HSLU-Studie

Fintech-Markt setzt auf KI und Konsolidierung

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von Joël Orizet und NetzKI Bot und vgr

Die Zahl der Fintech-Unternehmen in der Schweiz und Liechtenstein wächst nur noch moderat. Eine neue Studie der Hochschule Luzern zeigt, dass der Sektor in eine Konsolidierungsphase eintritt und künstliche Intelligenz zur dominanten Technologiekategorie aufsteigt.

(Source: Dao / stock.adobe.com)
(Source: Dao / stock.adobe.com)

Der Fintech-Sektor in der Schweiz und Liechtenstein ist per Ende 2025 auf insgesamt 529 Unternehmen angewachsen. Das entspricht einem moderaten Wachstum von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie aus der "IFZ Fintech Study 2026" (PDF) der Hochschule Luzern (HSLU) hervorgeht. Nach Jahren des starken Wachstums deuten die Zahlen demnach auf eine neue Phase der Reife und Konsolidierung hin. Dieses verlangsamte Wachstum erklärt sich dadurch, dass sich Unternehmensgründungen und Marktaustritte die Waage halten, wodurch die Spezialisierung der Geschäftsmodelle in den Vordergrund rückt.

Die bedeutendste Entwicklung zeigt sich auf technologischer Ebene. Erstmals stellen Datenanalyse, Big Data und künstliche Intelligenz (KI) mit 183 Firmen die grösste Technologiekategorie dar. Somit überholen sie die Distributed-Ledger-Technologie (180 Firmen) und die reine Prozessdigitalisierung (165 Firmen). "Auch bestehende Fintech-Unternehmen haben ihre technologischen Schwerpunkte in Richtung daten- und KI-basierter Anwendungen entwickelt", erklärt Co-Autor Thomas Ankenbrand. Als Beleg führt die Studie die Neuklassifizierung von 24 Unternehmen an, die aufgrund der Integration von KI-Anwendungen, insbesondere generativer KI, nun in diese Kategorie fallen.

Balkendiagramm: Die Anzahl der Fintech-Unternehmen in der Schweiz (hellblau) und Liechtenstein (grün) wächst von 161 im Jahr 2015 auf 529 im Jahr 2025. Nach starkem Anstieg bis 2018 und einem leichten Rückgang 2021 verlangsamt sich das Wachstum in den letzten Jahren.

Die Anzahl der Fintech-Unternehmen in der Schweiz und Liechtenstein ist seit 2015 fast kontinuierlich gestiegen und erreichte per Ende 2025 einen Stand von 529. (Source: HSLU)

Dieser technologische Wandel wirkt sich auch auf die Produktebene aus. Infrastrukturlösungen für Finanzinstitute bilden mit 204 Unternehmen erstmals das grösste Segment und überholen das Investment Management (198 Unternehmen). Dies unterstreicht den Trend, dass Fintechs zunehmend als Technologielieferanten und Partner für etablierte Banken agieren, anstatt als deren direkte Konkurrenten aufzutreten.

Infrastruktur und KI ziehen Risikokapital an

Obwohl das Risikokapital im Schweizer Fintech-Sektor 2025 insgesamt auf 185 Millionen Franken zurückging, floss das Geld gezielt in strategische Zukunftsfelder und bestätigt damit die Neuausrichtung. Banking-Infrastrukturlösungen zogen mit 129 Millionen Franken das meiste Kapital an. Auf Technologietypologie-Ebene überholte der Bereich Analytics, Big Data und KI mit 91 Millionen Franken an Finanzierungen erstmals die Distributed-Ledger-Technologie mit 81 Millionen Franken. Dies signalisiert, dass Investoren ihr Kapital dorthin lenken, wo sie das grösste Skalierungspotenzial in der Zusammenarbeit mit der etablierten Finanzindustrie sehen.

Die Geschäftsmodelle spiegeln diese Ausrichtung wider. Eine grosse Mehrheit der Fintechs verfolgt ein Business-to-Business-Modell (60 Prozent) und ist international ausgerichtet (81 Prozent). Technologiegetriebene Ertragsmodelle dominieren, wobei sich Software-as-a-Service (SaaS) mit einem Anteil von 38 Prozent als wichtigster Ansatz etabliert hat. Rein auf Endkundinnen und Endkunden fokussierte Modelle spielen eine untergeordnete Rolle und konzentrieren sich stärker auf den Heimmarkt.

Zwei Balkendiagramme 2015-25: Links wächst Banking Infrastructure zum grössten Produktbereich. Rechts wird KI zur dominanten Technologie: Ihr Anteil steigt von 23 % auf 35 %, während die Prozessdigitalisierung von 62 % auf 31 % sinkt. DLT bleibt stabil bei 34 %.

Die Zusammensetzung des Fintech-Sektors von 2015 bis 2025: Banking Infrastructure entwickelte sich zum grössten Produktsegment (links), während Datenanalyse, Big Data und KI die Prozessdigitalisierung an der Spitze ablösten und erstmals die grösste Technologiekategorie darstellen (rechts). (Source: HSLU)

Trotz der Konsolidierung und des rückläufigen Risikokapitals behauptet sich die Schweiz im globalen Wettbewerb. Im "IFZ Fintech Hub Ranking" positionieren sich Genf und Zürich direkt hinter dem Spitzenreiter Singapur auf den Plätzen zwei und drei und profitieren von stabilen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie einem starken Talentpool.

Die Zukunft der Banking-IT ist modular

Die Studie skizziert zudem die technologische Entwicklung von Banken als evolutionären Prozess. Statt einer disruptiven Ablösung bestehender Systeme gehen die Forschenden von einer schrittweisen Modernisierung aus. Die Studie leitet daraus fünf Schlüsselanforderungen für künftige IT-Architekturen ab: Funktionalität, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Resilienz, Modularität und Flexibilität sowie eine konsequente Datenorientierung. Die Analyse legt nahe, dass der Weg über eine "schichtweise Evolution" der IT-Landschaften führt. Kernbankensysteme wandeln sich dabei von monolithischen Blöcken zu modularen Business-Plattformen, deren Funktionen über APIs bereitgestellt werden.

Diese Entwicklung fördert eine Zweiteilung des Marktes. Etablierte Anbieter wie Avaloq, Finnova oder Temenos modularisieren ihre Plattformen schrittweise. Gleichzeitig gewinnen "Neo-Core"-Anbieter wie Mambu oder Thought Machine an Bedeutung, deren cloud-native Lösungen auf maximale Flexibilität ausgelegt sind. Eine entscheidende Rolle kommt dabei der strategischen Integrationsschicht zu, der sogenannten Decoupling Platform. Sie kapselt veraltete Komponenten und dient als "Ökosystem-Gateway" für die Anbindung externer Dienste via Open-Finance-Schnittstellen.

Aufgrund der hohen Kosten und Risiken einer kompletten Migration verfolgen viele Institute einen schrittweisen Modernisierungspfad. Dennoch formuliert die Studie drei disruptive Szenarien als Denkanstösse. Ein "bankenloses Finanzsystem" auf Basis von Decentralized Finance ("DeFi"), eine durch agentische KI betriebene "menschenleere Bank" und eine "grosse Transaktionsbank" als zentralisierte, geteilte Infrastruktur für standardisierte Prozesse. Diese Szenarien dienen laut den Autoren als Testfeld für die Robustheit heutiger Architektur-Entscheidungen.

Die Analyse der Krypto-Märkte deutet auf eine wachsende Präsenz institutioneller Anleger hin. Die Einführung von regulierten Anlageprodukten wie börsengehandelten Indexfonds (ETFs) hat diesen den Zugang zu Kryptowährungen erleichtert. Die Daten deuten zudem auf eine zunehmende Professionalisierung hin, etwa durch eine höhere Marktliquidität, die sich in geringeren Spannen zwischen An- und Verkaufspreisen (Bid-Ask-Spreads) an grossen Börsen äussert, und eine Verlagerung der Handelsaktivitäten auf Wochentage. Insgesamt zeichnet die Studie das Bild eines Sektors im Wandel, in dem die anfängliche Disruptions-Rhetorik einer pragmatischen Zusammenarbeit zwischen etablierten Finanzinstituten und hochspezialisierten Technologieanbietern gewichen ist.

 

Übrigens: 4 von 5 Schweizer Banken haben bereits KI-Dienste eingeführt, wie aus dem "EY Bankenbarometer 2026" hervorgeht - mehr dazu lesen Sie hier

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64dRnUap