Verbandsnachrichten von Asut

Vernetzte Schweiz oder digitales Réduit?

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von Judith Bellaiche, Präsidentin Asut

Globale Datenströme, Lieferketten und Plattformen verändern die Spielregeln von Wirtschaft und Politik – und zwingen die Schweiz, ihre Rolle im digitalen Machtgefüge neu zu definieren. Statt auf Abschottung oder technologische Autarkie zu setzen, kann sie ihre Souveränität nur als vernetzter, kompetenter und vertrauenswürdiger Knotenpunkt sichern.

Judith Bellaiche, Präsidentin Asut. (Source: zVg)
Judith Bellaiche, Präsidentin Asut. (Source: zVg)

Die digitale Transformation ist eine der radikalsten Veränderungen, welche die Menschheit je gesehen hat. Neben der Arbeitswelt betrifft sie auch das weltweite Machtgefüge: Wer hat Zugang zu diesen Technologien? Es stellt sich die Frage, welche Rolle die Schweiz als souveränes Land in dieser Transformation einnehmen will. 

"Digitale Souveränität bedeutet, als Staat über die erforderliche Kontroll- und Handlungsfähigkeit im digitalen Raum zu verfügen, um die Erfüllung staatlicher Aufgaben sicherzustellen", lautet die Definition des Bundesrats in seinem Bericht "Digitale Souveränität der Schweiz" vom 26. November 2025. Hinter der nüchternen Verwaltungssprache steckt ein klarer strategischer Ansatz: Die Schweiz will ihre digitale Zukunft nicht durch Abschottung sichern, sondern durch technische Kompetenz, offene Standards und kluge Beschaffungspolitik.

In der europäischen Debatte um die digitale Souveränität dominieren oft Extreme und insbesondere eine umfassende Regulierung, welche die Wirtschaft behindert und Innovationen bremst. Der Bundesrat aber wählt einen dritten, typisch schweizerischen Weg: Souveränität entsteht nicht durch Verbote, sondern durch Optionen. Wer Alternativen hat, bleibt handlungsfähig.

Abschottung schafft keine Sicherheit

Dahinter steht eine strategische Einsicht: Digitale Souveränität ist keine Frage der Autarkie, sondern der Gestaltungsmacht. Ein kleines, hochvernetztes Land wie die Schweiz kann seine Position nicht durch Rückzug sichern. Unsere Stärke lag historisch nie in der Isolation, sondern in der Fähigkeit, globale Technologien aufzunehmen, weiterzuentwickeln und in eigenständige Lösungen zu übersetzen. Abschottung schafft keine Sicherheit, sondern eine neue Abhängigkeit von den selbst gesetzten Grenzen.

In einer Welt, in der Datenströme, Lieferketten und Plattformen geopolitisch instrumentalisiert werden, ist das Réduit keine Option. Die Schweiz ist zu klein, um alles selbst zu bauen – aber gross genug, um Standards zu setzen und vertrauenswürdiger Knotenpunkt zu sein. 
Digitale Souveränität bedeutet also nicht, erprobte und bewährte Kooperationen zu beenden. Oder dass jedes Stück Hardware und Software "Made in Switzerland" sein muss. Sie bedeutet, sich kompetent, selbstbewusst und vernetzt zu bewegen. Für die Schweiz ist das kein Bruch mit der Tradition, sondern deren logische Fortsetzung im digitalen Zeitalter.

Knotenpunkt Schweiz

Der Bericht des Bundesrates steht nicht im luftleeren Raum. Er ist Teil einer grösseren strategischen Suche – und zwar der Suche der Schweiz nach ihrer Rolle in einer Welt, die geopolitisch fragmentierter, wirtschaftlich unsicherer und technologisch dominanter wird. Lange konnte sich unser Land darauf verlassen, dass Globalisierung vor allem Markt bedeutet. Heute zeigt sich, dass sie zunehmend Macht bedeutet – Macht über Lieferketten, Infrastrukturen, Technologien – und damit über Handlungsspielräume ganzer Gesellschaften.

Die digitale Transformation verschärft dieses Spannungsfeld. Wo früher Elektrizität Muskelkraft ersetzte, vervielfacht Digitalisierung heute Entscheidungsmacht. Wer Plattformen kontrolliert, Datenflüsse steuert und Standards setzt, bestimmt nicht nur Märkte, sondern auch politische Realitäten. Die digitale Frage ist damit untrennbar mit der geopolitischen verknüpft. Für die Schweiz heisst das: Sie kann sich nicht mehr mit einer rein reaktiven Digitalpolitik begnügen. Sie muss ihre Position aktiv definieren – nicht aus Imagegründen, sondern im Interesse von Wohlstand, Demokratie und Freiheit.

Souveränität ist nicht gleich "Unabhängigkeit"

Swiss Data Alliance, der unabhängige Thinktank für Datenpolitik, schärft den Begriff der digitalen Souveränität deutlich. Digitale Souveränität sei kein Sammelbegriff für alles, was mit IT, Plattformen oder Digitalisierung zu tun hat. Sie werde dort relevant, wo drei Kriterien gleichzeitig erfüllt sind: Es braucht einen digitalen Bezug, einen Bezug zum Territorium der Schweiz sowie eine institutionelle Betroffenheit des Staates. Erst wenn die Funktionsfähigkeit der Schweiz als Staat gefährdet ist, stellt sich überhaupt eine Souveränitätsfrage – etwa bei einem flächendeckenden Cyberangriff auf kritische Infrastrukturen. 

Damit widerspricht diese Sichtweise auch der verbreiteten Gleichsetzung von Souveränität und "Unabhängigkeit". Abhängigkeiten sind Teil jeder vernetzten Ordnung – entscheidend ist, ob sie bewusst gesteuert, verstanden und notfalls abgefedert werden können.

Abhängigkeiten lassen sich nicht ignorieren

Dabei befindet sich die Schweiz in einer paradoxen Lage. Sie ist klein, aber extrem vernetzt. Sie steht nicht im Zentrum der Machtpolitik, aber im Zentrum vieler globaler Wertschöpfungsketten: Finanzströme, Handel, Pharma, Forschung sowie Präzisionsindustrie. Abhängigkeiten werden sichtbar bei Energie, Chips oder Dateninfrastrukturen – und lassen sich nicht mehr ignorieren.

Gerade deshalb könnte die richtige Rolle der Schweiz nicht die einer digitalen Grossmacht sein, sondern die eines hochinnovativen und vertrauenswürdigen Standorts. Nicht als digitale Insel, sondern als vermittelnder Hub zwischen unterschiedlichen Interessen, Technologien und Machtblöcken.

Digitale Souveränität bedeutet in diesem Verständnis nicht Autarkie. Sie bedeutet, reale Abhängigkeiten bewusst zu managen. Sie entsteht durch kluge Rahmenbedingungen, Offenheit für den Austausch sowie die Fähigkeit, Win-win-Beziehungen zu schaffen. Genau darin liegt eine traditionelle Stärke der Schweiz: im Multilateralismus.

Der Bericht des Bundesrats passt in dieses Bild. Er versteht Souveränität nicht als Rückzug, sondern als Kompetenz zur Vernetzung; nicht als Kontrolle um der Kontrolle willen, sondern als Gestaltungsmacht in einer Welt, die grösser ist als das eigene Territorium – und gerade deshalb aktive, souveräne Akteure braucht.


Swiss Telecommunication Summit am 25. Juni 2026 im Kursaal Bern

Vernetzte Schweiz oder digitales Réduit? Zwischen Offenheit und Abschottung in einer vernetzten Welt 

Am traditionellen Get-together der Schweizer ICT-Branche treffen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Forschung und tauschen sich zu aktuellen Trends und Themen aus.

Unter dem Motto "Vernetzte Schweiz oder digitales Réduit? Zwischen Offenheit und Abschottung in einer vernetzten Welt" steht der Swiss Telecommunication Summit ganz im Zeichen der aktuellen geopolitischen Herausforderungen. Wie kann die Schweiz ihre digitale Handlungsfreiheit sichern? Wie viel Unabhängigkeit ist in einer global vernetzten Welt möglich – und überhaupt wünschenswert? Kann ein digitales Réduit Schutz bieten, oder braucht die Schweiz gerade wegen ihrer offenen Wirtschaft internationale Vernetzung?

Renommierte Vertreterinnen und Vertreter führender Unternehmen wie Nvidia, Microsoft, ­Proton und Oracle, die CEOs der grossen Schweizer Telekomanbieter sowie Mitglieder des Parlaments diskutieren und sprechen über Chancen, Risiken und Handlungsmöglichkeiten einer souveränen Schweiz im digitalen Zeitalter.


Wann: 25. Juni 2026, 09.15 – 17.00 Uhr 
Wo: Kursaal Bern, Kornhausstrasse 3, 3013 Bern
Anmeldung: events.asut.ch

Webcode
pqHU3EFt