Post-Quanten-Security ist in erster Linie ein Inventarproblem
Der Q-Day – der Tag, an dem Quantencomputer heutige Verschlüsselungen knacken – dominiert die Schlagzeilen. Doch die meisten Unternehmen scheitern an einer viel banaleren Frage: Sie wissen nicht, wo sie überhaupt welche Kryptografie einsetzen. Genau dort muss die Vorbereitung beginnen.
Könnten Sie heute sagen, wo in Ihrem Unternehmen überall asymmetrische Verfahren wie RSA, ECC oder Diffie-Hellman im Einsatz sind? In welchen Applikationen, Zertifikaten, VPN-Tunneln oder Schnittstellen zu Lieferanten? Wenn Sie zögern, sind Sie in guter Gesellschaft.
Die Diskussion um Post-Quanten-Kryptografie kreist meist um den Q-Day: den Tag, an dem ein Quantencomputer gängige Public-Key-Verfahren knacken kann. Es gibt verschiedene Schätzungen, wann es so weit sein wird. Sie wurden in den vergangenen Jahren stets nach vorn korrigiert; aktuell rechnet man mit einem Zeitpunkt ab 2030. Das US-Normierungsinstitut NIST erklärt RSA-2048 und ECC-P256 ab 2030 für veraltet und untersagt quantenverwundbare Verfahren ab 2035; das deutsche BSI setzt ähnliche Fristen.
Wann der Q-Day kommt, ist offen. Dass er kommt, ist sicher. Bedrohlich ist er schon heute. Angreifer zeichnen verschlüsselten Datenverkehr bereits jetzt auf, um ihn später zu entschlüsseln (harvest now, decrypt later). Die einzige Grösse, die Unternehmen noch beeinflussen können, ist, wie viele Daten noch in dieses Fenster fallen. Immerhin lassen sich digitale Signaturen nicht auf Vorrat ernten; fälschen kann sie erst, wer einen adäquaten Quantencomputer besitzt. Doch dann ist der Schaden nicht auf eine einzelne Fälschung begrenzt: Wer den privaten Schlüssel aus dem öffentlichen extrahieren kann, kann beliebig viele neue Signaturen im Namen des Opfers ausstellen für Verträge, Zertifikate oder Software-Updates. Und da niemand das Datum des Q-Days kennt, gibt es keinen sicheren Puffer, in dem «rechtzeitig fertig werden» verlässlich planbar wäre.
Doch das eigentliche Problem der meisten Organisationen ist nicht der Quantencomputer. Es ist die eigene Blindheit. Kaum ein Unternehmen verfügt über ein vollständiges Krypto-Inventar: eine Übersicht, welche Verfahren, Schlüssel und Zertifikate wo im Einsatz sind. Ohne dieses Inventar bleiben Risiken unsichtbar, laufen Zertifikate unbemerkt ab und überleben längst unsichere Verschlüsselungsverfahren. Und vor allem fehlt jede Grundlage für eine Migrationsplanung. Man kann nicht schützen, was man nicht kennt.
Und die Zeit drängt. Eine Post-Quanten-Kryptografie-Migration ist kein Patch, sondern ein Programm: Am Anfang steht die Inventarisierung, dann folgen hybride Verfahren, die klassische und quantensichere Kryptografie kombinieren, der Umbau der eigenen Public-Key-Infrastruktur und schliesslich die Lieferkette. Denn kein Unternehmen migriert schneller, als seine Hersteller und Dienstleister mitziehen. Je nach Grösse und Komplexität dauert das von vielen Monaten bis zu mehreren Jahren; in gewachsenen IT-Landschaften eher Letzteres. Und die Migrationsuhr beginnt erst zu laufen, wenn das Inventar steht. Der erste Schritt ist darum unspektakulär: analysieren, inventarisieren, priorisieren. Und dann migrieren – langlebige Daten und PKI zuerst. Wer heute beginnt, verwandelt eine diffuse Bedrohung in ein planbares Projekt. Wer wartet, überlässt die Planung dem Q-Day.
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