Interview

"Die Sozialisierung ging damals noch ohne Facebook"

Uhr | Aktualisiert

Markus Kammermann ist Gründer von Kabera Brainware und gibt seit über 25 Jahren Informatikkurse. Im Gespräch mit der Redaktion erklärt er, wie sich die Bedürfnisse der Kunden verändert haben – und was Informatik mit der Kirche zu tun hat.

Markus Kammermann, Gründer von Kabera Brainware (Quelle: Kabera Brainware)
Markus Kammermann, Gründer von Kabera Brainware (Quelle: Kabera Brainware)

Herr Kammermann, Sie haben Theologie studiert und sind nun Informatik-Projektleiter, ICT-Ausbilder, Buchautor und Berater. Wie kommt man von der Theologie zur IT?

Meine Professoren an der Universität Basel haben sich schon nach kurzer Zeit geweigert, meine handgeschriebenen Arbeiten entgegenzunehmen. Eine “Sauklaue“ wie die meine sei nicht zumutbar. So schaffte ich mir 1986 meinen ersten eigenen DOS-PC mit 24-Nadeldrucker an, um Arbeiten korrekt abgeben zu können. Nach 2 Tagen hatte ich das Teil zerstört, und irgendwas mit “Nullspur“ und “Defekt“ wurde mir erklärt. Der PC verschwand für eine Weile und kam wunderbarerweise intakt zurück – von da an wollte ich wissen, was Sache ist. Ich begann, mich mit der Materie zu befassen. Und im Abschlussjahr in Basel gestaltete ich bereits die IT der dortigen Kirchgemeinde um.

Was machten Sie nach Abschluss der Ausbildung?

Beim Kirchenrat des Kantons Zürich wurde eine Stelle als “Assistent für Informatik“ frei und so begann ich meine IT-Karriere direkt nach der Ausbildung. Ein Jahr später war ich Beauftragter für Informatik für die Zürcher Landeskirche und verantwortlich für die Einführung und den Betrieb der Informatik der zentralen Dienste. Von da an bildete ich mich in der Informatik stetig weiter, technisch und als Projektleiter, später auch als Ausbilder.

Sehen Sie Parallelen zwischen der Kirche und der Informatik?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich vorausschicken, dass ich im Service und Support und nicht in der Entwicklung arbeite. Das ist ein wichtiger Unterschied in der Beurteilung von Informatik. Ob Kirche oder IT: In beiden Fällen ruft man dich nur, wenn ein Problem besteht. Nur glauben sie dir in der IT eher, dass du auch wirklich helfen kannst. Von daher ist der Unterschied nicht wirklich gross. Der Kunde hat ein Problem, ruft an und hofft auf eine Lösung. Das war als Pfarrer nicht viel anders. Auf der anderen Seite ist es aber sicher so, dass meine theologische Bildung sehr nützlich ist, um in der technischen Problematik auch den Menschen wahrzunehmen.

Merken Sie das auch beim IT-Support?

Es geht bei Support nicht um Technik, sondern darum, dass die Technik den Menschen im Stich liess, und jetzt braucht er externe Hilfe. Da zeigen sich nicht alle Kunden von ihrer besten Seite, denn “das Zeug“ funktioniert nicht und darauf gibt es viele verschiedene Reaktionen. Wenn wir aber nur die Technik flicken oder dem Kunden gar zu verstehen geben würden, er sei selbst schuld am Ausfall, dann versichert das dem Kunden keine weitere zuverlässige Arbeit und das ist schade – darum helfen gute Supporter immer, dass der Mensch wieder zufrieden an die Arbeit zurückkann.

Sie geben seit 1990 Informatikkurse. Wie hat sich diese Tätigkeit seither verändert?

Hektik, Zeit- und Kostendruck haben ein ganz anderes Ausmass erreicht. In den Jahren 1991 bis 1993 hatten wir in Wald/ZH ein externes Kurslokal für alle unsere Mitarbeitertrainings, und ich holte als IT-Beauftragter alle Mitarbeitenden am Bahnhof ab. Dann hatten wir einen oder zwei Tage Kurse und Mittagessen. Die Sozialisierung ging ohne Facebook und trotzdem erreichten alle ihre Lernziele.

Und heute?

Heute sind Grundlagenkurse eigentlich tot, ersetzt durch Youtube und andere Videokurse. Viele bringen natürlich auch schon Vorwissen mit. 1991 nahm ich den Mitarbeiterinnen die Olivetti mit Bildschirm weg und setzte ihnen einen IBM-PC mit Ami Pro vor. Ich  werde mich ewig dafür schämen, dass ich ihnen den 24-Nadeldrucker als Fortschritt gegenüber den klaren Schriftbildern ihrer Kugelkopf-Schreibmaschinen verkaufen musste. Aber damals war das wirklich ein System- und Kulturwechsel. Heute sind neue Systeme oder Programme für die meisten nur noch ein Versionswechsel. Entsprechend verbrachten wir mehr Zeit mit diesem Wechsel, als dies heute der Fall wäre. Gleichzeitig nimmt aber das Bedürfnis nach Ausbildung zu, zum einen für die technischen Spezialisten, zum anderen für die Zusammenhänge von Technik und Wirtschaft.

Als ICT-Ausbilder profitieren Sie davon.

Ich unterrichte seit Jahren verschiedene Module an der HF für System- und Wirtschaftsinformatik, aber Kurse gebe ich schon lange keine mehr. Und ich unterrichte auch im Bereich Methodik für Techniker und technische Trainer. Das ist das interessanteste Gebiet. Hier rückt nicht die Technik, sondern der Transfer von Technikwissen ins Zentrum. Der Teilnehmer kann den Erfolg so selbst erleben.

1997 gründeten Sie die Kabera Brainware GmbH. Was genau bietet Kabera an?

Wir sind ein typischer Dienstleister, das heisst, wir übernehmen hier “draussen“ im Weinland für zahlreiche Kunden die IT-Betreuung. Wir sind weder Bastellager noch Billiganbieter, sondern sprechen Kunden an, die Zuverlässigkeit und Konstanz wünschen, und ein Gegenüber, das mit ihnen die Informatik langfristig effizient betreibt.

Wie gross ist das Unternehmen?

Wir sind fünf Mitarbeitende und bilden seit Jahren auch Lernende aus. Gerade letztes Jahr war unser Mediamatiker im 4. Lehrjahr auf Rang 1 in der Ostschweiz und auf dem guten 7. Platz in der nationalen Berufsmeisterschaft im Trade Mediamatik. Für uns und ihn ein grosser Erfolg. Links und rechts waren in diesem Bereich nur Lernende aus sehr grossen Firmen platziert.

Was fragen Kunden von Kabera nach?

Beratung und Dienstleistung. Wir verstehen uns seit jeher als Familienbetrieb für andere KMUs und pflegen einen offenen und transparenten Stil mit unseren Kunden. Das heisst, für uns kommt Qualität immer an erster Stelle – bei uns kommt der Kunde vorbei, der das auch so sieht. Die „Preisvergleicher“ kennen wir nur vom Hörensagen. Für unsere Kunden steht nicht der Einkauf im Fokus, sondern die gesamten Kosten über die Einsatzdauer, und da ist der Einkauf oft nur ein kleiner Teil. Wer das einmal verstanden hat, kehrt nicht wieder zum alten Modell vom billigen Einkauf zurück.

Sie haben Fachliteratur über System-, Server- und Netzwerktechnik veröffentlicht. Ist die Konkurrenz in diesem Gebiet nicht riesig?

Ja und nein. Mein Spezialgebiet sind die Module für die höhere Berufsbildung Informatik und die Zertifizierungen des weltweit grössten Fachverbands Informatik. In beiden Feldern ist die Konkurrenz überschaubar (zumal in deutscher Sprache). Es kommt mir sehr entgegen, dass ich massgeblich an der Entwicklung der Berufsprüfung Informatik in System- und Netzwerktechnik beteiligt war und genau weiss, was ich schreiben muss, damit es passt. Wir müssen aber auch sehen, dass der deutsche Sprachraum nicht sehr gross ist. Fachbücher machen rund 10 Prozent des Buchmarktes aus, da bleibt nicht sehr viel übrig – eine grosse Konkurrenz würde hier nicht überleben. Wenn Sie dagegen die Begriffe allgemein im Buchmarkt suchen, haben Sie sicher Recht, aber da trete ich auch nicht unbedingt an.

Profitieren Sie bei Ihrer Tätigkeit als Buchautor auch von den Erfahrungen bei Kabera?

Unbedingt, weder als Dozent noch als Autor möchte ich Theorien vermitteln, von denen ich nichts verstehe. So haben wir im Vorfeld zu unserem nächsten Buch einen Tag lang zu dritt neue Skylake-basierte PCs montiert, und von CPU über DDR4 bis S-ATA6 Gbps-SSD alles angesehen und verglichen, was wir bisher im Einsatz hatten. Dasselbe gilt im Bereich Netzwerk und Server. Ich kann natürlich niemals alles durch eigene Praxis abdecken, das wäre zu breit. Aber so lange ich technische Bücher schreibe, so lange bin ich in der Technik tätig, damit ich weiss, von was ich rede. Für mich ist die Firma die Erdung für das, was ich schreibe und worüber ich doziere.

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