Wie aus barrierefreiem Web-Design inklusives Web-Design wird
Digitale Barrieren abbauen und eine inklusive digitale Zukunft für alle schaffen – so lautet die Mission der noch jungen Allianz Digitale Inklusion Schweiz (ADIS). Inwiefern künstliche Intelligenz mehr Accessibility ermöglicht, was barrierefreies von inklusivem Webdesign unterscheidet und wo die ADIS heute steht, sagen Geschäftsstellenleiter Amir Sahi und Co-Präsident Markus Riesch.
Seit drei Jahren rollt die KI-Welle. Welche Use Cases sind schon im Einsatz, in denen die Technologie tatsächlich Barrieren abbaut?
Amir Sahi: KI entfaltet ihren grössten Nutzen dort, wo sie Individualisierung ermöglicht. Nicht der Mensch muss sich dem System anpassen, sondern das System dem Menschen. Gleichzeitig muss man aber ehrlich sagen: Wir sind noch nicht dort, wo wir gerne wären.
Markus Riesch: Es entsteht derzeit ein gewisser Hype, der suggeriert, KI könne Barrieren quasi automatisch auflösen. Dort, wo sie gut eingesetzt wird, kann KI die Barrierefreiheit unterstützen. KI kann aber auch kontraproduktiv sein. So können beispielsweise KI-generierte Alternativtexte die Barrierefreiheit sabotieren, wenn sie belanglose Informationen von dekorativen Bildern aufblähen, was Screenreader-Nutzerinnen und -Nutzer eher in die Irre führt, als ihnen zu helfen.
Inwiefern können Entwicklerinnen und Entwickler KI nutzen, um die Accessibility ihrer Webanwendungen zu verbessern?
Sahi: KI kann Entwicklern helfen, schneller und besser zu werden, aber sie nimmt ihnen die Verantwortung nicht ab. Sie kann dabei unterstützen, Barrieren sichtbar zu machen, Inhalte verständlicher zu formulieren und Alternativen bereitzustellen. Der eigentliche Fortschritt liegt darin, dass Accessibility nicht mehr nur eine statische Anforderung ist.
Accessibility-Expertinnen und -Experten haben lange Zeit Kritik an den sogenannten Accessibility-Overlays geäussert. Sind diese Barrierefreiheits-Add-ons dank KI besser geworden?
Riesch: Diese sogenannten Accessibility-Overlays sind durch KI sicher intelligenter geworden. Overlays ersetzen aber keine barrierefreien Websites. Sie garantieren keine WCAG-Konformität, da automatische Korrekturen bei Bildern oder Formularen oft unzuverlässig sind. Damit KI-Anwendungen und Overlay-Tools überhaupt sinnvoll greifen können, ist eine semantisch korrekte, barrierefreie Website als Basis zwingend erforderlich. Ohne diesen sauberen Quellcode können Overlays die Nutzung für Menschen mit Behinderungen verschlimmern, statt Barrieren abzubauen. Gute Barrierefreiheit entsteht immer im Design und in der Entwicklung selbst.
Blicken wir voraus, welche KI-Use-Cases im Bereich der Accessibility sind Ihrer Einschätzung nach bald oder dereinst möglich?
Sahi: Die Vision von Systemen, die sich automatisch an Menschen anpassen, ist attraktiv. Aber aktuell sind wir davon noch ein gutes Stück entfernt. Viele der heutigen KI-Lösungen verstehen Kontext nur begrenzt und treffen oft Annahmen, die nicht für alle Nutzer stimmen. Es besteht die Gefahr, dass wir zu stark auf technologische Versprechen setzen und dabei die Grundlagen vernachlässigen.
In Interviews sprechen Expertinnen und Experten immer wieder über den Handlungsbedarf im Bildungswesen. Welchen Stellenwert hat das Thema Accessibility heute an Hochschulen?
Sahi: Wir sehen aktuell eine sehr positive Entwicklung. Viele Fachhochschulen sind bei uns Mitglied geworden, ebenso die Universität Zürich und neu auch die ETH Zürich. Das zeigt klar, dass das Thema ernst genommen wird und zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ein wichtiger Meilenstein war die erste Durchführung des "CAS Digitale Inklusion und Barrierefreiheit" zusammen mit der Berner Fachhochschule und der Universität Zürich. Das Programm war ein voller Erfolg und zeigt, dass das Interesse und der Bedarf klar vorhanden sind.
An der vergangenen Fachtagung E-Accessibility ging es unter anderem um unsichtbare Behinderungen. Warum sollten sich Webentwickler damit auseinandersetzen?
Riesch: Weil sie die Realität der meisten Menschen betreffen. Viele Einschränkungen sind nicht sichtbar, aber sie beeinflussen die Nutzung digitaler Angebote stark. Dazu gehören etwa Konzentrationsschwierigkeiten, kognitive Belastung oder unterschiedliche Wahrnehmungsweisen.
Wenn wir nur für sichtbare Behinderungen entwickeln, greifen wir zu kurz. Wir übersehen einen grossen Teil der Nutzerinnen und Nutzer. Wer sich mit unsichtbaren Behinderungen auseinandersetzt, baut am Ende nicht nur inklusivere, sondern auch bessere und verständlichere Produkte für alle.
Was kann ein Webentwickler tun, um eine Website für Menschen mit unsichtbaren Behinderungen nutzbar zu machen?
Sahi: Oft sind es nicht die komplexen Lösungen, die den Unterschied machen, sondern die einfachen: klare Strukturen, verständliche Sprache und eine konsistente Navigation helfen enorm. Wichtig ist auch, kognitive Belastungen zu reduzieren. Zu viele Informationen, unklare Abläufe oder visuelle Unruhe können für viele Menschen eine echte Barriere sein. Und dann geht es um Flexibilität. Nutzerinnen und Nutzer sollten Inhalte an ihre Bedürfnisse anpassen können, etwa durch unterschiedliche Darstellungsformen oder reduzierte Ansichten.
Als ADIS geht Ihre Tätigkeit über die Accessibility hinaus. Wie unterscheidet sich inklusives von barrierefreiem Webdesign?
Riesch: Barrierefreiheit bedeutet, dass Menschen Zugang haben. Digitale Inklusion geht einen Schritt weiter. Sie stellt den Menschen in seiner Vielfalt ins Zentrum. Für die ADIS sind Accessibility und individuelle Kompetenzen untrennbar verknüpft. Nur durch das Zusammenspiel von barrierefreien Angeboten und individuellen digitalen Kompetenzen wird eine echte, selbstbestimmte Teilhabe an der digitalen Gesellschaft für alle Menschen erst möglich.
Welchen Rat geben Sie Entwicklern, die ihre Website nicht nur barrierefrei, sondern inklusiv gestalten möchten?
Sahi: Der wichtigste Schritt ist ein Perspektivenwechsel. Hören Sie auf, in Mindestanforderungen zu denken. Barrierefreiheit ist das Fundament, aber Inklusion beginnt dort, wo man sich fragt, wie unterschiedlich Menschen ein Angebot tatsächlich erleben. Das bedeutet konkret: mit Nutzerinnen und Nutzern arbeiten, Feedback ernst nehmen und Vielfalt von Anfang an mitdenken.
Die ADIS feierte im November 2024 ihre Gründung. Wie geht es ihr heute?
Sahi: Der ADIS geht es sehr gut. Wir haben in kurzer Zeit ein starkes und stetig wachsendes Netzwerk aufgebaut und spüren ein grosses Engagement bei unseren Mitgliedern. Besonders erfreulich ist, dass das Thema digitale Inklusion zunehmend an Bedeutung gewinnt. Aus dem Austausch mit unseren Mitgliedern entstehen immer mehr konkrete Projekte und Zusammenarbeit. Das zeigt uns, dass wir einen echten Bedarf adressieren und gemeinsam Wirkung erzielen können.
Welche Schwerpunkte setzen Sie sich im laufenden Geschäftsjahr?
Riesch: In diesem Jahr setzen wir bewusst mehrere Schwerpunkte. Ein wichtiger Fokus liegt auf unserer eigenen Weiterentwicklung. Wir haben den Vorstand erweitert, einen Beirat gegründet und bauen aktuell auch die Geschäftsstelle aus. Gleichzeitig entwickeln wir unsere Fach- und Arbeitsgruppen weiter und stärken ihre Profile.
Sahi: Inhaltlich treiben wir zwei grössere Projekte voran. Zum einen die inklusive Einführung der E-ID. Zum anderen die "NAMos"-Pilotstudie, ein nationales Monitoring zur digitalen Barrierefreiheit, bei dem wir systematisch untersuchen, wie zugänglich Websites in der Schweiz heute tatsächlich sind und wo konkreter Handlungsbedarf besteht.
Von wem wünschen Sie sich dieses Jahr mehr Engagement für digitale Inklusion?
Sahi: Wir wünschen uns mehr Engagement von Unternehmen, die digitale Dienstleistungen und Produkte entwickeln, die uns täglich begleiten. Genau dort entscheidet sich, ob digitale Teilhabe gelingt oder nicht. Das betrifft insbesondere Bereiche wie E-Commerce, Krankenkassen, Banken, Medien oder auch Mobilität. Ihre Angebote sind für viele Menschen zentral im Alltag. Hier gibt es noch viel Potenzial.
Riesch: Wir laden alle Akteure ein, gemeinsam auf Augenhöhe die digitale Inklusion mitzugestalten: Als nationale Plattform bündeln wir Kräfte aus allen Sektoren, um Barrieren abzubauen und allen Menschen die gleichberechtigte Teilhabe an der digitalen Welt zu ermöglichen
Wir laden alle Akteure ein, gemeinsam und auf Augenhöhe die digitale inklusive Zukunft aktiv mitzugestalten, indem wir als nationale Zusammenarbeitsplattform die Kräfte von Verwaltung, Wirtschaft, Bildung und Zivilgesellschaft bündeln, um Barrieren abzubauen und eine Gesellschaft zu verwirklichen, in der alle Menschen gleichberechtigt an der digitalen Welt teilhaben können.
Amir Sahi ist Leiter der Geschäftsstelle der Allianz Digitale Inklusion Schweiz (ADIS). Er bewegt sich an der Schnittstelle von Wirtschaft, Bildung und öffentlichem Sektor und setzt sich für eine inklusive digitale Gesellschaft ein. Zuvor war er als Berater bei EY tätig sowie als Dozent und Projektleiter an der Berner Fachhochschule, mit Fokus auf digitale Inklusion, Innovation und Nachhaltigkeit.
Markus Riesch ist Co-Präsident der ADIS. Er arbeitet und forscht seit über 20 Jahren im Bereich des behindertengerechten Zugangs zu Informations- und Kommunikationstechnologien IKT. Seit 2015 arbeitet er beim Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen EBGB und leitet dort die Geschäftsstelle E-Accessibility Bund. Als Co-Präsident setzt sich Markus Riesch für den Aufbau der Allianz ein.
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