beim Endkonsumenten ansetzen.

Als Beispiel nannte er etwa Urban Manufacturing. So rückt die Produktion näher an den Konsumenten heran. Einen Händler brauche es dann auch nicht mehr.

"Die Schweiz verfügt über alle Zutaten, die sie braucht, um ein digitaler Vorreiter zu werden", sagte er. Die finanziellen Mittel, die Infrastruktur, die Ausbildungsbasis. "Wir werden die industrielle Revolution gut meistern."

Was die Start-up- und Fintech-Szene betrifft, sei die Schweiz aber noch ein Entwicklungsland. Beim Mobile Payment etwa sei die Schweiz dem Ausland "meilenweit hinterher", obwohl sie eigentlich viel weiter sein könnte. 

"Twint und Paymit werden das Rennen nicht machen"

Die Thematik griff Francisco Fernandez, CEO von Avaloq, ebenfalls auf. Die Schweizer Mobile-Payment-Lösungen "Twint und Paymit werden das Rennen nicht machen", sagte Fernandez. In der Branche werde sich "Big and Simple" durchsetzen.

Denn wenn ein Händler an seinem Point of Sale eine mobile Bezahllösung einführt, soll sie zwei Bedingungen erfüllen: Sie soll möglichst viele Kunden abdecken und der Händler will möglichst nichts dafür zahlen müssen – also idealerweise ganz ohne zusätzliche Infrastruktur auskommen.

Sogar wenn man die Kundenbasis von Twint und Paymit zusammenzählt, erreicht sie nicht die Grösse, die etwa Alipay hat. Das Bezahlsystem des chinesischen Unternehmens Alibaba zählt gemäss Fernandez derzeit 450 Millionen zahlende Kunden. Und bald mischen auch Facebook, Apple und Google in dem Markt mit – alle mit einem Kundenstamm in Milliardenhöhe. Big and Simple.

Der CEO dachte noch einen Schritt weiter: "Die beste Finanztransaktion ist die, die man nicht sieht." Zahlungen sollen künftig nicht im Banking-Portal erfolgen, sondern möglichst einfach per Irisscan oder mit einer vergleichbaren Authentifizierung.

"Man bezahlt mit der Privatsphäre"

Das Problem mit derartigen Systemen sei jedoch, dass alle Daten vernetzt werden. "Man bezahlt mit der Privatsphäre", sagte er. Das könne auch bedeuten, dass künftig jemand, der keinen digitalen Footprint hat, auch nicht für einen Kredit infrage kommen könnte.

Am Ende des zweiten Digital Economic Forum schauten die Veranstalter bereits auf das dritte, das nächstes Jahr stattfinden wird. Wie Veranstalter und CEO von Premium Speakers Oliver Stoldt sagte, überlegen sie eine Expansion nach China oder in die USA. Zudem gründeten sie einen Board, um die Marke "Digital Economic Forum" weiterzuentwickeln.

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