Ergon-Geschäftsführerin im grossen Interview

Gabriela Keller über Leitbilder, Vorbilder und den Wandel in der Schweizer IT

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Seit Sommer 2016 ist Gabriela Keller Geschäftsführerin von Ergon Informatik. Nach mehr als 1000 Tagen an der Spitze spricht sie über den Wandel der Softwarefirma in dieser Zeit, persönliche Herausforderungen und den tiefen Frauenanteil in der Schweizer IT.

Gabriela Keller, Geschäftsführerin, Ergon Informatik. (Source: Ergon)
Gabriela Keller, Geschäftsführerin, Ergon Informatik. (Source: Ergon)

Auf der Website von Ergon steht über Ihrem Foto das Zitat «Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.» Was bedeutet dieser Spruch für Sie?

Gabriela Keller: Er bedeutet für mich Agilität und Entscheidungsfreude – im Leben wie im Softwaregeschäft. Immer wieder bringen uns neue Erkenntnisse dazu, weiterzudenken und neue Wege einzuschlagen.

 

Sie sind seit rund 1000 Tagen CEO von Ergon. Wie haben Sie diesen Weg erlebt?

Es waren drei sehr spannende Jahre. Wir haben unser Geschäft weiterentwickelt: unsere Dienstleistungen im Bereich Consulting und User Experience ausgebaut, unsere Kundenbasis verbreitert, zahlreiche Projekte erfolgreich realisiert und unser Security-Produkt, den Airlock Secure Access Hub, weiter ausgebaut.

 

Was hat sich in der Unternehmensstruktur getan?

Nach innen betrachtet war es ein grosser organisatorischer Schritt. Wir haben nach 15 Jahren unsere Geschäftsleitung neu aufgestellt und verjüngt. Unsere langjährigen Abteilungsleiter wurden Teil der Geschäftsleitung und bilden zusammen mit unserem COO und mir das Leitungsteam. Wir haben bereits vorher lange zusammengearbeitet, nun aber neue Rollen und Verantwortlichkeiten übernommen. Veränderung braucht Zeit. Inzwischen sind wir ein eingespieltes Team und arbeiten sehr gut zusammen.

 

Und für Sie persönlich?

Auch für mich persönlich war es eine grosse Veränderung. Es ist ein grosser Unterschied, ein Mitglied der Geschäftsleitung zu sein oder die Gesamtverantwortung zu tragen. Diese Verantwortung ist mit diversen neuen Herausforderungen verbunden, und ich habe eine Weile gebraucht, mich vollends wohl zu fühlen. Ich bin sehr dankbar für die wertvolle Unterstützung, die ich erfahren durfte. Insgesamt bin ich zufrieden, wie sich alles entwickelt.

 

Wo gab es Stolpersteine, wo ging es leichter?

Die Fülle der Themen hat sich als recht anspruchsvoll erwiesen. Rund 250 Kunden und über 300 Projekte sind zu betreuen, unsere Organisation musste an einigen Stellen weiterentwickelt werden, und auch die Softwarebranche verändert sich schneller als früher. Weiter haben strukturelle Veränderungen wie die stärkere personelle Trennung von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung dazu geführt, dass das Zusammenspiel und Vertrauen der Gremien neu etabliert werden mussten.

 

Im Unternehmen Ergon arbeiten Sie aber schon viel länger. Wie hat es sich seit Ihrem Einstieg verändert?

Ich war 1994 die fünfzehnte Mitarbeiterin. Alle konnten noch um einen Tisch sitzen und wir hatten unsere eigene Entwicklungsumgebung. Heute entwickeln wir ganz anders Software, unsere Dienstleistungen sind vielfältiger geworden, wir sind heute 20 mal grösser. So haben wir natürlich auch unsere Organisation kontinuierlich ausgebaut. Was bleibt, ist die Freude, am Morgen ins Büro zu kommen und mit hochqualifizierten und engagierten Arbeitskollegen zusammen zu arbeiten.

 

Wo liegen heute für Ergon die Chancen?

Wir haben 300 hochqualifizierte und engagierte Mitarbeiter, die alle in Zürich tätig sind. Diese Nähe ist für die enge Zusammenarbeit mit unseren Kunden elementar. So können wir sichere und anspruchsvolle Softwarelösungen entwickeln und Kunden zu nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen verhelfen. In den vergangenen 35 Jahren haben wir alle Projekte erfolgreich abgeschlossen. Dank unseres fundierten Security-Know-hows können wir auch in diesem sehr wichtigen Gebiet viel leisten. Durch die fortschreitende Digitalisierung in allen Branchen besteht hoher Bedarf an fähigen Technologiepartnern, auf die Kunden vertrauen können – genau in dem Bereich positionieren wir uns.

 

In welche IT-Bereiche investiert Ergon aktuell?

Wir experimentieren in verschiedenen Bereichen, um für unsere Kunden sichere, benutzerfreundliche und erweiterbare Lösungen zu bauen. Im Fokus stehen aktuell User Experience Design, Mixed Reality, Artificial Intelligence und Security.

 

Und wo liegen die Herausforderungen?

Es findet eine schnelle Industrialisierung und Globalisierung der Softwareentwicklung statt, und wir sind gefordert, stets die wichtigen Themen und Trends aufzuspüren. Die Komplexität ist gross, und es gibt zunehmend neue Technologien, Plattformen und Tools auf dem Markt. Unsere Aufgabe liegt darin, die Richtigen zu identifizieren, die unseren Kunden einen nachhaltigen Mehrwert liefern. Wir sind daher bewusst breit aufgestellt, und es gilt, Trends und Entwicklungen in den relevanten Gebieten zu verfolgen und unsere Dienstleistungen darauf auszurichten.

 

Der Umsatz von Ergon sank im Geschäftsjahr 2018 um 8 Prozent. Wo lagen die Probleme?

Der Abschluss des grössten Kundenprojekts Ende 2017 stellte uns vor die Aufgabe, dessen Umsatz zu kompensieren. Wir haben die Gelegenheit genutzt, Investitionen zu tätigen und neue Kompetenzen aufzubauen. Gleichzeitig haben wir unsere Kundenbasis deutlich verbreitert. Die nachhaltige Entwicklung der Firma ist für uns wichtiger als Umsatzwachstum.

 

Wie wollen Sie das Geschäft wieder ankurbeln?

Das ist bereits gelungen und auf gutem Kurs. Im Produktgeschäft steigern wir den Umsatz mit Airlock Secure Access Hub kontinuierlich. Neben Neukunden aus der DACH-Region, UK und Luxemburg beliefert Ergon auch Unternehmen in Singapur, China und Thailand. Das indirekte Vertriebsmodell hat sich bewährt und wir werden es weiter ausbauen. Wir konnten zudem im Dienstleistungsgeschäft viele Neukunden und Projekte in verschiedenen Themengebieten gewinnen. Ausserdem haben wir eine bewährte Kundenbasis mit partnerschaftlicher Zusammenarbeit. Mit unseren ausgebauten Consulting- und User-Experience-Dienstleistungen können wir die Kunden nun noch umfassender betreuen. Dieses Jahr wird der Umsatz gegenüber dem Vorjahr wieder wachsen.

 

Ist ein Strategiewechsel geplant?

Nein, wir setzen weiterhin auf unsere Stärken: Wir setzen die Projekte in enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden erfolgreich um. Engagement, Leidenschaft und nicht ­nachlassen, bevor es wirklich passt, sind dabei zentral. Wir pflegen unsere Firmenkultur mit wenig Hierarchien und einem hohen Grad der Mitwirkung von Mitarbeitern. ­Eigenverantwortliche und unternehmerisch agierende
Teams, hohe Transparenz und Beteiligung am Firmen­erfolg gehören bei uns zur Tagesordnung. Wir glauben daran, dass zufriedene Mitarbeiter aus Kunden zufriedene Kunden machen. Genau diese stehen bei uns im Zentrum. Sie nachhaltig zu begeistern, ist unsere grösste Motivationsquelle.

 

Wie sind Sie in der IT-Branche gelandet?

Als ich in den 80er-Jahren im Gymnasium war, kamen die ersten Macs auf den Markt, und unsere Schule hat erste Programmierkurse angeboten. Die habe ich besucht. Das Programmieren hat mir grossen Spass gemacht. So entstand der Wunsch, Informatik an der ETH zu studieren.

 

Wie haben Sie Ihren beruflichen Weg als Frau in der Softwareentwicklung erlebt?

Das Geschlecht schien mir nie von Bedeutung zu sein. Wenn schon, empfand ich es eher als Vorteil, weil man als Minderheit mehr auffällt und dadurch Sichtbarkeit bekommt.

 

Hatten Sie ein Vorbild?

Nein, eigentlich nicht. Aber die Atmosphäre in den ehrwürdigen Räumen der ETH hat mich schon sehr motiviert.

 

Der Frauenanteil in IT-Berufen liegt in der Schweiz bei kaum 15 Prozent. Inwiefern ist das ein Problem für die Branche?

Es ist aus meiner Sicht schade, weil ich überzeugt bin, dass gemischte Teams die besten Ergebnisse liefern können. Diversität fördert gute Lösungen. Insofern verpasst die IT-Branche hier heute noch eine Chance, hat aber gros­ses Potenzial, sich zu entwickeln. Die Berufsbilder in der IT weiten sich: Dank Multimedia, User Experience Design und Dingen wie die Mensch-Maschinen-Interaktion finden mehr junge Frauen in die Informatik. Die Mediamatiker-Lehre beispielsweise hat einen deutlich höheren Frauen­anteil als die Systemtechniker- und Applikationsentwickler-Lehrgänge.

 

Wie schätzen Sie die Stellung von Frauen in der Schweizer IT heute ein?

Unternehmen in verschiedenen Branchen haben im vergangenen Jahrzehnt grossen Aufwand betrieben, mehr weibliche Talente anzuwerben. Die Popularität dieser Berufe ist im Vergleich deutlich gestiegen, doch es hat immer noch wenige Frauen. Die Gleichbehandlung scheint mir heute in der IT recht gut etabliert. Teilzeitarbeit und Homeoffice sind akzeptiert und Unternehmen erlauben immer flexibleres Arbeiten, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht – Männern sowie Frauen.

 

Wie gehen Sie bei Ergon damit um?

Bei uns arbeiten 36 Prozent der festangestellten Männer im Teilzeitpensum – um Zeit mit der Familie verbringen zu können oder um ihren persönlichen Interessen nachzugehen. Work-Life-Balance ist uns sehr wichtig. Es bleiben jedoch noch Herausforderungen in vielen Bereichen zu überwinden, und die Rahmenbedingungen müssen weiter verbessert werden. Ich würde am liebsten mit kompletter Gleichbehandlung aller loslegen: gleiche Sozialleistungen für alle, Gleichstellung bei Familienfragen, Dienstpflicht für alle, Genderneutralität und die Gleichstellung von unterrepräsentierten Gruppen etc. Dort müssten wir hinkommen. Doch man muss auch schätzen, wie weit wir bereits gekommen sind. Die Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz ist noch keine 50 Jahre her.

 

Hat sich das in den letzten Jahren verändert? Wie?

Ich empfinde die Frauen als selbstbewusster, viele Familien leben gleichberechtigt und teilen sich die Familienbetreuung.

 

Dass Frauen in der IT kaum vertreten sind, wird seit Jahren von Politik, Unternehmen und Verbänden bemängelt, trotzdem tut sich in der Statistik kaum etwas. Was ist zu tun, um mehr Frauen in die IT zu bringen? Wen sehen Sie am stärksten in der Pflicht?

Ich bin Mitglied der Kommission Bildung von ICT-Switzerland, wo wir uns mit dieser Frage immer beschäftigen. Unser Präsident Alain Gut hat kürzlich im Asut-Bulletin einen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht, der die relevanten Punkte in meinen Augen sehr gut adressiert: Es braucht Veränderungen auf vielen Ebenen: in den Schulen, in der Familie, in der Gesellschaft, in der Politik und bei den Frauen und Mädchen selber. Ein wichtiger Aspekt ist genderneutraler Schulunterricht, der frei von Vorurteilen ist.

 

Was heisst das?

Gerade in der Mathematik basiert vieles auf einem Konkurrenzdenken, das den Mädchen weniger liegt. Die alten Rollenbilder müssen überwunden werden, und Mädchen wie Jungs dürfen nicht auf geschlechtertypische Berufe beschränkt werden. Wir sind immer noch stark von traditionellen Rollenbildern geprägt. Weiter müssen wir das Selbstbewusstsein der Mädchen stärken. Mädchen unterschätzen häufiger ihre Fähigkeiten in der Mathematik. Umgekehrt sollten Knaben in anderen Fächern wie zum Beispiel Deutsch stärker gefördert werden. Dieses Umdenken wird noch viel Zeit brauchen. Was sicher hilft, sind Vorbilder in geschlechtsuntypischen Berufen. Ich spüre regelmässig, dass es eine gewisse Signalwirkung hat, dass ich eine weibliche CEO einer Technologiefirma bin.

 

Braucht es politische Vorgaben, also Quoten oder Lohnregeln?

Ich habe am diesjährigen Swiss Economic Forum von Burton-­CEO Donna Carpenter eine einfache Massnahme gehört, die mir besser gefällt als Quoten: Bei der Rekrutierung der Burton-Leitungsfunktionen muss immer mindestens eine Frau in der Schlussrunde der Bewerber sein. Das macht zwar die Rekrutierung schwieriger, doch es ist ein sehr effektives Mittel. Der oder die beste Kandidatin setzt sich durch. Beim Engineering lässt sich das wegen des tiefen Frauenanteils bei den Bewerbern nicht direkt umsetzen, aber für viele Positionen ist dieser Ansatz gut umsetzbar. Daran werde ich mich orientieren. Weiter finde ich Lohntransparenz ein einfaches und wertvolles Mittel, um faire Löhne zu ermöglichen und die Gleichbehandlung unabhängig von der Geschlechterfrage zu fördern. Wir leben Lohntransparenz seit der Gründung von Ergon vor 35 Jahren. Damit sind natürlich auch gewisse Herausforderungen verbunden, doch die Vorteile überwiegen für mich klar. 

 

Welchen Rat geben Sie Frauen, die in der IT Karriere machen wollen?

Was ich allen jungen Menschen mitgeben möchte: Technologie und Informatik sind wichtige Treiber in Wirtschaft und Gesellschaft. Es wird praktisch keine Gebiete mehr geben, in denen Informatik nicht vorkommt. Die IT schafft neue Jobs und Möglichkeiten. Wer die Zukunft aktiv mitgestalten möchte, ist hier genau richtig. Und zudem: Man sollte die Chancen packen, die sich einem bieten. Wenn man sich aus der Komfortzone wagt, lernt man viel schneller. Diese Erfahrung habe ich in den vergangenen drei Jahren selbst auch wieder gemacht.

 

Was planen Sie für das kommende Jahr 2020 – persönlich und als CEO?

An erster Stelle wollen wir weiter gute Arbeit für unsere Kunden leisten und unsere Position als beliebtester Arbeitgeber weiter ausbauen. Wir werden die Firma organisatorisch und thematisch weiterentwickeln – also dort weiterfahren, wo wir schon angefangen haben. Weiter freue ich mich, dass wir nächstes Jahr unseren dritten Standort gleich beim Bahnhof Stadelhofen in Betrieb nehmen werden. Unsere Büros befinden sich mitten in der Stadt und liegen nur 5 Gehminuten auseinander. Die Nähe zueinander sowie die gute Erreichbarkeit ist uns für Kunden und Mitarbeiter sehr wichtig.

 

Zur Person

Gabriela Keller heuerte nach ihrem Studium an der ETH 1994 als Softwareentwicklerin bei Ergon Informatik an. Seit Juli 2016 ist sie Geschäftsführerin des Zürcher Unternehmens. Keller lebt zusammen mit ihrem Lebenspartner in Wollerau. Wenn sie nicht im Büro ist, trifft man sie beim Laufen, Velo- oder Skifahren, am liebsten in den Bergen oder im Tessin. Sie interessiert sich für Architektur und ­Kultur und ist Mitglied im Lions Club Etzel. ­Keller ist ausserdem Mitglied der Kommission Bildung von ICT-Switzerland und Verwaltungsrätin der Raiffeisen­bank Region linker Zürichsee.

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