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Vier Meinungen zum Swiss E-Health Summit 2018

Uhr | Aktualisiert

Am 11. und 12. September 2018 findet im Berner Stade de Suisse der Swiss E-Health Summit statt. Vier Experten geben zu Themen Auskunft, welche die Gesundheitsbranche momentan beschäftigen.

1. Interview mit Rahel Meier, Projekteiterin "FIRE", Institut für Hausarztmedizin, UniversitätZürich

 

Das Motto des diesjährigen Summits ist "Leadership & Digital Transformation". Was heisst das?

Rahel Meier: In der Hausarztmedizin ist die digitale Transformation ein nach wie vor andauernder Prozess. Bis Ende 2014 hatten erst etwa 35 Prozent der Hausarztpraxen die Transformation von einer papierbasierten Krankengeschichte zur Anwendung eines vollelektronischen Praxisinformationssystems durchgeführt. Leadership und das Projekt "FIRE" bedeuten in einer solchen Umgebung aufzuzeigen, welche Vorteile eine Umstellung hat.

 

Was waren die bisher grössten Hürden, die das Schweizer Gesundheitswesen in Bezug auf die digitale Transformation überwinden musste?

Eine grosse Hemmschwelle für die Implementierung der elektronischen Krankengeschichte in der Hausarztpraxis ist sicherlich das suboptimale Verhältnis von Aufwand und Nutzen. Der Hausarzt muss die Infrastruktur und die Umstellung finanziell sowie zeitlich bewältigen können. Praktisch alle an digitaler Transformation interessierten Staaten unterstützen daher diesen Schritt finanziell, die Schweiz jedoch nicht. Zudem ist das Softwareangebot in der Schweiz extrem heterogen und viele relevante Standardisierungen fehlen.

 

Mit welchen Entwicklungen müssen sich ­IT-Entscheider im E-Health-Bereich in nächster Zeit auseinandersetzen?

Insbesondere mit dem Thema der Interoperabilität und Standardisierung. Dies wird zum einen für die Entwicklung der EPD-Schnittstelle benötigt. Zum anderen sind immer mehr elek­tronische Entscheidungshilfen und Monitore angedacht und in Gebrauch. Diese funktionieren jedoch nur, wenn sie mit strukturiert erfassten Daten gefüttert werden.

 

Was sind für Sie die wichtigsten Trends im ­Schweizer E-Health?

Ausser der sektorenübergreifenden Nutzung von Daten, die derzeit vor allem durch die Einführung des EPD gefördert werden soll, schreitet auf Bürgerseite vor allem die Nutzung von Mobile-Health-Apps und Wearables voran und damit auch der Bereich Big Data?

 

2. Interview mit Adrian Schmid, Leiter Geschäftsstelle, E-Health Suisse

 

Das Motto des diesjährigen Summits ist "Leadership & Digital Transformation". Was verstehen Sie darunter?

Adrian Schmid: Für uns gehört bei E-Health immer die "Vernetzung" dazu. Eine vernetzte digitale Transformation hat das Potenzial, der Bevölkerung und ihren Behandelnden jederzeit und überall die richtige Information zugänglich zu machen. Dass dies gelingt, bedingt, dass alle Leader verstehen, dass sie nicht mehr allein unterwegs sind, sondern zusammenarbeiten müssen.

 

Was waren die bisher grössten Hürden, die das Schweizer Gesundheitswesen in Bezug auf die digitale Transformation überwinden musste?

Der grosse digitale Schub steht uns noch bevor. Sehr viele Hürden sind also noch nicht überwunden. Man muss es aber sicher als Erfolg verbuchen, mit welch klarem Resultat das Parlament im Jahr 2015 das Bundesgesetz über das elek­tronische Patientendossier verabschiedet hat. Das war ein klares Signal an alle Akteure, dass sich etwas ändern muss.

 

Mit welchen Entwicklungen müssen sich ­IT-Entscheider im E-Health-Bereich in nächster Zeit auseinandersetzen?

Technisch ist inzwischen fast alles möglich. Nicht jede Innovation ist aber sinnvoll und nachhaltig. IT-Entscheider werden in Zukunft vermutlich noch mehr die Balance finden müssen zwischen gegenläufigen Kräften – nämlich dem Wunsch nach einer klaren Strategie und der Notwendigkeit, agil auf neue Entwicklungen reagieren zu können.

 

Was sind für Sie die wichtigsten Trends im ­Schweizer E-Health?

Das Wort "Trends" gefällt mir im E-Health-Bereich nicht wirklich, denn es suggeriert einen kurzen Zyklus von ständig neuen Ideen. Ich glaube, dass das Verständnis wächst, dass wir mehr in die nachhaltige Standardisierung investieren müssen. Dies nach dem Motto: "Cooperate on Standards, compete on Products."

 

3. Interview Benedikt Niederer, Leiter Unternehmensentwicklung, Kantonsspital Baden

 

Das Motto des diesjährigen Summits ist "Leadership & Digital Transformation". Was verstehen Sie darunter?

Benedikt Niederer: Mit der zunehmenden Digitalisierung in den verschiedensten Bereichen wird die Bedeutung von Leadership als Erfolgsfaktor für Unternehmen weiter an Bedeutung gewinnen. Die technologische Innovation führt zu laufender Standardisierung in den verschiedenen Bereichen und dadurch zur Austauschbarkeit der fachlichen Qualifikation.

 

Was waren die bisher grössten Hürden, die das Schweizer Gesundheitswesen in Bezug auf die digitale Transformation überwinden musste?

Im Vergleich zu anderen Branchen hat das Gesundheitswesen nicht mit der technologischen Entwicklung Schritt gehalten. Das hat einerseits mit der grossen Heterogenität der Parteien wie auch mit den regulatorischen Rahmenbedingungen zu tun. Voraussetzung für den langfristigen Erfolg ist es, die Digitalisierung als nutzenstiftende Chance zu erkennen.

 

Mit welchen Entwicklungen müssen sich ­IT-Entscheider im E-Health-Bereich in nächster Zeit auseinandersetzen?

Ausser den politischen und gesellschaftlichen Anforderungen, insbesondere bezüglich des Datenschutzes, wird auch die Verfügbarkeit der Daten für verschiedenste Zwecke zunehmend eine wichtige Rolle spielen. Es ist davon auszugehen, dass die informierte und selbstbestimmte Gesellschaft von morgen wissen will, welche Daten wofür, wann, wie, wo und in welcher Form vorhanden sind.

 

Was sind für Sie die wichtigsten Trends im ­Schweizer E-Health?

Ausser den bestehenden Trends von Big Data, Deep- und Machine-Learning, Decision-Making, Virtual Reality, Blockchain, Cloud Computing oder Mobile Health wird der Internationalisierung eine bedeutsame Rolle zukommen. Wo früher generell nationale Softwarelieferanten infrage kamen, werden vermehrt internationale evaluiert.

 

4. Interview Burkhard Frey, Präsident E-Health, Nordwestschweiz

 

Das Motto des diesjährigen Summits ist "Leadership & Digital Transformation". Was verstehen Sie darunter?

Burkhard Frey: Der Trägerverein E-Health Nordwestschweiz konzentriert sich auf die Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD). Mit dem nun realisierten Piloten von "myEPD" verstehen wir uns als First Mover, der mit grossem Initialaufwand bei vorerst beschränktem Initialnutzen den Weg für andere ebnet. Hier ist Leadership auch von den Kantonen wichtig, um gemeinsam rasch den Nutzen aus der Digitalisierung für alle Beteiligten aufzuzeigen.

 

Was waren die bisher grössten Hürden, die Sie in Bezug auf die digitale Transformation überwinden mussten?

Mit dem EPD wird erstmals ein schweizweiter Standard eingeführt. Hier hinkt unsere Branche im Vergleich zu anderen um Jahrzehnte hinterher. Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben des EPD-Gesetzes ist deren Implementierung aufwändig und teuer. Die ambulanten Leistungserbringer müssen mit Nutzen zu attraktiven Konditionen gewonnen werden.

 

Mit welchen Entwicklungen müssen sich ­IT-Entscheider im E-Health-Bereich in nächster Zeit auseinandersetzen?

Rund um das EPD werden auch sogenannte Mehrwertdienste (B2B, B2C) entwickelt, die zusammen mit dem EPD ein Ökosystem der Kommunikation im Gesundheitswesen bilden. Wer draussen bleibt, wird abgehängt.

 

Was sind für Sie die wichtigsten Trends im ­Schweizer E-Health?

Der Vorteil, die eigenen behandlungsrelevanten Daten und Dokumente immer bei sich zu haben, wird die Angst vor Datenverlust verdrängen. Fach- und Hausärztinnen, Apotheker, Pflegende und Spitex werden die Patientenakten lückenlos elektronisch führen und im Verbund die Behandlungspfade im Gesundheitssystem gemeinsam mit ihren Patienten planen und verfolgen. Fraglich ist für mich, ob sich hier die prophezeite "Goldgrube" auftut.

Webcode
DPF8_105728

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