Interview mit Carmen Walker Späh

Warum Zürich für eine möglichst schlanke KI-Regulierung kämpft

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Der Kanton Zürich will sich als globaler KI-Hub etablieren – doch wie lässt sich der Anspruch auf Innovation mit dem Ruf nach strengen ­Regeln vereinbaren? Carmen Walker Späh, Regierungspräsidentin und Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich, spricht über eine smarte Standortpolitik, den Wandel auf dem Arbeitsmarkt und die Grenzen, die sie der Technologie setzt.

Carmen Walker Späh, Regierungspräsidentin und Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich. (Source: zVg)
Carmen Walker Späh, Regierungspräsidentin und Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich. (Source: zVg)

Der Kanton Zürich will sich als globaler KI-Hub positionieren. Kritiker sagen allerdings: Zürich betreibe damit vor allem Standortpolitik im ­Interesse von US-Tech-Konzernen wie Google, Microsoft oder Meta. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf?

Carmen Walker Späh: Unsere Standortpolitik ist im Interesse der Zürcherinnen und Zürcher. Die ICT-Branche trägt rund 9 Prozent zur kantonalen Wertschöpfung bei und stellt 8 Prozent aller Arbeitsplätze – und gerade in diesem Bereich wird die künstliche Intelligenz immer bedeutender. Die KI ist eine Schlüsseltechnologie, die immer tiefer in unsere Lebensbereiche eindringt und die meisten Branchen transformiert. Dadurch eröffnen sich für den Wirtschaftsstandort Kanton Zürich grosse Chancen und Möglichkeiten. Es gibt aber auch Risiken, die wir vorausschauend analysieren und minimieren müssen. Was klar ist: Die KI-Revolution ist im vollen Gange und kommt so oder so – ob der Kanton Zürich vorne dabei ist oder nicht. Ich gestalte lieber aktiv mit, statt passiv zuzuschauen.

Sie warnen davor, dass eine strenge KI-Regulierung den Standort Zürich schwächen könnte. ­Andere argumentieren, klare Regeln schafften Vertrauen und seien damit sogar ein Standortvorteil. Weshalb überwiegen für Sie die Risiken?

Ich setze mich für eine klare und smarte KI-Regulierung ein. Ein Beispiel: Bei den Möglichkeiten und Grenzen, KI-Modelle zu trainieren, ist ein Modell gefragt, das sowohl den Schutz geistigen Eigentums wahrt als auch die Weiterentwicklung der zukunftsweisenden Technologie ermöglicht. Solche Lösungen gibt es. Hingegen können einseitige oder zu weit gehende Regeln Innovation bremsen, Investoren abschrecken und dazu führen, dass Unternehmen und Talente auf flexiblere Standorte ausweichen. 

Die EU hat mit dem AI Act einen weltweit beachteten Regulierungsrahmen geschaffen. Die Schweiz ist deutlich zurückhaltender. Ist das strategische Klugheit oder politisches Zögern?

Grundsätzlich ist der eingeschlagene, schlanke Weg des Bundesrats zu begrüssen, der auf einen Schutz der Grundrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit fokussiert. Eine umfassende Produktregulierung, wie sie die EU verfolgt, führt zu hohen Kosten und viel Bürokratie aufseiten der Unternehmen und auch bei der Aufsicht und damit dem Steuer­zahlenden. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen haben oft Mühe, überkomplexe KI-Vorgaben umzusetzen. 

Wäre es für Zürcher Unternehmen langfristig nicht einfacher, sich an europäische Regeln anzupassen, statt auf eine Sonderlösung der Schweiz zu setzen?

Genau diesen Weg hat der Bundesrat eingeschlagen, indem die international verankerte KI-Konvention des Europarats in Schweizer Recht umgesetzt wird. Das bedeutet aber nicht, dass wir beispielsweise die KI-spezifischen Vorgaben der EU eins zu eins übernehmen sollten. Viele Firmen, die KI entwickeln und einsetzen, sind auf den EU-Marktzugang angewiesen und müssen die EU-Regulierungen für KI-Produkte so oder so erfüllen. Es ist sicher wichtig, dass wir Massnahmen treffen, die kohärent sind mit dem, was international passiert. Aber eben: Wir wollen dabei so schlank und smart wie möglich regulieren.

Welche politischen Hebel hat der Kanton überhaupt, um Zürich als KI-Standort international konkurrenzfähig zu machen?

Wir verfügen über mehrere starke Hebel – dank sehr guter Rahmenbedingungen. Der Kanton Zürich nimmt bereits heute international eine führende Rolle bei der Entwicklung und Förderung von KI-Technologien ein. Er bietet ein einzigartiges KI-Ökosystem mit kurzen Wegen und einer engen Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Forschung und Verwaltung. Auch die ETH, die Universität Zürich und die ZHAW tragen mit ihren Programmen wesentlich dazu bei, Toptalente im KI-Bereich nach Zürich zu ziehen. Der Kanton baut darauf gezielt einen KI-Cluster auf, aus dem ein potentes Ökosystem wächst. Hinzu kommen die Stärken, die Toptalente nach Zürich ziehen: top Arbeitsbedingungen mit hohen Löhnen und eine hervorragende Lebensqualität. Und Investitionen benötigen Sicherheit und politische Stabilität – das bietet der Kanton Zürich. 

Zürich hat exzellente Forschung an der ETH und der Universität – aber vergleichsweise wenige grosse KI-Unternehmen. Woran liegt das?

Ganz im Gegenteil – denken Sie an Google, Meta, Anthropic, Boston Dynamics, Baidu und wie sie alle heissen. Von kleinen, innovativen Start-ups bis hin zu grossen Technologiekonzernen sind zahlreiche bedeutende Unternehmen im KI-Bereich im Kanton vertreten; insbesondere in Oerlikon hat sich ein zunehmend dynamischer Hub mit vielen KI- und Robotikfirmen entwickelt. Von zuletzt über 40 ETH-Neugründungen sind ein Dutzend mit einem klaren KI-Bezug hervorgegangen – aus der Universität Zürich sind acht Spin-offs mit klarem KI-Bezug entstanden.

KI braucht enorme Rechenleistung und leistungsfähige Cloud-Infrastrukturen. Hat der Standort Zürich dafür genügend Kapazitäten oder bleiben wir von der entscheidenden Infrastruktur von US-Anbietern abhängig?

Der Kanton Zürich hat sich national und international als hervorragender Standort für Rechenzentren etabliert: Wir verfügen über eine leistungsfähige, stabile Energieversorgung, hohe Datensicherheit und attraktive Rahmenbedingungen für den Ausbau moderner Rechenzentren. Ein Problem ist in unserem dicht besiedelten Kanton aber der begrenzte Platz. Rechenzentren benötigen bekanntlich viel Fläche.

Wenn globale Cloud-Anbieter die KI-Infrastruktur kontrollieren, stellt sich auch die Frage der digitalen Souveränität. Wie problematisch ist es für einen Standort wie Zürich, wenn US-Konzerne die Schlüsseltechnologien kontrollieren? 

Digitale Souveränität bedeutet vor allem strategische Handlungsfähigkeit – und dafür braucht es Auswahl. Neben den globalen Marktführern aus den USA sind deshalb auch lokale Initiativen zentral. Mit Projekten wie dem Open-Source-Modell Apertus von ETH und EPFL zeigt Zürich, dass wir hier eigene Kompetenzen aufbauen können. Für einen zukunftsgerichteten KI-Standort braucht es genau diese Kombination. 

Einige Ökonomen sehen in KI eine mögliche Antwort auf den Fachkräftemangel in der Schweiz. Teilen Sie diesen Optimismus – oder unterschätzen wir die Risiken für den Arbeitsmarkt?

Ich teile den Optimismus – aber mit Augenmass. KI ist kein Allheilmittel, aber ein potentes Werkzeug: Sie kann dort entlasten, wo uns heute Fachkräfte fehlen – bei standardisierbaren Aufgaben ebenso wie in wissensintensiven Bereichen. Im Kanton Zürich werden bis 2050 zehntausende Arbeitskräfte fehlen; KI kann einen Teil dieser Lücke kompensieren. Entscheidend wird sein, wie wir diesen Wandel gestalten. Die Kompetenzanforderungen verschieben sich – digitale und interdisziplinäre Fähigkeiten gewinnen an Gewicht. Deshalb sind Aus- und Weiterbildung keine Kür, sondern Pflicht. Wer diesen Wandel aktiv angeht, wird die Chancen ernten. Wer abwartet, riskiert, den Anschluss zu verlieren.

Welche Branchen im Kanton Zürich werden durch KI besonders stark verändert?

KI trifft alle Branchen – aber nicht alle gleich. Der entscheidende Unterschied zur klassischen Automatisierung: KI erfasst zunehmend auch kognitive, nicht-routinemässige Tätigkeiten. Damit geraten wissensintensive Bereiche wie Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Gesundheit oder Recht stärker in den Fokus als bisher. Das bedeutet nicht zwingend Stellenabbau – aber einen tiefgreifenden Wandel der Tätigkeitsprofile. Bestehende Rollen verändern sich, neue entstehen. Unternehmen und Fachkräfte, die das frühzeitig erkennen, haben einen Wettbewerbsvorteil.

Was bedeutet die Entwicklung für Stellensuchende?

Wer heute eine Stelle sucht, muss bereit sein, sich laufend weiterzuentwickeln. Digitale Kompetenzen sind in nahezu allen Berufen zur Voraussetzung geworden – gleichzeitig bleiben menschliche Stärken wie Kommunikation, Problemlösungsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft unverzichtbar. Mein Amt für Arbeit trägt dem aktiv Rechnung: KI ist dort bereits fester Bestandteil der Weiterbildungen für die Stellensuchenden. So wird zum Beispiel vermittelt, wie sie KI-Tools konkret im Bewerbungsprozess einsetzen können – sei es beim Verfassen von Unterlagen, beim Identifizieren eigener Kompetenzen oder zur Vorbereitung auf Vorstellungsgespräche. Die Nutzung bleibt freiwillig, wird aber rege in Anspruch genommen. KI ist damit nicht nur Thema des Wandels, sondern auch ein Werkzeug, das wir aktiv einsetzen, um Menschen in diesen Wandel zu begleiten.

Soll der Staat selbst ein Vorreiter beim Einsatz von KI sein – oder sollte er bewusst vorsichtig bleiben?

Auch der Staat kann und soll sich der Entwicklung nicht entziehen. Durch KI sind grosse Effizienzgewinne möglich – und daher auch eine Entlastung der Steuerzahlenden. Mit der KI-Sandbox hat die Volkswirtschaftsdirektion – bereits deutlich vor ChatGPT, notabene – eine Testumgebung geschaffen, in der Anwendungsfälle von KI kontrolliert getestet werden. So begleiten und fördern wir den verantwortungsvollen Einsatz von künstlicher Intelligenz. Von Smart Parking über Drohneninspektionen bis hin zu KI bei Baubewilligungen: In den letzten vier Jahren wurden bereits zehn konkrete Projekte umgesetzt. 

Wie steht es um den Einsatz von generativer KI in der kantonalen Verwaltung? Welcher Art sind die KI-Assistenten, die Mitarbeitende im Kanton nutzen, und zu welchem Zweck?

Es gibt in der Verwaltung unspektakuläre, aber sinnvolle Anwendungsfälle. Zum Beispiel maschinelle Übersetzungen oder das automatisierte Protokollieren von Sitzungen. Auch gibt es ein Programm in der Direktion der Justiz und des Innern, das unplausible Abstimmungsresultate aufgrund historischer Daten erkennt. Sind die Zahlen auffällig, überprüfen die Fachleute diese. 

Wo ziehen Sie persönlich die Grenzen beim Einsatz von generativer KI wie ChatGPT in der Verwaltung? 

Der Kanton hat klare Regeln: Verboten ist das Füttern von KI-Modellen mit Inhalten, die nicht öffentlich sind – oder wenn es sich um schützenswerte Daten handelt wie persönliche Informationen. Hier zeigt sich auch, dass die Anwendung nicht unlimitiert ist – und dass KI mit Augenmass eingesetzt werden muss. 

Können Sie sich vorstellen, dass KI künftig Verwaltungsentscheide vorbereitet oder sogar automatisiert trifft?

Wir streben sicher kein «Government by Algorithm» an. Im Gegenteil: Die menschliche Verantwortlichkeit darf nicht aus Entscheidungen herausdividiert werden. Mit der KI-Sandbox experimentieren wir zurzeit dennoch komplett ergebnis­offen. Wir zeigen, was möglich ist. Das wirklich Entscheidende folgt erst danach: die normative Frage, wo wir KI wirklich einsetzen wollen. Das ist jene Diskussion, die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahren sehr intensiv führen muss. Meine Prognose: KI wird in der Verwaltung helfen, Entscheide vorzubereiten. Die Entscheide selbst werden immer noch Menschen fällen.

Wenn Sie fünf Jahre vorausdenken: Was wäre das Szenario, bei dem Sie sagen würden, die Politik hat die KI-Revolution unterschätzt?

Falls es nicht gelingt, die negativen Aspekte einzudämmen, die sich heute schon zeigen. Missbrauch und Desinforma­tion untergraben Vertrauen. Der Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt geht rasend schnell. Und die vielen Rechenzentren haben einen enormen Energieverbrauch. Entscheidend wird sein, dass wir diese Herausforderungen und alle anderen, die in Sachen KI noch auf uns zukommen werden, offen ansprechen und im Griff haben. Der menschliche Austausch, Empathie und Verständnis dürfen – und werden – nicht der KI zum Opfer fallen. 

Und umgekehrt: Was wäre Ihr persönliches Erfolgszeichen dafür, dass Zürich im KI-Zeitalter alles richtig gemacht hat?

Wenn KI die Effizienz und Produktivität erhöht, die Lebensqualität in unserem schönen Kanton weiter erhöht, den Fachkräftemangel lindert und gleichzeitig viele neue Berufsfelder entstehen und der Arbeitsmarkt damit insgesamt stabil bleibt. Da sind Quantensprünge zum Beispiel in der Medizin noch ausgenommen.


Zur Person
Carmen Walker Späh ist aktuell Regierungspräsidentin und seit Mai 2015 Mitglied des Regierungsrates sowie Volkswirtschaftsdirektorin des Kantons Zürich. Zuvor war die FDP-Politikerin 13 Jahre lang Mitglied des Kantonsrats und 5 Jahre lang Verfassungsrätin. Carmen Walker Späh wurde 1958 in Altdorf (UR) geboren und studierte Rechtswissenschaften an der Universität Zürich. Nach dem Studium arbeitete sie in leitenden Positionen unter anderem im Baudepartement der Stadt Winterthur. Von 2000 bis 2015 führte sie ihre eigene, auf öffentliches und privates Baurecht spezialisierte Anwaltskanzlei. Carmen Walker Späh ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne.

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