Gemittelte Grenzwerte, umstrittene Messung

5G-Gegner kritisieren neue Messmethoden

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von Joël Orizet und lha

Es regt sich Widerstand gegen die Neuregelung der Strahlungsberechnung adaptiver Antennen. Kritiker monieren, die Grenzwerte würden de facto gelockert und die tatsächliche Strahlenbelastung lasse sich mit den heutigen Methoden nicht messen.

(Source: Netzmedien)
(Source: Netzmedien)

Im Februar wollte das Bundesamt für Umwelt (BAFU) Klarheit schaffen, um den Ausbau der 5G-Netze voranzubringen - ohne die geltenden Grenzwerte für den Strahlenschutz zu überschreiten. Eine Vollzugshilfe für Gemeinden und Kantone sollte regeln, wie man die Strahlung von adaptiven Mobilfunkantennen berechnet. Adaptive Antennen senden Signale nicht gleichmässig in alle Richtungen, sondern strahlen gezielt in Richtung der Nutzerinnen und Nutzer - auch durch Gebäude hindurch. Neu soll der Grenzwert über 6 Minuten gemittelt werden. In Innenräumen gilt ein Grenzwert von 6 Volt pro Meter (V/m).

Der Verein Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz kritisierte die neue Regelung. Es handle sich dabei um eine "Grenzwerterhöhung durch die Hintertür". Denn kurzfristig dürften die Antennen die bewilligte Sendeleistung um das Zehnfache und noch mehr überschreiten, teilte der Verein im Februar mit.

Kritiker bezeichnen Neuregelung als "Buebetrickli"

5G-Gegner doppeln nun nach. "Die Grenzwerte werden mit der Vollzugshilfe an Orten mit empfindlicher Nutzung wie Wohnungen nur noch pro forma eingehalten", sagt Rebekka Meier, Präsidentin des Vereins "Schutz vor Strahlung", gegenüber dem "SRF"-Konsumentenmagazin "Kassensturz". Es könne sein, dass der Grenzwert punktuell überschritten werde. "Das ist ein 'Buebetrickli' um den Grenzwert zu erhöhen."

Nimmt ein Mobilfunkanbieter eine neue adaptive Antenne in Betrieb, hat er drei Monate Zeit, um die Strahlung über eine unabhängige Messfirma zu messen, berichtet das "SRF". Allerdings werde nicht die tatsächliche Gesamtstrahlung gemessen. Stattdessen werde ein konstanter Kanal ermittelt, der auf Basis der Angaben des Mobilfunkbetreibers und des Antennenherstellers hochgerechnet werde.

Diese Messmethode sei unseriös, sagt Rebekka Meier gegenüber "Kassensturz". Es werde nicht die effektive Strahlung gemessen, Mobilfunkbetreiber könnten die Sendeleistung verändern und es sei unklar, ob die Angaben der Betreiber überhaupt stimmen.

Es fehlt eine klare Datengrundlage

Das BAFU bestreitet den Vorwurf der Grenzwerterhöhung durch die Hintertür. Mit einer 5G-Antenne nehme die Strahlenbelastung eher ab. "Die Mobilfunk-Antennen erhalten eine automatische Leistungsbegrenzung. Das ist ein System, welches sicherstellt, dass die Gesundheit nie gefährdet werden kann", sagt Paul Steffen, Vizedirektor des BAFU, gegenüber "SRF".

Fachleute stützen indes den Vorbehalt der Kritiker, wie der "Beobachter" in einem Kommentar schreibt. Messungen der Aachener Universität hätten gezeigt, dass die im Betrieb tatsächlich ermittelten Feldstärken von den Messungen und den daraus hochgerechneten Beurteilungswerten massiv abweichen. "Messmethoden, die bisher für die Beurteilung der Strahlenbelastung durch 2G bis 4G-Mobilfunkanlagen angewendet werden, sind auf 5G-Anlagen nicht anwendbar, werden aber dringend gebraucht", stellte die Uni Aachen fest.

Zur realen Strahlenbelastung von adaptiven Antennen gibt es zurzeit kaum klare Daten, wie der "Beobachter" weiter schreibt. Der Bund erhoffe sich solche Informationen frühestens in einem Jahr.

Forschende der ETH Zürich haben unlängst untersucht, was die Schweizerinnen und Schweizer von einem 5G-Ausbau halten. Die Ergebnisse variieren je nach Region, aber auch nach Geschlecht: Befragte aus der Romandie sehen deutlich mehr Nachteile am 5G-Ausbau als jene aus der Deutschschweiz und dem Tessin. Und Frauen sind häufiger als Männer der Auffassung, Bund und Kantone würden die Bevölkerung nicht ausreichend vor Strahlung schützen.

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