Das war der Jurytag von Best of Swiss Software 2026
Am Jurytag von Best of Swiss Software 2026 haben die Fachjurys 19 Enterprise-Projekte geprüft. Dabei zeigte sich, wie KI an Gewicht gewinnt - und wie die Debatte um digitale Souveränität den Blick auf Cloud-Projekte verändert.
Ausserhalb der Firmenmauern bleibt sie oft unsichtbar. Doch im Geschäftsalltag entscheidet Unternehmenssoftware mit, ob Daten fliessen, Systeme zusammenspielen und Prozesse funktionieren. Wie gut solche Lösungen sind, zeigt sich erst im Detail. Am Jurytag von Best of Swiss Software 2026 mussten die Projektteams deshalb Einblick ins Innenleben ihrer Lösungen geben und sich den kritischen Fragen von 20 Jurymitgliedern stellen.
Best of Swiss Software ist der jüngste Award im Bunde: Best of Swiss Web feierte im vergangenen Jahr seine 25. Ausgabe, Best of Swiss Apps ging 2013 an den Start. Den Preis für Enterprise Software, den die Veranstalter nun zum dritten Mal vergeben, bezeichnete Jury-Chairman Christof Zogg zur Begrüssung als "Boutique-Award". Hier gehe es um "Klasse statt Masse". In den Fachjurys sitzen Vertreterinnen und Vertreter der grössten Schweizer IT-Dienstleister sowie der drei grossen Hyperscaler. Sie sollen die Projekte nicht nur technisch beurteilen, sondern auch ihre Praxistauglichkeit einordnen.
Zehn Minuten Pitch, zehn Minuten Fragen
Im Halbstundentakt treten die Projektteams vor ihre jeweilige Fachjury. Zehn Minuten bleiben für den Pitch, weitere zehn für Fragen. Eine erste Einschätzung liegt zu diesem Zeitpunkt bereits vor: Forschende des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern prüfen die Einreichungen vorab und liefern den Jurys damit eine Zweitmeinung. Die endgültige Rangliste entsteht jedoch am Jurytag.
Pro Kategorie vergibt die Jury genau einmal Gold, Silber und Bronze. Wer selbst an einem Projekt beteiligt ist, tritt bei dessen Beurteilung in den Ausstand. Zudem bleiben die Beratungen vertraulich.
Nach dem Wachstum folgt der Taucher
Nach dem Wachstum im vergangenen Jahr folgt nun ein Rückgang. Bei der Premiere 2024 gingen 27 Projekte ins Rennen, im vergangenen Jahr waren es 30. Dieses Jahr sank die Zahl auf 19.
Eine eindeutige Erklärung dafür ist schwer zu finden. Der Wettbewerb überarbeitete zuletzt sein Kategoriensystem: Aus "Business Solutions" wurde die Kategorie "Business Process Applications", die bisherige Kategorie "Data & AI Solutions" teilten die Veranstalter in "Data Platforms" und "AI Systems" auf. Möglicherweise seien einzelne Kategorien dadurch zu eng gefasst, sagte Zogg.

Jury-Chairman Christof Zogg führt durch den Jurytag. (Source: Netzmedien)
Schon zum Auftakt entwickelte sich daraus eine kurze Diskussion über die möglichen Ursachen. Aus den Jurys kam der Hinweis, dass der junge Award ausserhalb der grossen IT-Dienstleister womöglich noch zu wenig bekannt sei. Auch der Aufwand einer Einreichung könnte abschrecken: Gerade bei komplexen Enterprise-Projekten kann es dauern, bis Auftraggeber eine Präsentation freigeben. Eine weitere Erklärung liegt gewissermassen in der Natur der Projekte: Während sich Websites und Apps öffentlich zeigen lassen, bleibt Unternehmenssoftware für Aussenstehende oft verborgen.
Die KI-Welle kommt zeitversetzt
Der KI-Boom kommt bei Best of Swiss Software mit Verzögerung an. In der neuen Kategorie "AI Systems" sehe man nun die ersten grösseren Enterprise-KI-Projekte. "Das ist aber erst der Anfang", sagte Zogg im Gespräch. Solche Vorhaben bräuchten Zeit - von der Planung über Umsetzung und Abschluss bis zur Freigabe für die Einreichung. Viele laufende Projekte dürften deshalb erst in den kommenden ein bis zwei Jahren beim Award auftauchen.
Während KI-Projekte stärker in Erscheinung treten, sind Cloud-Native-Projekte dieses Jahr seltener vertreten. Ob dahinter bereits die Debatte um digitale Souveränität steckt, lässt sich laut Zogg nicht eindeutig sagen. Der Jury-Chairman hält es jedoch für möglich, dass Unternehmen und IT-Dienstleister Cloud-Projekte derzeit weniger offensiv nach aussen tragen und stattdessen Themen wie Datenhaltung in der Schweiz, Open Source oder Open-Weight-KI-Modelle stärker betonen.
Die Debatte um digitale Souveränität dürfte die Branche aus seiner Sicht noch einige Jahre beschäftigen. Einen dauerhaften Abschied von den grossen US-Cloud-Plattformen erwartet Zogg allerdings nicht. Ihre breite Palette an spezialisierten Diensten lasse sich in privaten Cloud-Umgebungen nur schwer nachbilden. Langfristig könne das Pendel deshalb wieder etwas zurückschlagen. Vorerst gehe es vielen Unternehmen jedoch darum, sich einen Plan B offenzuhalten und die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern zu verringern.
Gute Arbeit braucht Sichtbarkeit
Technologisch sieht Zogg die Schweizer Softwarebranche gut aufgestellt. Neue Werkzeuge und Entwicklungsmethoden fänden hierzulande schnell den Weg in die Praxis. Nachholbedarf sieht er eher bei der Vermarktung: IT-Dienstleister und Auftraggeber leisteten oft gute Arbeit, träten damit aber zu zurückhaltend auf. "Und dafür steht Best of Swiss Software: Gute Arbeit soll die Sichtbarkeit bekommen, die sie verdient."
Sein Appell richtet sich deshalb besonders an die Auftraggeber. Viele Unternehmen betrachteten Awards noch immer vor allem als Instrument für Dienstleistungsfirmen. Dabei könne eine Auszeichnung auch intern Wirkung entfalten - etwa indem sie einem Projektteam gegenüber Geschäftsleitung oder Budgetverantwortlichen mehr Sichtbarkeit verschafft. "Eigentlich müssten vor allem die Anwenderfirmen einreichen", sagte Zogg. Denn gerade dort bleibt gute Software oft hinter den Firmenmauern verborgen - obwohl sie den Geschäftsalltag entscheidend prägt.
Übrigens: Welche Apps und Softwareprojekte 2025 Gold holten und wie knapp das Rennen um den Master of Swiss Apps ausging, lesen Sie hier.
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