Interview

"Beim Cloud Computing stehen wir erst am Anfang einer rasanten Entwicklung"

Uhr | Aktualisiert
von George Sarpong

Urs Hölzle hat als einer der ersten zehn Mitarbeiter bei Google angefangen und damit die Entwicklung des World Wide Web mitgeprägt. Dafür erhielt Hölzle den diesjährigen Ehrenpreis von Best of Swiss Web.

Urs Hölzle, Senior Vice President for Technical Infrastructure. (Quelle: Google)
Urs Hölzle, Senior Vice President for Technical Infrastructure. (Quelle: Google)

Was bedeutet Ihnen der Ehrenpreis von Best of Swiss Web?

Urs Hölzle: Dieser Preis zur Webförderung der Schweiz ehrt mich natürlich sehr. Jedoch erreicht er mich auch unverhofft, da ich ja nun schon seit fast 25 Jahren im Silicon Valley tätig und wohnhaft bin. Dank meiner Besuche im Zürcher Google-Büro, der Informatikausbildung an der ETH Zürich und des Austauschs mit meiner Familie halte ich aber engen Kontakt zur Heimat und bin somit informiert, was sich im Technologieumfeld in der Schweiz tut. Somit freut es mich umso mehr, dass mir dieser Ehrenpreis nun überreicht wird.

Welche Bedeutung hat das Web für Sie persönlich?

Auf meinem Laptop klebt seit einigen Jahren ein Sticker mit der Aufschrift "My other computer is a data center". Es ist schon fast nicht mehr vorstellbar, wie wir ohne die vernetzte IP-Technologie gearbeitet haben. Das Web begleitet mich seit Jahrzehnten, seit ich im Informatikstudium an der ETH zum ersten Mal mit dem IP-/TCP-Protokoll arbeitete. Ausserdem verfolgte ich die Arbeiten am Cern von Tim Berners-Lee und Robert Cailliau, die das Internet mit dem WWW einfach zugänglich machten (Anm: Robert Cailliau war Preisträger des Best of Swiss Web Ehrenpreises 2010). Ja, das Web hat mich über die letzten Jahrzehnte ständig begleitet, ich habe mich wohl einfach mit dem Web "mit entwickelt". Und als Auslandschweizer ist mir auch sehr bewusst, wie viel näher ich der Schweiz sein kann, gerade dank des Webs.

Sie waren bereits IT-Professor an der University of California. Was hat Sie damals geritten, für eine kleine Bude wie Google zu arbeiten, die noch um ihr Überleben kämpfen musste?

Ich lernte Larry und Sergey mit ihrem Projekt der Google-Suchmaschine während meiner Zeit in Kalifornien kennen. Anders als Hochschulen in Europa waren etwa die University of California oder Stanford schon damals mehr als Bildungseinrichtungen. Sie waren vielmehr Treffpunkt für Gleichgesinnte, und man pflegte schon zu meiner Zeit einen sehr engen Kontakt zur Industrie. Es ist normal, dass sich Lehrende und Professoren aktiv in Start-ups engagieren. Das Google-Projekt war unglaublich spannend und ich sah auch grosses Potenzial darin. Zudem gefiel mir die Zusammenarbeit mit dem Kernteam rund um Larry und Sergey, so blieb ich dabei und kann nach rund 17 Jahren sagen, dass ich es sicher nicht bereue.

Sie haben sich damals für Zürich als Entwicklungsstandort für Google eingesetzt. Sie sind quasi der Götti von Google Schweiz. Welche Rolle spielte dabei Ihre Zeit an der ETH?

Dank meiner Studienzeit und Ausbildung an der ETH in Zürich wusste ich natürlich sehr genau, was für gut ausgebildete Talente die Schweiz und ihre Hochschulen im Informatikbereich hervorbringt. Die ETH/EPFL gehören eben zur Spitzengruppe für Informatik weltweit. Als wir uns bei Google um 2002/2003 nach einem ersten Entwicklungs­standort in Europa umschauten, spielte dieses Wissen um die gute Informatikausbildung eine gewichtige Rolle. Und auch heute sind wir mit Google als Partner der ETH in zahlreichen Forschungs- und Entwicklungsprojekten engagiert. Vor einigen Monaten schlossen wir einen Rahmenvertrag für die Forschung ab, um weitere gemeinsame Projekte noch einfacher voranzutreiben. Der Wissensaustausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft befruchtet das ganze Schweizer Ökosystem und lokale Start-ups.

Was zeichnet den Standort Zürich aus, verglichen mit London oder Berlin? Beide Städte gelten als hipper und internationaler, Berlin ist dazu noch günstig.

Ausser den gut ausgebildeten Informatikabgängern der ETHZ/EPFL bietet die Schweiz und Zürich einem Unternehmen wie Google zahlreiche Vorzüge, die ich dank meiner Herkunft ganz genau kenne – dazu gehören die zen­trale Lage in Europa, die vorzügliche Verkehrsanbindung und Infrastruktur oder auch die exzellente und attraktive Lebensqualität für unsere Mitarbeiter – vieles sprach daher 2004 und auch noch heute für Zürich, um weiter Innovationen aus der Schweiz für Nutzer auf der ganzen Welt voranzutreiben. Im Vergleich war Berlin vor zehn Jahren noch nirgendwo. Zürich ist zudem ein Standort, der uns im Vergleich zu unserem Hauptsitz in Mountain View viele andersartige Standortaspekte bietet, wohl sogar noch mehr als etwa das ebenfalls attraktive London, das nicht nur aufgrund der Sprache den Bedingungen in Kalifor­nien näher ist.

Welche Chancen hätte Google als Schweizer Unternehmen gehabt?

Dies ist im Nachhinein natürlich nicht ganz einfach zu sagen. Sicher spielte für Google aber der Aufschwung der IT-Industrie in den 1990er-Jahren im Silicon Valley eine gewichtige Rolle. Es herrschte damals Aufbruchstimmung und es fehlte nicht an klugen Köpfen, kreativen Ideen und eben auch steigender Nachfrage nach aufstrebenden Software- und Webentwicklungen. Der Fortschritt der Technologien beflügelte Google zusätzlich. Was die Schweiz angeht, so hat die Geschichte ja gezeigt, dass sich Schweizer Unternehmen zu bedeutenden und globalen Weltmarktführern entwickeln können. Ob im Uhren-, Banken-, Healthcare-Bereich oder im produzierende Gewerbe: Viele Global Player stammen aus der Schweiz. Und zudem scheint mir, dass sich die Start-up-Szene in der Schweiz sehr gut entwickelt, etwa im Biotech-, aber auch im Webbereich. Die Schweizer Unternehmen müssen sich in puncto Innovation also gar nicht verstecken.

Wie sehen die weiteren Pläne von Google in der Schweiz aus?

Unser Standort in Zürich beschäftigt mittlerweile über 1600 Mitarbeitende aus 75 Nationen, die an Produkten arbeiten, die täglich von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt genutzt und geschätzt werden. Ob Google Suche, -Maps, Youtube oder Cloud-Dienste wie Gmail und Google Calendar: Für all diese Dienste kommen Innovationen aus Zürich. So möchten wir auch in Zukunft in der Schweiz investieren und haben daher angekündigt, dass wir demnächst auch an der Europaallee neben dem Zürcher HB weitere Bürogebäude beziehen werden. Als Schweizer freut es mich daher ganz besonders, dass sich der Standort Zürich so positiv entwickelt.

Welche Tipps können Sie Schweizer Web-Start-ups geben?

Erstens sollten Start-ups Risiken für neue Geschäftsmodelle eingehen – ansonsten kommt die Innovation von jemand anderem. Zweitens sollte die Welt und nicht die Schweiz der Ziel- beziehungsweise Absatzmarkt sein. Das Web ist schliesslich "worldwide", und dies immer mehr. Aufstrebende Märkte gehen erst jetzt richtig online. Drittens sind Kunden, Partner, Investoren und weitere externe Stakeholder zunehmend über die Cloud verbunden. Sie alle sind potenzielle Erfolgsgaranten.

Sie waren Googles achter Mitarbeiter. Wie hat sich das Unternehmen seither verändert?

Google wird dieses Jahr erst 18 Jahre alt, die Firma ist also noch ein Teenager, auch wenn sie langsam erwachsen wird. Den Start-up-Spirit wollen wir aber auch als globales Unternehmen erhalten. Und wir können heute auch mit ein bisschen Stolz sagen, dass wir von einem Start-up mit Fokus auf nur einen Kerndienst – der Google Suche – zu einem Unternehmen mit unterschiedlichen zukunftsgerichteten Webdiensten gewachsen sind. Aber die Reise hat wohl erst begonnen. Im Bereich Cloud Computing etwa stehen wir gerade erst am Anfang einer rasanten Entwicklung.

Diese wird auch von Ihnen bestimmt, schliesslich verantworten Sie Googles Infrastruktur. Inwieweit tragen die Datacenter von Google Ihre Handschrift?

Ich verantworte seit den Anfängen von Google die Weiterentwicklung der Rechenzentren, die über die Jahre stets globaler wurden. In Wirklichkeit spiele ich aber eher die Rolle eines Begleiters, alle Innovationen kommen von meinem hervorragenden Team.

Derzeit sind Ihre grössten Konkurrenten im Cloud-Geschäft Amazons Web Services, Microsofts Azure und IBMs Softlayer. Welche Mitbewerber werden in Zukunft wichtig für Google?

Wir konzentrieren uns auf unsere Kunden und nicht auf die Konkurrenz. Die Cloud ist erst ganz am Anfang. Derzeit sind vielleicht 2 bis 3 Prozent des IT-Loads in einer Cloud. Das Gebiet ist also weit offen und der Anbieter mit dem besten Produkt und der höchsten Innovationsrate wird führend sein. Google hatte weder die erste Suchmaschine noch die ersten Onlinekarten, noch den ersten E-Mail-Dienst. Aber in all diesen Segmenten haben wir es geschafft, ein viel besseres Produkt zu bauen, das von Millionen Menschen weltweit genutzt und geschätzt wird. Das ist auch in der Cloud möglich – sicher nicht garantiert, aber durchaus möglich. Deswegen haben wir auch schon viele namhafte Firmen als Kunden, von Coca-Cola über Disney und Spotify bis zu Snapchat.

Datacenter verbrauchen nach wir vor viel Energie. Welche Pläne verfolgt Google, um Rechenzentren umweltfreundlicher zu gestalten?

Abgesehen von der Skalierbarkeit und Sicherheit haben wir bei Google als eines der ersten Unternehmen in der IT-Industrie sehr früh auf energieeffiziente Infrastrukturen gesetzt. So hat die "Green Energy" bei Google eine grosse Bedeutung, was mich als Vorstandsmitglied des WWF in den Vereinigten Staaten natürlich auch privat motiviert. Wir haben uns zum Beispiel Ende des vergangenen Jahres das ambitionierte Ziel gesetzt, in der Zukunft 100 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Wir investieren hierfür in neue, noch nicht bestehende Energiequellen, da wir in diesem Bereich wirklich etwas bewegen wollen. Denn Strom-Zertifikate funktionieren nicht, da sie lediglich die Buchhaltung verändern, nicht aber die Stromversorgung an sich.

Ist die Cloud nur eine Übergangsphase? Was wird nach ihr folgen?

Ich gehe davon aus, dass sich die Cloud als bewährte globale Lösung halten wird. Ihre Vorteile sind riesig und fundamental. Momentan sehe ich noch nichts, was die Cloud ersetzen würde. Aus Erfahrung kann es jedoch schnell gehen – lassen wir uns also überraschen, was die Zukunft bringt!

Zur Person

Urs Hölzle wuchs in Liestal (BL) auf. Nach einem Informatikstudium an der ETH Zürich, das er mit einem Master abschloss, zog es ihn in die USA. Dort promovierte er als Fulbright-Stipendiat an der Stanford University in Kalifornien. Hölzle gilt als einer der Pioniere der "Just-in-Time-Kompilierung", eine grundlegende Technik der heutigen Java Compiler und dem V8 Javascript VM im Chrome Browser. Hölzle stiess als erster Vice President für den Bereich Engineering zu Google und leitete fortan die Weiterentwicklung von Googles ursprünglicher technischer In­frastruktur. Heute arbeitet Hölzle als Se­nior Vice President Technical Infrastructure & Google Fellow beim Webkonzern. Hölze verantwortet das Design und den Betrieb der Server, Netzwerke und Rechenzentren für sämtliche Google-Dienste sowie die Entwicklung der Softwarein­frastruktur, die von Googles Applikationen beansprucht wird. Hölzles Markenzeichen sind seine roten Socken. Er ist zudem bekannt als Begründer von Googles hundefreund­licher Unternehmenskultur dank seines treuen Begleiters Yoshka, ein Leonberger-Hund. (Quelle: Google)

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