Adesso Neujahrszyklus 2015

Wie Big Data die Welt verändert

Uhr | Aktualisiert
von David Klier

Firmen in aller Welt sammeln eifrig allerhand Daten. Was sich mit den Daten anfangen lässt, ist oft unklar. Am Adesso-Neujahreszyklus gab es eine Führung durch die Goldgrube.

Es klingelt. Ein Roboter steht vor der Tür, in seinen Händen hält er Tüten voller Lebensmittel. Er kommt unaufgefordert und bringt doch nur das, was im Haus fehlt. Er hat nämlich Zugang zu den entsprechenden Daten. 

Ein Szenario, das in wenigen Jahren durchaus real sein könnte. Die Erhebung, die Nutzung und das Geschäft mit Daten werden die Welt verändern. Das war die Message, die den Gästen des Adesso-Neujahrszyklus 2015 blieb. 

Am Donnerstag hat der IT-Dienstleister ins Hotel Widder in Zürich geladen. 200 Anmeldungen gab es, 170 Vertreter aus Industrie und Wirtschaft kamen. Nach einer kurzen Begrüssung räumte Hansjörg Süess, CEO von Adesso Schweiz, die Bühne für Victor Schlegel und Andreas Schönenberger.

Victor Schlegel, Head Business Intelligence & Big Data Services bei Swisscom, nahm die Gäste mit auf eine Reise in die Datenwelt des Mobilfunks. 

Big Data als Fundament für Business Intelligence

Die Mobilfunkkunden von Swisscom generieren einen riesigen Datenpool. "Lange Zeit haben wir uns gefragt: Was machen wir mit diesen Daten?", sagte Schlegel zu Beginn seines Vortrags. Die Lösung erscheint simpel. Swisscom definierte Big Data als Basis für Business Intelligence. 

Doch was ist Business Intelligence eigentlich genau? Schlegel befürchtete unterschiedliche Definitionen im Publikum und machte einen Exkurs. 

Business Intelligence ist ein Prozess, der Daten in Informationen, Entscheide und Wissen transformiert. Er besteht aus den Elementen:

  • Prevention: Was machen wir, damit etwas (nicht) passiert?
  • Forecast: Wann wird etwas passieren?
  • Analysis: Warum ist etwas passiert?
  • Monitoring: Was passiert gerade?
  • Reporting: Was ist passiert?
  • Data Storage: Wo sind die Daten?
  • Data Integration: Haben wir Daten?

"Business Intelligence hilft, grob gesagt, die relevanten Informationen aus einer Datenexplosion herauszufiltern und in Geschäftsprozesse einzuspeisen", sagte Schlegel. Die Datenexplosion steht dabei sinnbildlich für Big Data. 

Um die Problematik von Big Data zu verdeutlichen, zog Schlegel eine Flugzeugturbine als Beispiel heran. Eine einzelne Turbine würde etwa 11 Terabyte an Daten pro Minute erzeugen. 98 Prozent dieser Daten seien aber nichts Neues. Lediglich die restlichen 2 Prozent würden Hinweise auf einen möglichen Ausfall der Turbine enthalten. Man müsse wissen, wie man mit den Daten umzugehen habe. Datenvolumina alleine nützen nichts. 

Swisscom verkauft keine Daten

Was macht also Swisscom? Der Telko sammelt Bewegungsdaten seiner Mobilfunkkunden. Diese Daten stammen aber nicht von GPS-Signalen, sondern entstehen beim Einloggen in eine Mobilfunkzelle. Schlegel bestand darauf, dass Swisscom diese Daten nicht verkaufe.

Das heisst aber nicht, dass der Telko sie nicht verwendet. Swisscom erstellt mit den Bewegungsdaten seiner Kunden Heatmaps und Use Cases. Das Team um Schlegel versucht Fragen zu beantworten. Etwa "Wo sollte man den nächsten Geldautomaten positionieren? Wo macht ein Parkplatz Sinn? Wie kann man Baustellen besser managen – Verkehr links oder rechts steuern?".

Schlegel zeigte zur Veranschaulichung eine Karte vom Grossraum Zürich. Die Animation startet in den frühen Morgenstunden gegen 4 Uhr. Auf der Karte flitzen einige Dutzend wurmartige Gebilde umher. Jeder dieser Würmer steht für ein Mobilfunkgerät. Langsame Würmer sind Fussgänger, schnellere sitzen in Autos oder Trams und die ganz schnellen Würmer im Zug. 

Mit fortschreitender Tageszeit explodiert die Zahl der Würmer. Um 7.30 Uhr ist das Gewusel so dicht, dass es von der Stadt praktisch nichts mehr zu sehen gibt. 

Mit diesen Daten hilft Swisscom beispielsweise den SBB. Gemeinsam können sie analysieren wo sich Passagiere der SBB drei Stunden vor und nach einer Fahrt von Zürich nach Bern aufhalten. Anhand der Bewegungsmuster lässt sich sogar erkennen, welche anderen Verkehrsmittel sie nutzen. 

"Big Data ist wie das Feuer in den Händen eines Urmenschen"

Die Alarmglocken der Datenschützer dürften jetzt lautstark schrillen. Schlegel gab jedoch Entwarnung. Die Daten seien alle anonymisiert. Die Privatsphäre sei für Swisscom ein grosses Thema. "Privatsphäre ist allerdings ein sehr relativer Begriff. Mit genügend Zeit und Geld bekommt man jede Information, die man will", sagte Schlegel. 

Schlegel gab deshalb zu bedenken, dass das Geschäft mit Big Data eine grosse Verantwortung mit sich bringe. "Big Data kann auch viel Schaden anrichten. Das Ganze ist wie das Feuer in den Händen eines Urmenschen." Man dürfe mit den Daten nicht leichtfertig umgehen. 

Transformation der Gesellschaft

Im Schlussplädoyer lenkte Schlegel jedoch wieder zurück auf die positive Seite. Big Data würde uns bei der Transformation unserer Gesellschaft helfen. Sie wandle sich von einer Dienstleistungs- in eine Informationsgesellschaft.

Schlegels Nachredner Andreas Schönenberger, CEO von Boxalino und ehemaliger Geschäftsführer von Google Schweiz, spannte den Bogen noch etwas weiter. "Was passiert im Jahr 2030?", rief Schönenberger in den Raum. "Mobile Devices werden es uns erlauben, den Herzschlag der Welt in unserer Hand zu spüren", beantwortete er seine Frage gleich selbst. 

Laut Schönenberger würde aus der heutigen Informationsgesellschaft eine Wissensgesellschaft – Knowing Society im Englischen – werden. Wir werden sämtliche Daten beinahe in Echtzeit nutzen können. Das werde unsere Welt fundamental verändern. 

Vernetzung von alles und jedem, sogar Tiere

Basis werde eine allzeit verfügbare Breitbandverbindung sein. Schon 2021 sei es soweit. Schönenberger rechnet mit Geschwindigkeiten von mehr als einen Gigabit pro Sekunde über 5G-Netze. 

Schönenberger nannte etliche Szenarien, die teilweise schon Realität sind. Etwa die Vernetzung von Tieren. Das niederländische Unternehmen Sparked bietet Echtzeitüberwachung von Kühen. Sensoren liefern Daten über Krankheit, Schwangerschaft und Milchabgabe. Mit Corventis nannte er ein Unternehmen, das Herzüberwachung in Echtzeit für Patienten mit Herzrhythmusstörungen anbietet. 

Datenmengen jenseits des Vorstellungsvermögens

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche unfassbare Datenmenge uns bereits heute umgibt, ging Schönenberger weit zurück. Von 10'000 vor Christus bis ins Jahr 2003 generierte die Menschheit 5 Exabyte an Daten. Allein im Jahr 2013 sammelten wir mehr als 4 Zettabyte an Daten. Das sind acht Mal so viel wie zuvor in der gesamten Menschheitsgeschichte!

So viele Daten benötigen auch entsprechende Rechenpower. Auch hierzu wagte Schönenberger eine Prognose. 2045 werde der schnellste Supercomputer schneller sein als alle Gehirne der Menschheit zusammen. Vorstellbar ist das nicht. Toll klingen tut es aber. 

Demokratisierung von Daten

Kurzum mit der grossangelegten Nutzung von Big Data werde eine neue Kultur entstehen. "Data for Breakfast" nannte Schönenberger es. Unternehmen sollen alle Daten sammeln, die sie bekommen können und mit allen Mitarbeitern teilen. Diese können die Daten dann nutzen, um neue Produkte oder Services zu entwickeln. 

Unternehmen wie Facebook, Google und Amazon würden es bereits vormachen. Data Democracy heisst es bei Facebook. Diese Unternehmen sammeln Daten auf Vorrat. Zum Teil wissen sie noch gar nicht, was sie mit den Daten anfangen können. Darum teilen sie die Daten mit allen Mitarbeitern. 

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