Müllers kleines ABC

T steht für Testing-Trend

Uhr | Aktualisiert
von Christopher Müller

Christopher Müller Inhaber und CEO von Die Ergonomen Usability AG.

Christopher Müller, CEO und Inhaber Die Ergonomen.
Christopher Müller, CEO und Inhaber Die Ergonomen.

Theorie: Mit Kunden testen ist unerlässlich, soll ein Produkt dem Nutzer dereinst Freude bereiten. Hierfür gibt es Verfahren, Konzepte und auch Labors. Dort wird die Qualität unter reproduzierbaren und standardisierten Bedingungen an Probanden getestet, die hoffentlich gut der späteren Zielgruppe entsprechen. Solche Tests entfalten ihre segensreiche Wirkung besonders dann, wenn sie früh im Projekt und mehrfach dazu genutzt werden, die Weichen richtig zu stellen. Näheres dazu lässt sich etwa im Beitrag "Der Nutzer als Brückenbauer, der Usability-Experte als Moderator" in "Netzwoche" 12/2015 nachlesen.

Realität: Nun gibt es aber Hersteller, denen das Labor für ihre Tests offenbar zu eng wurde. Sie konfrontieren die reale Kundschaft immer früher mit unfertigen Lösungen. Einst hiess so etwas in der ICT noch ­Betatest, und die Nutzer wurden über Risiken und Nebenwirkungen informiert. Doch heute tut man so, als sei das Produkt fertig. Man legt sich virtuell mit Notizblock oder Logging-Software auf die Lauer und guckt zu, wie sich jemand am anderen Ende der Datenleitung abmüht, eine Bestellung im neuen Webshop zu tätigen. Wenn man es geschickt anstellt, merken die Versuchskaninchen gar nicht, dass sie gerade durch ein Potemkinsches Dorf hoppeln. Öfter als einem genehm sein kann, geht das aber schief. Der Nutzer flucht, der Verkauf springt im Dreieck, die IT rotiert im Strudel von Workarounds. Doch offensichtlich nimmt man für ein paar Daten aus dem richtigen Leben gerne den Groll der Kundschaft in Kauf.

Fazit: Das frühe Feedback im "echten Kontext" ist beliebt. Wer aber mit einem halbfertigen Produkt auf seine Kunden losgeht, riskiert, zu deren Folterknecht zu werden. Besser ist es, schrittweise vorzugehen und immer nur kleine Teile in die freie Wildbahn zu entlassen. Das geht natürlich dann gut, wenn man Websites regelmässig kleine Verbesserungen spendiert, statt sie alle zehn Jahre komplett zu überarbeiten.

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