Özlem Altas im Interview

Gamification für Unternehmen: Spielend Mitarbeiter motivieren

Uhr

Gamification soll dabei helfen, Aufgaben und Prozesse reizvoller zu gestalten. Doch wo und wie ist die Nutzung von Gamification-Konzepten sinnvoll? Özlem Altas, CEO und Art Director von Fiberjungle, gibt Auskunft über die Möglichkeiten für Unternehmen, verschiedene Einsatzgebiete und grundsätzlich demotivierte Mitarbeiter.

Özlem Altas, CEO und Art Director, Fiberjungle (Source: zVg)
Özlem Altas, CEO und Art Director, Fiberjungle (Source: zVg)

Was ist Gamification?

Özlem Altas: Unter dem Begriff Gamification versteht man den Einsatz von spielerischen und motivationsfördernden Elementen im spielfremden Kontext, etwa bei internen Prozessen oder auch beim Verkauf von Produkten.

Was können Unternehmen von Videospielen lernen?

Das Erfolgserlebnis und die virtuelle Belohnung beim Erreichen der Ziele in Videospielen motivieren den Spieler, innerhalb der Spielwelt immer weiter aufzusteigen. Die eingebauten Mechanismen und Prinzipien aus den Spielen lassen sich auf Unternehmensprozesse übertragen. Sie machen die Arbeitsumgebung für Mitarbeiter attraktiver und ermöglichen es, den Verkauf von Produkten als Erlebnis zu gestalten.

Wie können Unternehmen vom Gamification-Trend profitieren?

Der Einsatz von Gamification in Unternehmen kann Arbeitsprozesse optimieren, Mitarbeiter zu bestimmten Verhaltensweisen motivieren und die Aufmerksamkeit für ein neues Produkt oder eine Dienstleistung erhöhen. Durch das Erschaffen einer Spielwelt kann eine Community mit den Kunden oder Partnern aufgebaut und mittels Loyalitätsprogrammen die Kundenbindung gefördert werden. Ein Ranglisten-System mit Nutzung der Erfolge als Statussymbol weckt einerseits das Verlangen der Spieler, sich gegenseitig in Leistungen zu übertreffen, und sorgt andererseits für den Anreiz, dass die Spieler regelmässig die Spielwelt betreten.

Viele Firmen haben Mühe, die Motivation und das Engagement ihrer Mitarbeiter zu steigern. Wäre Gamification dafür nicht ideal?

Die fehlende Feedback-Politik in Unternehmen ist eine der Hauptproblematiken bezüglich der Motivation von Mitarbeitern. Genau hier setzt Gamification an und versucht dieses Problem durch den Einsatz von Spiel-Prinzipien zu lösen. Der Mitarbeiter erhält jeweils direkt ein Feedback, bleibt länger motiviert, und für das Unternehmen ist es eine zeitsparende und kosteneffiziente Lösung. Wichtig dabei ist jedoch, die Mitarbeiter in den Gamification-Prozess miteinzubinden, sodass sie ihre Ideen und Erfahrungen einbringen können.

Welche Menschen werden durch Gamification-Konzepte nicht ­erreicht und warum? Wie sollten Unternehmen mit diesen Mit­arbeitern umgehen?

Ob und wie gut ein Gamification-Konzept bei den Mitarbeitern greift, ist immer auch eine individuelle und persönliche Sache. Es darf auf keinen Fall eine Art Zwang entstehen. Gerade deshalb ist es essenziell, die Mitarbeiter in den Gamification-Prozess zu involvieren. Ein grundsätzlich desinteressierter und unmotivierter Mitarbeiter wird aber auch durch den Einsatz von Spiel-Elementen nicht plötzlich motiviert. An dieser Stelle muss auch gesagt sein, dass Gamification nicht das Problem von grundsätzlich ineffizienten Prozessen löst. Sofern ein Mitarbeiter seine Arbeit lieber ohne Gamification-Elemente erledigen möchte, muss dies respektiert werden und darf auf keinen Fall negative Konsequenzen für den Betroffenen haben.

Wie können Unternehmen von Gamification profitieren? Mehr Infos zum Thema finden Sie im Focus der Netzwoche-Ausgabe 6/2019.

Wie sinnvoll ist Gamification in der Aus- und Weiterbildung?

Gerade beim Erlernen von neuen Aufgaben kann der Einsatz von spielerischen Elementen sehr vorteilhaft sein. Die Motivation kann so aufrechterhalten werden. Auch die Aufteilung des Lernstoffs in einzelne, abgeschlossene Aufgaben – im Spiel zum Beispiel ein Level oder eine Mission – hilft dabei, komplexe Abläufe zu verstehen und begünstigt den Lernprozess. Bereits heute werden schon oft reale Situationen anhand virtueller Spielwelten simuliert, um besser auf entsprechende Situationen vorbereitet zu sein. In diesem Zusammenhang sind die VR- und AR-Technologie eine sehr grosse Hilfe. Unternehmen nutzen sie immer öfters für geschäftsrelevante Prozesse. Im Bereich der Ausbildung können auch sich oft repetierende Arbeitsabläufe nötig sein, um eine gewisse Tätigkeit optimal zu beherrschen. Gerade hier kann Gamification helfen, die Motivation nicht zu verlieren.

Und bei der Akquirierung von Kunden?

Speziell bei der Akquirierung von Neukunden können Spieltechniken helfen, Produkte oder Dienstleistungen spannender zu gestalten und das Interesse des Kunden zu wecken. Durch die modernen audiovisuellen Medien gibt es immer mehr Möglichkeiten, ein einfaches Verkaufsgespräch in ein Erlebnis zu verwandeln. Das Spiel muss aber nicht unbedingt digital sein – Spielelemente eines legendären Brettspiels oder eines Puzzles können den genau gleichen Effekt haben.

Auch die Suche nach Fachkräften ist für Unternehmen schwierig. Könnte Gamification im Recruiting-Prozess helfen?

Um potenzielle Mitarbeiter auf das eigene Unternehmen aufmerksam zu machen, kann Gamification hilfreich sein, ja. Der Bewerber kann sich im Voraus etwa durch einen virtuellen Rundgang ein Bild vom Unternehmen sowie seinem zukünftigen Arbeitsplatz und seiner zukünftigen Tätigkeit machen. Zudem können bestehende Online-Bewerbungsformulare mit interaktiven, visuellen Elementen attraktiver gestaltet werden.

Sollten Führungskräfte mehr auf spielerische Elemente setzen?

Der Einsatz von Gamification kann sowohl in der Führungsebene sowie bei den Arbeitnehmern sinnvoll sein. Durch die Steigerung der Motivation der Personen im Unternehmen wird das Arbeitsklima verbessert, wodurch unter Umständen auch eine Effizienzsteigerung erreicht werden kann. Solche Spielkonzepte können auch das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Abteilung oder der Firma stärken. Das dient auch dem Team-Building.

Eignet sich Gamification als Marketing-Instrument? Und wenn ja, wann und wo?

Gamification kann eine sehr effektive und wirkungsvolle Marketingmassnahme sein, sofern es richtig auf die betreffende Zielgruppe ausgerichtet ist. Im Webbereich, zum Beispiel auf Websites oder auf Social Media, sind Onlinespiele oder interaktive, audiovisuelle Medien eine Variante für den spielerischen Zugang zu einem neuen Produkt. Dies lässt sich auch hervorragend mit einem Wettbewerb kombinieren. Bei Messeauftritten oder Events können Produkte oder Dienstleistungen etwa mit VR-Applikationen erlebbar gemacht werden und so zum unvergesslichen Ereignis im Gedächtnis verankert bleiben.

Was empfehlen Sie Unternehmen, die sich überlegen, Gamification im Arbeitsalltag einzusetzen? Wie sollten sie vorgehen?

Bei unternehmensinternen Bereichen ist eine ausführliche Dokumentation des Arbeitsprozesses sowie dessen Analyse zusammen mit den Beteiligten bezüglich Motivation und Leistung der erste Schritt. Anschliessend ist eine Beratung mit einem auf Gamification spezialisierten Unternehmen zu empfehlen, um passende sowie motivierende Spielkonzepte für den betreffenden Prozess und die Zielgruppe zu erarbeiten. Nach der Einführung sind regelmässige Mitarbeiter-Feedbacks zur Gamification anzuraten.

Welche Risiken birgt die unternehmensinterne Gamification von Arbeitsprozessen?

Im Unterschied zur unternehmensexternen Gamification kann der Mitarbeiter Zeitpunkt und Dauer des Spiels nicht selbst bestimmen, wodurch das motivierende Spielelement schnell ins Gegenteil umschlagen kann. Wichtig ist zu berücksichtigen, dass es stets als Alternative zum konventionellen Prozess angeboten wird und kein Zwang entsteht. Zudem bringt jede Veränderung auch eine gewisse Unsicherheit mit sich, die zuerst überwunden werden muss.

Unternehmen können Gamification auch nutzen, um Daten zu sammeln. Was kann dabei schiefgehen? Ist der Datenschutz gewährleistet?

Der Datenschutz ist ein sehr wichtiges Thema beim Einsatz von Gamification, da aufgrund des Verhaltens im Spiel und dessen Fortschritt Rückschlüsse auf den Spieler getroffen werden können. Das betrifft zum Beispiel Charaktereigenschaften, Geschicklichkeit, Intelligenz oder Präferenzen. Wer Daten sammelt, sollte sie komplett anonymisieren. Der Spieler sollte zudem sein Einverständnis für die Analyse und Auswertung geben.

Weitere Focus-Beiträge zu Gamification bei Unternehmen:

"Ein einfaches, punktebasiertes Kundenbindungsprogramm ist keine Gamification", sagt André Naef, Chief Technology Officer von Dacadoo. Er erklärt hier, was gute von schlechter Gamification unterscheidet.

In diesem Artikel kommen Thomas Rudolph, Benjamin D. Klink und Gianluca Scheidegger von der Universität St. Gallen zu Wort. Sie zeigen, wie Unternehmen Gamification nutzen können, um Mitarbeiter zu motivieren und Kreativität zu fördern.

Hier findet sich ein Artikel von Philipp Baumann und Elizabeth Immer von Ergonomen Usability. Ihre These: Gamification kann sogar den täglichen Joghurteinkauf zum prickelnden Abenteuer machen!

Webcode
DPF8_132094

Kommentare

« Mehr