So will das BFS das Schweizer Datenökosystem zum Laufen bringen
Gute Daten sind die Währung für verlässliche KI, doch das Potenzial vieler Schweizer Dateninitiativen verpufft ungenutzt. BFS-Direktor Georges-Simon Ulrich ortet das Problem bei fehlenden Standards und mangelnder Governance. Er spricht darüber, wie das BFS als "Data Steward" ein nationales Datenökosystem mit klaren Regeln aufbaut.
Gemäss einer im August 2025 publizierten BFH-Studie gibt es in der Schweiz bereits über 100 Data-Sharing-Initiativen, die jedoch oftmals hinter ihrem Potenzial zurückbleiben. Was bremst den Erfolg solcher Dateninitiativen aus?
Georges-Simon Ulrich: Viele Initiativen starten mit grossem Engagement, aber ohne klare Grundlagen. Oft ist nicht klar genug festgelegt, nach welchen Standards die Daten beschrieben werden und wer wofür verantwortlich ist. Das ist schade, denn Daten entfalten ihren Wert nicht automatisch. Sie müssen von Anfang an so erhoben und beschrieben werden, dass sie mehrfach nutzbar sind. Diese Arbeit muss dauerhaft geleistet werden, damit der Nutzen aus den Daten über einen längeren Zeitraum bestehen bleibt.
Weshalb gelingt dies nicht immer?
Datenräume sind nicht nur Daten- oder IT-Projekte, sondern Organisationsprojekte. Die Teilnehmenden haben eine Verantwortung dafür, dass ihre Daten für andere nutzbar sind. Das ist sehr aufwändig, insbesondere langfristig. Wenn also Interoperabilität – technisch, semantisch, organisatorisch und rechtlich – nicht systematisch mitgedacht wird, entstehen isolierte Dateninseln statt skalierbarer Lösungen. Viele Initiativen bleiben so im Stadium eines Pilotprojekts stecken.
Datenräume leben von Vertrauen und gemeinsamen Standards. Welchen Beitrag leistet das BFS, um die Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteuren zu stärken?
Das BFS nimmt seine Rolle als Swiss Data Steward wahr. Das bedeutet: Wir unterstützen die anderen dabei, dass ihre Daten bereits beim Entstehen interoperabel, dokumentiert und langfristig nutzbar sind. Dazu gehören harmonisierte Klassifikationen, klare Metadatenstandards sowie Referenzregister wie das UID- oder das Betriebs- und Unternehmensregister. Wir schaffen Transparenz über vorhandene Datensätze, Schnittstellen und Leistungen – etwa mit Plattformen wie I14Y und opendata.swiss, die wir übrigens derzeit zusammenführen zur neuen Plattform metadata.swiss. Metadaten wirken dabei wie eine Landkarte im Datendickicht: Sie machen transparent, welche Daten es gibt und wie sie genutzt werden können. Im Rahmen des nationalen Datenökosystems Schweiz arbeiten wir eng mit der Bundeskanzlei, den Departementen sowie Kantonen und Gemeinden daran, die Datennutzung in der ganzen Schweiz besser zu koordinieren. Ziel ist eine koordinierte und nachhaltige Datennutzung über alle föderalen Ebenen hinweg.
Es scheitert oft nicht an der Technik, sondern an Governance und Standards. Wo muss die Schweiz jetzt am dringendsten ansetzen, um international nicht den Anschluss zu verlieren?
International verlieren wir nicht den Anschluss durch fehlende Technologie, sondern wenn unsere Datenlösungen nicht zusammenpassen. Entscheidend ist, dass Datenräume in einzelnen Sektoren immer anschlussfähig sind, national wie international. Wir müssen da konsequent am sogenannten FAIR-Prinzip festhalten. Dieses besagt, dass Daten auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar sein sollen. Das ist die Grundlage. Zur Umsetzung müssen Standards für die Interoperabilität möglichst verbindlich sein, nicht freiwillig. Und es braucht als Rahmen klare Data-Governance-Modelle mit definierten Rollen und Verantwortlichkeiten, wie sie im Rahmen des Datenökosystems Schweiz und des Data Boards des Bundes aufgebaut werden.
Gibt es bereits Leuchtturmprojekte in der Schweiz, die Ihnen zeigen: Hier entsteht echter wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Mehrwert durch das Teilen von Daten?
Die registerbasierte Volkszählung ist für mich ein zentrales Beispiel. Seit 2010 kann die Bevölkerung weitgehend ohne Vollerhebung statistisch erfasst werden. Weil die kantonalen Personenregister harmonisiert wurden und so zu einer (interoperablen) Datenquelle geworden sind. Das spart sehr viel Geld und entlastet Bürgerinnen und Bürger. Auch Open Government Data und die Geodaten schaffen messbaren Mehrwert, indem standardisierte und gut dokumentierte Verwaltungsdaten Innovationen in Wirtschaft und Forschung ermöglichen. Leuchttürme können aber nicht nur einzelne Projekte sein, sondern auch Strukturen, die die Wirkung messbar machen. Beispielsweise wird im Rahmen des Datenökosystems Schweiz ein systematisches Monitoring der Datenräume aufgebaut. Dieses Monitoring erfasst unter anderem Reifegrad, Interoperabilität, Beteiligung unterschiedlicher Akteure sowie den Umfang der Mehrfachnutzung. Damit wird der tatsächliche Nutzen von Datenräumen transparent gemacht und empirisch überprüfbar. Das erlaubt es, Erfolgsfaktoren zu identifizieren und nach diesen zu handeln.
Datenräume und KI wachsen zusammen. Welche Chancen bieten sich, und wo braucht es dringend Leitlinien?
Gute Daten sind die Grundlage für verlässliche KI. In der KI-Ära werden gute Daten daher noch mehr zu einer Art Währung der Wirklichkeit. Die Modelle werden zwar immer leistungsfähiger, bleiben aber vollständig abhängig von der Qualität der Daten, auf denen sie beruhen. Und gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie fragil die Informationen sein können, auf die solche Modelle teilweise zugreifen: Social-Media-Texte sind beispielsweise in der Regel narrativ vorbelastet, unklar, kontextabhängig und oft nicht überprüfbar. Entscheidend ist deshalb, dass Algorithmen erkennen können, welchen Daten sie vertrauen dürfen. Dafür braucht es klar definierte, dokumentierte und referenzierte Datenobjekte und Metadaten. Die Metadaten müssen nicht nur für Menschen verständlich sein, sondern auch für Maschinen interpretierbar und strukturiert vorliegen. Genau hier setzen unsere Arbeiten an. Datenräume schaffen strukturierte, nachvollziehbare und interoperable Datengrundlagen. Das erhöht die Verlässlichkeit von KI-Anwendungen in Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft. Gleichzeitig braucht es klare Leitlinien bei Transparenz, Datenschutz, Nachvollziehbarkeit und Verantwortlichkeit. Qualität und Governance sind eine wichtige Sicherheitsbarriere gegen KI-Fehlschlüsse.
Inwiefern können Datenräume die digitale Souveränität der Schweiz gegenüber den grossen internationalen Tech-Konzernen stärken?
Digitale Souveränität ist ein sehr vielschichtiges Konzept. Ein zentraler Aspekt ist die Fähigkeit, über unsere Daten und ihre Nutzung selbstbestimmt zu entscheiden. Datenräume unterstützen dies, weil Daten bei den verantwortlichen Stellen bleiben und nach schweizerischen Regeln beschrieben, zugänglich gemacht und ausgetauscht werden. Das Datenökosystem Schweiz soll dies auch mit digitaler Selbstbestimmung der Bürgerinnen und Bürger verbinden. Anders als grosse Techkonzerne setzen wir dabei nicht primär auf Infrastruktur, sondern auf die Qualität der Daten an der Quelle. So lassen sich durch dezentrale Strukturen und einheitliche Standards die Abhängigkeiten von den angesprochenen Techkonzernen zumindest teilweise reduzieren.
Wie verhindern wir einen Flickenteppich isolierter Dateninseln? Welche nachhaltige nationale Strategie braucht es?
Es braucht ein gemeinsames Zielbild, verbindliche Prinzipien und klare Rollen. Das Datenökosystem Schweiz definiert solche Grundlagen, und das inklusive Governance-Rahmen, Prinzipien, Rollen und Verhaltenskodex. Wichtig ist dabei, auch in die Umsetzung zu gehen und entsprechende Prioritäten zu setzen. Das strukturelle Fundament bilden Register, Metadatenplattformen und die notwendigen Standards. Dafür brauchen wir einen konkreten Plan und entsprechende Ziele. Entscheidend ist dabei die enge Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen, Gemeinden und Privatsektor. Föderalismus und Interoperabilität sind kein Widerspruch, sondern eine Gestaltungsaufgabe.
Welchen Beitrag muss der Privatsektor leisten, und wie kann die öffentliche Hand die richtigen Anreize für eine erfolgreiche Zusammenarbeit setzen?
Der Privatsektor bringt Innovationskraft und branchenspezifisches Know-how ein. Er sollte sich aktiv an Standardisierungsprozessen beteiligen und Interoperabilität und Datensouveränität als langfristige Wettbewerbsfaktoren verstehen. Die öffentliche Hand kann Anreize schaffen, indem sie offene Standards fördert, Datenportabilität einfordert, rechtliche Klarheit schafft und Pilotprojekte unterstützt. Die Anlaufstelle Datenökosystem Schweiz bietet hierfür eine koordinierende Plattform. Zusammenarbeit gelingt, wenn beide Seiten Verantwortung übernehmen.
Sie haben gute Daten im KI-Zeitalter als die neue "Währung der Wirklichkeit" bezeichnet. Wie sorgt das BFS in seiner Rolle als "Data Steward" dafür, dass diese Währung ihren Wert behält?
Das BFS hilft den anderen Akteuren dabei, Daten über ihren gesamten Lebenszyklus, von der Erhebung bis zur Nutzung, zu begleiten. Dass sie also korrekt erhoben, dokumentiert, harmonisiert und standardisiert werden. Für uns heisst Qualität nicht Perfektion, sondern Eignung für unterschiedliche Zwecke, Verlässlichkeit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Das Vertrauen wird durch Metadaten, Register und klare Standards gesichert. Nur so bilden diese Daten dann beispielsweise die stabile Grundlage demokratischer Entscheidungsfindung.
Datenkompetenz ist eine Schlüsselqualifikation für die Zukunft. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit diese Fähigkeit in der Verwaltung, Wirtschaft und Bevölkerung besser zum Tragen kommt?
Data Literacy bedeutet, Daten zu verstehen, kritisch einzuordnen und verantwortungsvoll zu nutzen. In der Verwaltung braucht es systematische Weiterbildung und datenbasierte Entscheidungsprozesse, in der Wirtschaft transparente Datenpraktiken und in der Bevölkerung solide digitale und statistische Grundkompetenzen. Gute Daten entstehen nicht zufällig – sie sind das Ergebnis gemeinsamer Anstrengung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.
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