Interview mit Hannes Gassert von Liip

"Ohne Design geht es nicht mehr"

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Bereits 19 Mal hat Best of Swiss Web den begehrten Master-Titel vergeben. Vier Mal mit auf dem Siegerpodest: Liip. Die Digitalagentur scheint also etwas richtig zu machen. Was das ist, verrät Mitgründer Hannes Gassert.

Hannes Gassert ist Mitgründer der Digitalagentur Liip.
Hannes Gassert ist Mitgründer der Digitalagentur Liip.

Liip war in den Jahren 2007, 2009, 2011 und 2019 am Sieger­projekt Master of Swiss Web beteiligt. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Hannes Gassert: Das Rezept heisst Kultur. Wir machen die Dinge anders – aus Überzeugung und tief verankerter Kultur. Ultra-agile Entwicklung, Selbstorganisation, radikaler Fokus auf Open Source und Authentizität zu jedem Zeitpunkt: Das alles ist seit langer Zeit sehr tief drin in unserer DNA. Und genau diese Kultur bringt grossartige Menschen zu uns: Liiper(innen), Partner und richtig tolle, langfristige Kunden. Und die sind für all die Preise ja gerade so verantwortlich wie wir. Und ja: Mit den Zutaten ist’s fast einfach.

Wie hat sich die Webentwicklung seit 2007 verändert?

Vieles von dem, was wir damals bereits für richtig hielten, ist heute Industriestandard: Open Source zum Beispiel – heute ist das keine Frage der Ideologie, sondern sinnvolle gemeinsame Weiterentwicklung geteilter Infrastruktur. Agile Entwicklung, Scrum und Co.: Das ist heute Standard. Damit sind wir heute weniger «futuristisch», als wir es damals waren. Gleichzeitig haben wir nachvollzogen, was uns zu Beginn weniger interessierte: Design und User Experience als stets zentrale Rolle. Wir sind nach wie vor eine sehr technische Webagentur, ergänzten uns aber durch starke kreative Rollen und ganzheitliche Ansätze wie «Service Design». Ohne exzellentes Design geht es nicht mehr.

Und Liip?

Wir sind stetig gewachsen in der Zeit, von 7 auf 177 Liiper(innen). Das warf die Frage auf, wie wir als Organisation genauso agil bleiben, wie es unsere Projekte sind. Als Antwort darauf haben wir als erste Digitalagentur Holacracy eingeführt. Das erlaubt uns, als Organisation genauso agil zu sein wie unsere Softwareentwicklung. Das war wahrhaft ein Betriebssystemwechsel. Zudem sind wir heute noch näher bei unseren Kunden. Von unseren 5 Standorten in der ganzen Schweiz profitieren unsere Kunden sehr stark. Denn immer mehr steht nicht nur einfach im Zentrum, etwas gut und richtig zu entwickeln, sondern etwas Gutes und Richtiges.

Welche technologischen Entwicklungen hatten den grössten Einfluss auf Ihre Arbeit?

Entscheidend war, dass das Web offen geblieben ist. Die geschlossenen Ökosysteme der grossen App-Plattformen hatten unglaublichen Erfolg, und wir entwickeln selbst ja auch tolle Native-Apps. Aber eben nur dort, wo das wirklich Sinn ergibt. Denn ausserhalb der geschlossenen, durch die Interessen einer Handvoll riesiger Tech-Firmen gelenkten App-Ökosysteme liegt weiterhin riesiges Potenzial im freien, offenen Web und offenen Standards. Die Offenheit des Webs wird auch künftig entscheidend bleiben, um unabhängig Innovationsprojekte umsetzen zu können. Dafür muss sich unsere Branche wirksam engagieren.

Wie viele Projekte haben Sie in der Zeit umgesetzt?

3328.

Was war das skurrilste, aufwändigste oder mühsamste Projekt?

Skurril, aber auf eine sehr gute Art, war sicher bereits das Projekt Gottago, der grosse Best-of-Swiss-Web-Gewinner 2009. Am Tag, als das erste iPhone in die Schweizer Läden kam, hatten wir die einzige Schweizer ÖV-App im Store. Alle hatten sie auf dem Handy, alle. Es war zudem die erste App im Lande, die die neuen GPS-Fähigkeiten wirklich nützlich einsetzte. Die Idee war unsere, einen Auftrag hatten wir dafür keinen – und bekamen auch für Jahre keinen von den SBB. Denn deren Website hatten wir die Daten für die App sehr inoffiziell «ausgeliehen». Das war letztlich aber einer der Impulse dafür, dass die Schweiz heute in Sachen Open Transport Data ein globaler Leader ist. Woran wir zudem heute täglich mitarbeiten.

Ihr letztes Siegerprojekt, Amigos, wurde von der Migros schliesslich eingestellt. Wie geht man damit um?

An unserer Umsetzungs-Arbeit hat das ja klar nicht gelegen, sondern an den rechtlichen und ethischen Fragestellungen der Gig Economy. Mit der Situation geht man um, indem man den Fehlschlag gut verarbeitet und ja, ihn feiert: Wer nichts macht, macht nichts falsch, kommt aber auch nie voran. Alle Beteiligten haben extrem viel gelernt, das wird sich auszahlen. Diese Überzeugung steckt auch in unserem Claim «Digital Progress»: Echten und menschlichen Fortschritt kriegen wir hin, wenn wir gemeinsam mit unseren Kunden wirklich an die Grenzen gehen von was möglich ist.

Webcode
DPF8_167670

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