Editorial

Die Dinge anders angehen

Uhr
René Jaun, Redaktor, Netzwoche (Source: Netzmedien)
René Jaun, Redaktor, Netzwoche (Source: Netzmedien)

"Die Krise wird alles verändern." Diesen Satz hörte ich in den vergangenen Wochen immer wieder. Er taucht in Analysen von Wirtschaftsexperten ebenso auf wie in Plädoyers von Politikern oder immer wieder auch in Abhandlungen spirituell angehauchter Persönlichkeiten. Je nachdem, wem man zuhört, wird die antizipierte Veränderung sehr hoffnungsvoll beschrieben – endlich werden die Karten neu gemischt! – oder pessimistisch: Jetzt kommt der grosse Zusammenbruch!

Mich stören zwei Aspekte an dieser Aussage. Zunächst – und hier bin ich möglicherweise etwas spitzfindig – habe ich Mühe mit der Zukunftsform. Seit spätestens einem Monat wirken sich die behördlichen Massnahmen zur Pandemiebekämpfung auf uns, unser Miteinander und unsere Wirtschaft aus. Manche Betriebe stehen still, während andere ihre Arbeitsweise umstellen mussten. In dieser Heftausgabe lesen Sie etwa, wie die Groupe Mutuel binnen weniger Tage ein Homeoffice-Konzept einführte. Nein, möchte ich den Wirtschaftsexperten, Politikern und spirituellen Leitern antworten, die Krise wird nicht alles verändern – vielmehr hat sie es bereits getan.

Der andere Aspekt, der mich stört, ist der Umfang der Aussage. Die momentanen Auswirkungen des Coronavirus sind unbestritten drastisch. Es gibt klar Verlierer der Krise. Gleichzeitig passiert bei Weitem nicht nur Schlechtes. Beeindruckend sind etwa die vielen ­Solidaritätsbewegungen und Hilfsangebote, die beinahe über Nacht entstanden.

Doch ich für meinen Teil hege die Vermutung, dass wir bereits angefangen haben, Schritt für Schritt zu einer Normalität zurückzukehren. Und diese Normalität wird dem Zustand vor Corona wohl recht ähnlich sein. Die Krise vermag uns im Moment drastisch zu beeinträchtigen. Aber alles, wirklich alles verändern wird sie dauerhaft nicht.

Aber natürlich wird Corona durchaus nicht spurlos an uns vorübergehen. Die behördlich verordneten Einschränkungen haben uns neue Arbeitsmodelle und Unternehmenskonzepte entdecken lassen. In dieser Heftausgabe finden etwa Führungskräfte einige Denkanstösse zur Teamleitung im Homeoffice. Diese lassen sich gut auch nach der Aufhebung von "Stay Home" zu Herzen nehmen. Unternehmen, die künftig besser auf Krisen à la Corona reagieren möchten, finden im Focus zu Insights-driven Leadership eine Inspiration. Denn wer die Daten aus seinem Unternehmen sorgfältig analysiere, habe diesbezüglich einen Vorteil, sagt einer der Experten.

Die Beeinträchtigungen, die wir in den letzten Wochen hinnehmen mussten, liessen uns auch erkennen, dass wir viele alltäglichen Dinge anders angehen können, als wir es gewohnt sind. Es würde unserer Gesellschaft gut tun, dieses Bewusstsein auch nach Corona zu erhalten. Vielleicht werden dann tatsächlich manche Karten neu ­gemischt.

Tags
Webcode
DPF8_177341

Kommentare

« Mehr