Gast-Interview

Marc Walder: "Der Lehrplan hat sich in den letzten 40 Jahren nur marginal verändert"

Uhr | Aktualisiert
von Fridel Rickenbacher, Mitglied Redaktion SwissICT, Mitbegründer und CIO der MIT-Group

Ringier-CEO Marc Walder hat den Medienkonzern zu einem digitalen Ökosystem umgebaut und die Standortinitiative Digitalswitzerland aufgebaut. Weshalb dies erst der Anfang der Transformation ist und welche Herausforderungen besonders wichtig werden, erläutert er im Interview mit der SwissICT-Redaktion.

Marc Walder, CEO von Ringier. (Source: Corbis)
Marc Walder, CEO von Ringier. (Source: Corbis)

Ihre Idee zur Gründung einer Initiative zum Thema Digitalisierung hat sich gelohnt. War der anfängliche Widerstand oder ist nun die Umsetzung zur Digitalisierung die grössere Herausforderung?

Marc Walder: Die Digitalisierung ist bereits in vollem Gange und die Geschwindigkeit, mit der sie voranschreitet wird weiter zunehmen. Deswegen ist die Umsetzung die primäre Herausforderung: Diese muss von jedem einzelnen mitgetragen werden, weswegen mir der erste Digitaltag im Herbst 2017 wichtig war und der nächste am 25. Oktober 2018 ebenso wichtig ist. Denn hier wollen wir die Bevölkerung abholen und miteinbeziehen, Ängste und Bedenken ernst nehmen und die Chancen der Digitalisierung aufzeigen. Digitalswitzerland hat es geschafft, Wirtschaft und Forschung – und zu gewissen Teilen auch die Politik – gemeinsam hinter einem Ziel zu versammeln, um den digitalen Standort Schweiz nachhaltig zu stärken, ja gar führend in Europa zu machen.

Speziell im Bereich der digitalisierten Werbung und Medien scheinen die sprunghaft anwachsenden US-Unternehmen nur noch "Brosamen" für Europa und die Schweiz übrig zu lassen? Können Sie oder wir etwas machen gegen diesen digitalen "Tsunami"?

Die digitale Transformation lässt sich nicht aufhalten. Es wäre aber ein Fehler, sich dem Wandel zu verschliessen oder gar zu ergeben. Die Schweiz hat alle Voraussetzungen, um in diesem Wettbewerb Richtung digitale Zukunft nicht nur zu bestehen, sondern aktiv und innovativ mit technischem Know-how und Errungenschaften, Visionen, Talenten und den besten Hochschulen mitzugestalten. Diese Stärken und unsere Werte müssen wir zu unserem Vorteil nutzen, damit wir bereit sind, um die Chancen der Digitalisierung auch packen zu können. Dass man es als Schweizer Medienhaus mit einer eigenen Daten- und Technologieplattform gegen Produkte von internationalen Anbietern aufnehmen kann, beweist Ringier. Unser Projekt «Using advanced Artificial Intelligence to generate reader revenue and boost user engagement» wurde für die verwendete "Best in Class"­Technologie, die auf künstlicher Intelligenz basiert, bei den Global Biggies Awards im März in New York mit dem "Best of Show Award" und am 5. Juni mit dem prestigeträchtigen INMA "Global Media Award" in der Kategorie "Best idea to grow digital readership or engagement" ausgezeichnet. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass es uns innerhalb von weniger als zwei Jahren und mit einem verhältnismässig kleinen Team gelingen würde, uns in diesem stark besetzten Award Wettbewerbsumfeld zu beweisen. Für uns ist das ein toller Erfolg, der uns in unserer Strategie und deren Umsetzung bestätigt.

Reicht Ihre angetriebene Initiative Digitalswitzerland oder das mehrfach genannte "Programmieren als 5. Landessprache" für diese Challenge?

Es ist ein erster Schritt und wir sind stolz, was wir bei Digitalswitzerland in weniger als drei Jahren bereits erreicht haben. Innerhalb dieser Zeit sind wir von anfänglich 10 auf bereits über 110 Mitglieder angewachsen und können mit unseren lancierten digitalen Initiativen und Projekten noch mehr Wirkung erzielen. Die Digitalisierung durchdringt alle unsere Lebensbereiche und betrifft jeden einzelnen von uns. Deswegen braucht es einen sektorübergreifenden, landesweiten Schulterschluss und die Einbindung der Bevölkerung, so wie wir es mit Digitalswitzerland anstreben. Sehr am Herzen liegt mir persönlich dabei die Bildung unserer nächsten Generation. Mit dem Codieren alleine ist es jedoch nicht gemacht, es braucht weitere Initiativen, um unsere Jüngsten auf die Herausforderungen und die Ansprüche von morgen vorzubereiten. Ich bin immer wieder erstaunt, dass sich der Lehrplan in den letzten vierzig Jahren nur marginal verändert hat. Meine Kinder lernen beinahe das Gleiche wie ich zu meiner Schulzeit. Dabei sind unsere Welt und die Anforderungen im späteren Berufsleben in vielen Bereichen komplett anders. Um mit den aktuellen Entwicklungen mitzuhalten, muss auch unser Bildungssystem entsprechend angepasst werden. Auch dort setzen wir mit unseren Initiativen an.

Hat sich in der hochdynamischen und mitunter kurzlebigen Zeit etwas geändert in Ihrem Mindset?

Ich habe bis jetzt noch niemanden kennengelernt, der die Auswirkungen der Digitalisierung überschätzt hat. Taavi Kotka, der visionäre Mann, der Estland betreffend der Digitalisierung zu einem weltweit beachteten Showcase gemacht hat, hat einmal zu mir gesagt: "Weisst du, Marc, du hast einen schwierigen Job mit Digitalswitzerland." "Warum?", habe ich gefragt. "Weil die Schweiz nicht leiden muss. Solange es der Schweiz so wahnsinnig gut geht, ist die Bereitschaft nicht besonders gross, umzudenken." Und ich habe geantwortet, dass die Schweizerinnen und Schweizer gescheit und darum bereit seien, Dinge früh genug zu verändern.

Wie stehen Sie zur treuhänderischen Rolle von Medienunternehmen bei der Verwaltung, Speicherung, Verarbeitung oder gar dem Profiling der personenbezogenen Daten von Abonnenten?

Als verantwortungsvoll agierendes Medienunternehmen ist es unsere oberste Pflicht, die Persönlichkeitsrechte der Abonnenten zu wahren und zu schützen. Uns ist das Vertrauen unserer Abonnenten, dass wir sorgfältig mit ihren Personendaten umgehen, sehr wichtig. Wir legen deshalb viel Wert auf einen datenschutzrechtlich korrekten Umgang mit diesen Daten. Wir informieren beispielsweise bei jeder Bearbeitung der Personendaten darüber, was wir mit den Daten tun und erklären, wie einer Datenbearbeitung widersprochen werden kann. Für mich ist es nicht vorstellbar, dass man mit Themen wie Privacy, Informationsethik und Grundrecht der Datenhoheit in der heutigen Zeit fahrlässig umgeht oder sie gar ganz ignoriert.

Wird der digitale Fussabdruck der Schweiz ausgewogen genug geschützt seitens der digitalen Gesellschaft und Unternehmen?

In der Schweiz besteht bezüglich des "digital footprints" noch zu wenig Bewusstsein sowohl für jeden einzelnen, als auch von Seiten der Gesellschaft und Wirtschaft. Mit den Digitalswitzerland-Initiativen steigern wir dieses Bewusstsein und adressieren alle Anspruchsgruppen: Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.

Strategien und Führung zu Innovationen und Digitalisierung funktionieren wie rettende Fallschirme … Am besten wenn sie offen und auch dosiert "secure minded" sind. Wie sehen Sie das?

Bei meinen Besuchen im Silicon Valley habe ich vieles von dem gelernt, was wir in den letzten Jahren bei Ringier umgesetzt haben. Wir sind viel offener geworden, Neuem eine Chance zu geben und zu testen, bevor wir eine Idee abschreiben. Mittlerweile ist aus dem traditionellen Verlagshaus Ringier ein international agierender, moderner Medienkonzern mit einer integrierten und diversifizierten Wertschöpfungskette geworden. Unsere Strategie baut nicht mehr nur auf Medien, sondern auch auf Digitalisierung und Entertainment auf. Unsere Risikobereitschaft und unser Mut zu diversifizieren, wurde belohnt: Ende 2017 erzielt Ringier 42 Prozent seiner Erlöse mit digitalen Geschäftsmodellen. 66 Prozent des operativen Gewinns stammen aus digitalen Geschäften. Damit befinden wir uns in puncto Digitalisierung unter den führenden Medienunternehmen Europas. 2012 lag der digitale EBITDA-Anteil noch bei null Prozent. Diese kontinuierliche Steigerung war möglich, weil Management und alle Mitarbeitende das Unternehmen in allen Märkten und auf allen drei Kontinenten weiter transformiert und diversifiziert haben. Wir setzten unsere eingeschlagene Strategie fort, in digitale, transaktionsbasierte Geschäfte zu investieren und auf starke Allianzen zu setzen. Die Komplexität von Ringier ist gross. Wir sind in verschiedenen Industrien – Journalismus, E-Commerce, Online-Rubriken, Sportvermarktung, Ticketing, Radio – tätig. Wir achten gut darauf, dass das Management die Kompetenz hat, dieses Portfolio zu handhaben und die Transformation des Unternehmens verantwortungsvoll weiter zu treiben.

Cyber Crime wird zu einem immer brisanteren Thema. Sind die Schweizer Medien genügend gesichert und sensibilisiert für die neuen Datenschutzregulationen wie das Datenschutzgesetz (DSG) oder die europäische Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO)?

Datenschutz sowie auch die Datensicherheit sind insbesondere durch die Umsetzung der genannten Datenschutzgesetze sehr aktuelle Themen, welche aus dem Alltag eines Medienunternehmens nicht mehr wegzudenken sind. Die Sensibilisierung hat deshalb definitiv stattgefunden. Das zeigen auch aktuelle Fälle wie der Datenmissbrauch bei Facebook. Datenschutz und -sicherheit sind ein Thema. Es sind sicherlich sehr viele Massnahmen ergriffen worden, um den Datenschutz bzw. die Datensicherheit zu erhöhen, aber letztlich wird es immer wieder kriminelle Köpfe geben, die alles daran setzen, die neuesten technischen Massnahmen zu umgehen und unsere Systeme bedrohen oder gar hacken. Ich denke, man muss beides – Datenschutz und Datensicherheit – als einen Prozess betrachten und nicht als Produkt. Prozesse müssen ständig überprüft und angepasst werden. Es ist wichtig, entsprechende Fachleute Inhouse zu haben, die hierfür Sorge tragen.

Als ehemaliger Tennisprofi ist Ihnen der Spagat auf dem Spielfeld zwischen Agilität, Ausdauer, Schnellkraft, Präzision und Strategie ja bekannt. Welche Strategie und Stärken wählen Sie auf dem geschäftlichen Spielfeld im "Final der Digitalisierung"?

Wir haben diversifiziert und digitalisiert, um es auf einen Satz zu verkürzen. Die journalistischen Unternehmen – Zeitungen, Zeitschriften, digitale Portale – sind Teil dieses neuen Ökosystems der Ringier-Gruppe. Ein Verlag kann heute dem Kunden nicht nur Werbeplätze anbieten. Kreative Lösungen werden verlangt, egal ob jemand ein neues Auto, einen Schokoriegel, einen Ski-Pass oder ein Smartphone verkaufen will. Unsere Aufgabe ist es, beispielsweise mit "Blick", "Schweizer Illustrierte", "Bilanz" oder "Handelszeitung" kommerzielle Gesamtpakete zu entwickeln, damit der Kunde seine Kommunikationsbedürfnisse am besten zu erfüllen vermag. Darüber hinaus geht es um das pure, von Computern betriebene Datengeschäft. Das sind die beiden grossen Themenfelder, die uns herausfordern. Hinzu kommt Video als ein immer wichtiger werdendes Thema. Video wächst und wächst. Die "Blick"-Gruppe verzeichnete im vergangenen Jahr 340 Millionen Video-Views, Tendenz weiterhin massiv steigend. Videos sind aus Sicht der User sehr attraktiv, aber auch aus Sicht des Werbemarkts. Also haben wir darauf reagiert und Video in den vorhin erwähnten Paketlösungen berücksichtigt. Am liebsten hat der Kunde ein Video, das sich auch viral stark verbreitet. Ich meine nicht klassische Video-Werbung.

Webcode
DPF8_105418

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