Swico Winner Talk

Social Shopping, geteilte E-Velos und die Digitalisierung der alten Tante

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Die Gewinner von Best of Swiss Apps 2018 haben am Swico Winner Talk Einblick in Projekte geboten, die Vergangenheit und Zukunft verbinden. Die Besucher erfuhren, was die Apps auszeichnet, wie ihre Entwickler mit Herausforderungen umgingen und wie die Zusammenarbeit verlief.

Matthias Wälchli, Gilbert Lordong und Nino Cometti zeigten, wie "Amigos" entstand. (Source: Netzmedien)
Matthias Wälchli, Gilbert Lordong und Nino Cometti zeigten, wie "Amigos" entstand. (Source: Netzmedien)

Wie läuft die Entwicklung einer App im Detail ab? Wo liegen die Herausforderungen und Stolpersteine? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und Entwickler? Und was zeichnet eine erfolgreiche App heute eigentlich aus? Antworten auf diese Fragen erhielten die Besucher am Swico Winner Talk, der gestern Abend im Zürcher Hotel Renaissance über die Bühne ging.

Im Anschluss an die Best of Swiss Apps Award Night, bot der Winner Talk eine Gelegenheit zum Austausch mit einigen der Sieger des Wettbewerbs. Ein Werkstattgespräch, wie Giancarlo Palmisani, Leiter Verbandsdienstleistungen beim Swico zur Begrüssung sagte. Für den IT-Verband war die Veranstaltung ein Novum, denn zum ersten Mal seit der Fusion von Simsa und Swico führte er sie durch.

Von den besten lernen, den Partner zu verstehen

Einblicke in die App-Werkstatt erhielt das Publikum als erstes vom Gespann Migros/Dreipol, das mit der App "Amigos" den Titel Master of Swiss Apps 2018 eroberte. Am Anfang des Projekts habe die Frage gelautet: "Ist die Schweiz bereit für einen Peer-to-Peer Lieferdienst für Lebensmittel?" Für dessen Entwicklung hätten sie zunächst ins Ausland geschaut, sagte Matthias Wälchli, Leiter Abhol-/Lieferservices bei der Migros. Vorbilder wie die US-App Instacart hätten gezeigt, wie Social Shopping geht. Anschliessend sei die Lösung aus Webshop, Backend und App umgesetzt worden.

Giancarlo Palmisani, Leiter Verbandsdienstleistungen beim Swico, führte durch den Winner Talk. (Source: Netzmedien)

Die Zusammenarbeit mehrerer Teams war hierbei eine Herausforderung, wie IT-Projektleiter Gilbert Lordong sagte. Eine andere war, dass die Entwickler zu Beginn nur eine "verschwommene Vision" vom Endergebnis hatten. Einer der ersten Schritte sei deshalb gewesen, den Einsatz von Amigos im Alltag bildlich festzuhalten, so Nino Cometti, CEO von Dreipol. Um sich ganz auf die Entwicklung konzentrieren zu können, habe man das Testing an einen Dienstleister ausgelagert. Ein Vorgehen, das Cometti auch anderen Projekten empfahl.

Eine Besonderheit des Amigos-Projekts habe darin bestanden, dass Auftraggeber Migros sehr hohe Ansprüche an die Qualität stellte, man zugleich aber ein Speedboat-Tempo einhalten wollte, sagte Cometti. Auch sei es nicht immer einfach gewesen, das agile Projektdesign mit fixen Daten in Einklang zu bringen. Einen Einfluss spielte auch die Art, wie die Migros sich in der Schweiz in verschiedenen Genossenschaften organisiert. Das schlage sich nicht nur in der regionalen Struktur, sondern auch im Angebot der Filialen nieder.

Der Start der App im April in Bern und Zürich habe schliesslich die zu Beginn gestellte Frage mit "Ja" beantwortet. Das Interesse von "Bringern" sei gross, die Lieferzeiten kurz und Probleme schnell gelöst. Nun müsse man das Angebot noch bekannter machen, dass auch auf "Besteller"-Seite mehr Leute mitmachen, sagte Wälchli. Und was hält der Migros-Lieferdienst "Le Shop" von der ganzen Sache, wollte jemand aus dem Publikum wissen. "Sie waren nicht wahnsinnig beglückt, nahmen die Herausforderung aber sportlich", so Wälchli.

Elektrische Drahtesel für Google

Thomas Botton von Liip und Judith Häberli von Urban Connect stellten im Anschluss die gleichnamige E-Bike-Sharing-App vor. Sie solle eine Alternative zum Auto-Verkehr ermöglichen, denn das Velo sei das perfekte Pendler-Gefährt im städtischen Raum. Urban Connect bietet seine App plus Velos in erster Linie Unternehmen an, die damit ihren Mitarbeitern eine Mobilitäts-Lösung zur Verfügung stellen wollen. Diese "Mobility-as-a-Service" sei nachhaltig und könne einer Firma ein besseres Image verschaffen, sagte Häberli. Grösster Kunde von Urban Connect in Zürich ist Google.

Thomas Botton und Judith Häberli gaben Einblick in die Entwicklung von "Urban Connect". (Source: Netzmedien)

Judith Häberli schilderte die Entwicklung von Urban Connect von der Gründung 2013 bis heute. Ein erster funktionsfähiger Prototyp sei im Frühling 2017 startklar gewesen. Die App wies aber noch eine Menge Bugs auf, die Nutzer seien gar nicht zufrieden gewesen. Um die Lösung auf das nächste Level zu hieven - schliesslich hing das Schicksal des Start-ups von ihr ab - habe Urban Connect Liip mit an Bord geholt. Durch die Priorisierung von Features und eine enge Begleitung der Nutzer im Alltag, habe man die Probleme schliesslich gelöst.

Wie bei anderen Fahrzeug-Sharing-Angeboten sei auch bei Urban Connect das Phänomen aufgetreten, dass die Nutzer die Velos an allen möglichen Orten abgestellt hätten. Die Entwickler lösten das Problem mit sogenannten "Beacons". Mit ihnen lassen sich die E-Bikes orten und nur noch an den vorgesehenen Orten abschliessen. Urban Connect sei mit einer Nutzungsrate von rund 10 Prozent der Mitarbeiter zufrieden. Ein Angebot, um die Bikes auch einer grösseren Öffentlichkeit anzubieten, sei in Planung, sagte Häberli.

React Native trifft auf 238 Jahre Journalismus

Amigos und Urban Connect verbinden vergleichsweise alte Tätigkeiten (Einkaufen, Velofahren) mit moderner Technologie (Apps, Mobiles Internet). Das galt auch für das dritte Projekt, das am Swico Winner Talk vorgestellt wurde. Alexander Josef von Netceterea und Niklaus Gerber von der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) berichteten von der Entstehung der neuen NZZ-App.

Für die 1780 gegründete NZZ, in Journalistenkreisen liebevoll "alte Tante" genannt, bestehe die Herausforderung darin, sich im digitalen Zeitalter neu zu erfinden. Die Zeitung brauche deshalb eine Plattform, auf der sich in Zukunft Apps schnell aufbauen lassen und die Features wie Personalisierung und In-App-Käufe unterstütze. Der Auftrag an Netcetera lautete vergleichsweise einfach: "Die App muss schneller sein als die alte und darf nie abstürzen."

Netcetera habe dazu auf die React-Native-Plattform gesetzt. Diese senke für die NZZ den Entwicklungsaufwand, sei aber anspruchsvoll, was die Performance auf älteren Geräten anbelangt. Entwicklung und Testing auf verschiedenen Hardware-Modellen und über die internationalen Teams verteilt, sei nicht immer einfach gewesen. Auch gebe es noch wenig Erfahrung im Umgang mit React Native, da die Plattform noch recht jung sei. "Wir mussten selbst mit diesem Gärtlein wachsen", sagte Josef. Der Start der App sei aber sehr gut verlaufen und was noch wichtiger sei: Die NZZ habe in ein digitales Fundament investiert, auf dem sie weitere Angebote aufbauen könne.

Nach den drei Referaten ging der Abend in den informellen Teil über: Die Besucher des Talks konnten sich beim Apéro mit den Entwicklern austauschen und netzwerken.

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DPF8_117686

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