Kolumne

IT und Covid-19: eine Zwischenbilanz in 5 Thesen

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von Hannes P. Lubich, Professor für Informatik, Fachhochschule Nordwestschweiz

Kein Vorhaben der letzten Jahre hat der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft einen ­solchen – notgedrungenen – Schub versetzt wie Covid-19. Jedoch sind nicht alle Auswirkungen positiv. Es ist Zeit für eine Zwischenbilanz.

Hannes P. Lubich, Professor für Informatik, Fachhochschule Nordwestschweiz. (Source: zVg)
Hannes P. Lubich, Professor für Informatik, Fachhochschule Nordwestschweiz. (Source: zVg)

1. Wir werden noch abhängiger von IT

Das vernetzte Homeoffice erhält grössere Bedeutung. Mitarbeitende schätzen den Wegfall von Arbeitswegen und die Freiheit, den Tagesablauf mit geschäftlichen und privaten Verpflichtungen flexibler gestalten zu können, sofern die Voraussetzungen gegeben sind. Die Bereitschaft und Fähigkeit, Videokonferenzen, Chats, Collaboration-Tools usw. produktiv zu nutzen, ist trotz Datenschutzbedenken stark gestiegen, wobei auch negative Effekte wie der Einsatz von Überwachungssoftware auftreten. Zudem hat der Onlinehandel über Webshops einen Boom erlebt. Auch bei Projekt- und Beratungsleistungen ist kein grösserer Einbruch zu befürchten. Nicht getätigte Investitionen sind meist nur verschoben. Unsere Abhängigkeit von IT-Diensten erhöht sich also weiter.

2. Die Performance reicht, die Sicherheit hat gelitten

Bandbreitenintensive Dienste wurden rasch und ohne grössere Qualitätsprobleme eingeschränkt – dies konnte den zusätzlichen Bandbreitenbedarf durch Videokonferenzen etc. kompensieren. Jedoch hat die Sicherheit vieler IT-Umgebungen gelitten, unter anderem durch Homeoffice auf Privatgeräten mit Mischnutzung, aber oft ohne VPN, Malware-Schutz usw.; offene Ports für Conferencing-/Collaboration-Tools; Einsatz unsicherer Tools (Mängel bei Passwortschutz, Chiffrierung usw.); Ausserkraftsetzung von Sicherheitsregeln; Ad-hoc-Nutzung von Cloud-Diensten trotz Datenschutzbedenken und Schäden durch Covid-19-spezifische Internetkriminalität.

3. Business-Continuity-Konzepte teils unzureichend

Die Pandemie-Pläne vieler Firmen waren nur für kurzfristige Ausbrüche und Verläufe geeignet, dementsprechend gab es viele Experimente mit "Büro vs. Homeoffice-Mix", Separierung in A- und B-Teams, Stellvertretungen usw. Die Redundanz- und Wiederanlaufplanung berücksichtigt zudem oft nicht die Homeoffice-Infrastrukturen und die Nutzung des öffentlichen Internets.

4. IT-Architekturen und Betriebsmodelle müssen sich verändern

Die Architektur der IT muss an neue Anforderungen angepasst werden. Treiber sind hierbei die: Nutzung von Multi-Cloud-Diensten mit komplexen Schnittstellen zur lokalen IT; die Koexistenz verteilter Infrastrukturen ("Edge Computing" und "Hubs") im Homeoffice mit zentralen IT-Umgebungen; die Verfügbarkeit starker Ende-zu-Ende-Chiffrierung und Nutzung von "Zero Trust"-Modellen und die technische, organisatorische und rechtliche Integration privater IT-Infrastrukturen.

5. Budgets und Zeitpläne der IT werden stärker ­hinterfragt

Umfragen zeigen, dass je nach Branche sowohl Einsparungen als auch Budgeterhöhungen geplant sind – es gibt keinen klaren Trend. Es ist aber unklar, ob IT-Planungen und Budgets von den Auftraggebern noch ernst genommen werden, wenn die Umstellung auf Homeoffice im Lockdown so rasch und mit "Bordmitteln" meist ohne grössere Probleme erfolgte. Zudem müssen CIOs aufzeigen, wie der Rückstau verschobener Investitionen und "Aufräumarbeiten" nach Covid-19 abgearbeitet werden können.

Fazit

Covid-19 ist ein stärkerer Treiber für IT-Akzeptanz und IT-Abhängigkeit als alle Megatrends der letzten Jahre. Ob dies für die nachhaltige Entwicklung der IT positiv ist oder die Komplexität der IT durch "Ad hoc"-Massnahmen nur weiter erhöht, bleibt jedoch abzuwarten.

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