"Plötzlich kam Oracle und wollte uns kaufen"

Marklogic und die Aufbruchstimmung im Datenbankmarkt

Uhr | Aktualisiert

Der Markt für Datenbanken ist aus seinem Tiefschlaf erwacht. Ein Unternehmen, das davon profitieren will, ist der US-Anbieter Marklogic. Das Management hat der Redaktion im Silicon Valley erklärt, wie der Big-Data-Experte die Grossen im Markt angreift.

Das Geschäft von Marklogic. (Quelle: Netzwoche)
Das Geschäft von Marklogic. (Quelle: Netzwoche)

Hinweis: Die Netzwoche wurde ins Silicon Valley eingeladen und traf sich dort mit mehreren IT-Unternehmen. Mehr über die Pressereise in San Francisco erfahren Sie auf dieser Website.

Lange war es ruhig auf dem Markt für Datenbanken: Relationale Modelle waren die unbestrittenen Platzhirsche, alternative Ansätze bloss Randerscheinungen. Dass der Marktforscher Gartner sein Magic Quadrant namens OLTP DBMS seit zehn Jahren nicht mehr aktualisiert hat, spricht nicht für Dynamik. Nun aber hat Gartner angekündigt, im vierten Quartal 2013 ein neues Quadrant veröffentlichen zu wollen. Was ist passiert?

In den letzten Jahren ist Bewegung in die Datenbank-Welt gekommen. Urgesteine wie Oracle und IBM sind mit ihren Produkten zwar auch heute noch erfolgreich, aber die Konkurrenz ist gewachsen. Mit Apache Cassandra, CouchDB, MongoDB und SAP Hana sind Technologien entstanden, die dem Markt neues Leben einhauchen. Auch das US-Startup Marklogic hat eine Datenbank entwickelt, mit der es den etablierten Unternehmen im grossen Stil Marktanteile wegschnappen will. Um die Lösung des US-Unternehmens zu verstehen, lohnt sich ein kleiner Blick zurück.

Ein wenig Datenbankhistorie

Über 50 Jahre ist es her, seit Unternehmen begannen, Daten auf Festplattenlaufwerken abzulegen. Das eröffnete neue Möglichkeiten. Mehrere Nutzer konnten nun parallel auf die gleichen Daten zugreifen, und das Auslesen musste nicht mehr sequentiell erfolgen. Auch die Performance war deutlich besser als bei Lochkarten oder Magnetbändern.

1968 machte IBM mit der Veröffentlichung des Information Management Systems (IMS) hierarchische Datenbanksysteme populär. Daten wurden nun in einer Baumstruktur abgelegt. Diese war starr: Einzelne Datensätze mussten oft mehrfach gespeichert werden und ihre Struktur liess sich kaum ändern. Auch die Abfrage der Daten war mühsam und ineffizient. Das Datenbankmodell, das bei Banken und Versicherungen zum Teil immer noch im Einsatz ist, stösst heute an seine Grenzen.

1979 veröffentlichte Oracle die erste kommerzielle Implementierung einer relationalen Datenbank. Dieses Modell legt Informationen in Tabellen ab und nutzt für Abfragen SQL, die Structured Query Language. Daten sind so redundanzfrei und konsistent abrufbar - und jeder Datensatz muss nur noch einmal abgelegt werden. Die Struktur einer relationalen Datenbank lässt sich zudem relativ leicht verändern.

1998 tauchte erstmals der Begriff NoSQL auf, der anfangs wortwörtlich gemeint war: kein SQL. Der italienische Entwickler Carlo Strozzi veröffentlichte damals ein Datenbanksystem, das auf die Abfragesprache SQL verzichtete. Seit 2009 wird NoSQL als "Not only SQL" verstanden.

Warum aber wurden NoSQL-Datenbanken entwickelt? Weil sich relationale Datenbanken im Umgang mit grossen, unstrukturierten Datenmengen schwer taten. NoSQL hat einen grossen Vorteil: Es skaliert horizontal (scale-out) und nicht vertikal (scale-up). Statt einen einzigen Server aufrüsten zu müssen, können einfach weitere hinzugefügt werden.

Eine Datenbank für Multi-Petabyte-Umgebungen

Das US-Unternehmen Marklogic entwickelt selbst eine NoSQL-Datenbank. Der Big-Data-Spezialist hat sich auf eine Unterart von NoSQL spezialisiert: Dokumentenorientierte Datenbanken. Diese setzen meist auf die Javascript Object Notation (JSON) und können auch komplizierte Datenstrukturen problemlos abbilden. Ein starres Schema gibt es dabei nicht - die Datensätze können eine beliebige Struktur haben. Marklogic kann sich zudem in das Java-Framework Apache Hadoop einklinken, den De-facto-Standard für Big-Data-Umgebungen im Multi-Petabyte-Bereich.

Die Produkte von Marklogic werden unter anderem bei Dow Jones eingesetzt. Das US-Verlagshaus, das in Europa vor allem durch seinen Aktienindex bekannt wurde, ist gerade dabei, von HP-Technologien auf Marklogic umzusteigen. "So einen Deal kriegst du nur, wenn du gross genug bist", sagt Gründer Christopher Lindblad. Marklogic ist gross genug: In fünf Finanzierungsrunden hat das 2001 gegründete Unternehmen 71,2 Millionen Dollar Kapital an Land gezogen.

Laut CEO Gary Bloom ist Marklogic die einzige proprietäre NoSQL-Datenbank, die konsequent für die Bedürfnisse von Unternehmen entwickelt wurde. Marklogic wolle Unternehmen aufzeigen, dass ihre relationale Datenbanken womöglich nicht die beste Lösung für die Speicherung ihrer Daten seien. Im Unterschied zu vielen anderen NoSQL-Datenbanken hat es der Big-Data-Spezialist auf die Grossen abgesehen: Mit seinem Produkt greift Marklogic Platzhirsche wie IBM, Oracle oder SAP direkt an.

Wie Marklogic gross wurde

In der Gründerzeit habe man sich auf XQuery konzentriert, eine Abfragesprache für XML-Datenbanken, erklärt Lindblad. Da Experten auf dem Gebiet damals rar waren, machte sich Marklogic im Silicon Valley schnell einen Namen. Start-ups rät Lindblad, sich auf Technologien zu spezialisieren, die den grossen IT-Unternehmen in ihrem Portfolio noch fehlen. "Dann hast du die Chance, dass sie dich aufkaufen", so Lindblad.

Der Anfang war für Marklogic schwierig. Lindblad traf rund zehn Risikokapitalgeber, doch investieren wollte niemand. Dieses Schicksal kennen viele Start-ups: Laut Zahlen der National Venture Capital Association finden nur 10 von 100 Jungunternehmen Gehör bei den Geldgebern im Valley. Und nur einem davon gelingt es, auch wirklich Kapital an Land zu ziehen.

Auch in Lindblads Leben lief nicht alles rosig. Im Start-up Inktomi, das später von Yahoo gekauft wurde, sei er gescheitert. "Investoren sehen es nicht gerne, wenn dein Leben zu glatt verläuft", nimmt er dies heute auf die leichte Schulter. Denn nur wer stolpere, könne auch siegen.

Um Marklogic bekannter zu machen, meldete Lindblad sein Unternehmen beim Standardisierungsgremium World Wide Web Consortium an. Und dann ging es schnell. "Plötzlich kam Oracle und wollte uns kaufen." Lindblad lehnte ab und rannte mit diesem Argument zu weiteren Beteiligungsgesellschaften - der Rest ist Geschichte. Heute beschäftigt Marklogic am Hauptsitz im Silicon Valley und Standorten in New York, Washington DC, London, Frankfurt, Utrecht, Tokyo und Austin über 250 Mitarbeiter.

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