Studie zu barrierefreier Telefonie

Schweiz ermöglicht Gehörlosen Telefonate rund um die Uhr - aber nicht per Video

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von Joël Orizet und Netz-KI Bot und efe

Die Schweiz zählt zu den wenigen europäischen Ländern, die gehörlosen und schwerhörigen Menschen eine Textvermittlung rund um die Uhr bieten. Doch wer in Gebärdensprache telefonieren will, muss sich auch hier nach Öffnungszeiten richten. Eine europäische Studie zeigt die Unterschiede.

(Source: sh99 / stock.adobe.com)
(Source: sh99 / stock.adobe.com)

Ob Arzttermin, Behördengespräch oder privater Anruf: Für gehörlose und schwerhörige Menschen steht in der Schweiz rund um die Uhr eine Textvermittlung bereit. Wer hingegen in Gebärdensprache mit hörenden Personen telefonieren möchte, muss sich nach Öffnungszeiten richten. Dennoch gehört die Schweiz im europäischen Vergleich zu den besser versorgten Ländern, wie der Anfang Oktober veröffentlichte Bericht "Mapping Relay Services in Europe" der europäischen Interessenverbände European Union of the Deaf (EUD) und European Federation of Hard of Hearing People (EFHOH) zeigt.

In der Schweiz betreibt die Stiftung Procom mit Sitz in Olten die Telefonvermittlung im Rahmen der Fernmelde-Grundversorgung, für die Swisscom als Konzessionärin verantwortlich ist. Über die Plattform "myPROCOM" können gehörlose und schwerhörige Menschen Nachrichten eintippen, die eine Vermittlungsperson vorliest. Die Antworten der hörenden Person gibt sie schriftlich weiter. Beim Videodienst "VideoCom" übersetzen Dolmetschende Gespräche in Echtzeit zwischen Gebärden- und Lautsprache. Die Textvermittlung steht auf Deutsch, Französisch und Italienisch jederzeit zur Verfügung, auch für Notrufe.

Das Schaubild zeigt drei Personen: Links gebärdet eine Frau vor einem Laptop, in der Mitte sitzt eine Dolmetscherin mit Headset vor einem Bildschirm. Rechts telefoniert ein Mann. Pfeile zeigen, wie die Dolmetscherin zwischen Gebärden- und Lautsprache vermittelt.
So funktioniert die Videovermittlung: Dolmetschende übersetzen Telefongespräche zwischen gehörlosen und hörenden Personen in Echtzeit zwischen Gebärden- und Lautsprache. (Source: EUD/EFHOH)

In Gebärdensprache gelten eingeschränkte Öffnungszeiten

Für "VideoCom" gelten dagegen feste Öffnungszeiten: In der Deutschschweiz ist der Dienst werktags von 8 bis 19 Uhr und am Wochenende von 10 bis 16 Uhr erreichbar. In der Romandie bleibt er sonntags geschlossen, im Tessin am gesamten Wochenende. Dort steht die Videovermittlung auch unter der Woche nur fünf Stunden pro Tag zur Verfügung. Zudem begrenzt Procom die Dauer eines Videoanrufs laut eigenen Angaben auf maximal 30 Minuten.

Ausserhalb der Öffnungszeiten können gehörlose und schwerhörige Menschen auf die Textvermittlung ausweichen. Für viele gehörlose Menschen ist diese allerdings kein gleichwertiger Ersatz, da Gebärdensprache ihre erste Sprache ist. Der Schweizerische Gehörlosenbund (SGB-FSS) fordert deshalb einen durchgehenden Zugang zur Videovermittlung in allen drei Schweizer Gebärdensprachen. "Gleichberechtigte Kommunikation darf nicht von der Uhrzeit abhängen", betont SGB-Präsident Marinus Spiller in der Medienmitteilung von Procom.

Porträt eines lächelnden Mannes mit kurzen dunkelbraunen Haaren und kurzem Bart. Er trägt ein blaues, fein gemustertes Poloshirt und blickt vor einem hellblauen Hintergrund direkt in die Kamera.

Marinus Spiller, Präsident des Schweizerischen Gehörlosenbunds (SGB-FSS). (Source: sgb-fss.ch)

Europaweit bestehen grosse Versorgungslücken

In vielen anderen europäischen Ländern sind die Einschränkungen noch grösser. Für ihre Untersuchung werteten EUD und EFHOH zwischen April und Mai 2026 insgesamt 51 Rückmeldungen aus 30 Ländern aus. Demnach verfügten 25 Länder über Videovermittlungsdienste, allerdings nur acht davon rund um die Uhr. Eine bestätigte Textvermittlung fanden die Studienverantwortlichen lediglich in zwölf Ländern. In sieben davon stand der Dienst jederzeit für alltägliche Anrufe zur Verfügung, darunter die Schweiz.

Weitere Hürden sind lange Wartezeiten, begrenzte Gesprächsdauern und Einschränkungen bei Notrufen. Auch die Nutzung über Landesgrenzen hinweg bleibt schwierig: Viele Vermittlungsdienste sind nicht miteinander kompatibel oder aus dem Ausland nicht erreichbar. So steht laut Studie etwa der Schweizer Textvermittlungsdienst "myPROCOM" Personen mit Wohnsitz im Ausland nicht zur Verfügung.

Wie weit reicht die Vorreiterrolle?

Procom sieht sich durch die Studienergebnisse in ihrer europäischen Vorreiterrolle bestätigt. Zumindest bei der Verfügbarkeit und der Sprachabdeckung der Textvermittlung ist diese Einschätzung nachvollziehbar. Ob die Schweizer Dienste auch qualitativ zu den besten gehören, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.

Für einen solchen Vergleich fehlen vielerorts einheitliche Angaben zu Wartezeiten, abgebrochenen Anrufen und technischen Ausfällen. Die Studie dokumentiert somit vor allem die bestehenden Angebote und ihre Rahmenbedingungen, liefert aber keine umfassende Bewertung ihrer Zuverlässigkeit im Alltag.

Mit der Untersuchung verfolgen EUD und EFHOH auch ein politisches Ziel. Die beiden Interessenverbände wollen im Rahmen des geplanten Digital Networks Act verbindliche europäische Standards durchsetzen. Sie fordern unter anderem Vermittlungsdienste rund um die Uhr, kostenlose und unbegrenzte Gespräche sowie einen zuverlässigen Zugang zu Notrufdiensten. Gemessen an diesen Forderungen hätte auch die Schweiz noch Nachholbedarf - insbesondere bei der Videovermittlung.

 

Übrigens: KI könnte künftig Gebärden- und Lautsprache automatisch übersetzen. Wie weit die Forschung ist und welche Hürden auf dem Weg zur barrierefreien Kommunikation noch bestehen, lesen Sie hier.

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