Interview mit CEO Mathias Brand

Deshalb macht Kilchenmann bei der Digitalisierung den ersten Schritt

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Seit zwei Jahren ist Mathias Brand CEO von Kilchenmann. Er trat diese Funktion zu Beginn der Pandemie an. Im Interview erklärt er, wie es ihm seither erging, welchen Herausforderungen er sich gegenübersah und worauf er sich am meisten freut.

Mathias Brand, CEO von Kilchenmann. (Source: Netzmedien)
Mathias Brand, CEO von Kilchenmann. (Source: Netzmedien)

Seit rund zwei Jahren sind Sie CEO bei Kilchenmann. Wie ist es Ihnen in der Zeit ergangen?

Mathias Brand: Allen Herausforderungen und Unwägbarkeiten zum Trotz kann ich sagen: Es war eine spannende Zeit. Natürlich waren wir mit denselben Herausforderungen konfrontiert wie die anderen Marktteilnehmer. Wir haben die Pandemie jedoch nie ausschliesslich als Krise betrachtet, sondern als Herausforderung, die auch Chancen bieten kann. Deshalb sind wir mutig geblieben und haben in das Unternehmen investiert. Das hat sich ausgezahlt. Die veränderten Bedürfnisse der Kunden und die veränderten Arbeitsprozesse während der Pandemie haben uns neue Türen geöffnet. Die letzten zwei Jahre waren für Kilchenmann deshalb eine äusserst bereichernde Zeit.

Was waren Ihre persönlichen Highlights in dieser Zeit?

Ein Highlight waren all unsere Mitarbeitenden, auf die wir uns uneingeschränkt verlassen konnten. Trotz des neuen Managements, neuer Herangehensweisen und der Pandemie sind wir als Team zusammengerückt und an den Herausforderungen gewachsen. Auch das Vertrauen unserer treuen und loyalen Kunden, das wir geniessen dürfen, gehört zu meinen Highlights. Die Kunden brauchten in dieser Zeit sehr schnell neue kollaborative Systeme respektive einen Um- oder Ausbau der Kommunikationstechnik. Sie haben uns dabei vertraut, und diese erfolgreich abgeschlossenen Projekte erfüllen uns mit Stolz. Es ist einfach toll, solche Kunden als Partner zu haben.

Was waren Ihre grössten Herausforderungen?

Nun, die Massnahmen gegen Covid-19 waren auch für unseren Betrieb mit Herausforderungen und Einschränkungen verbunden. So konnten wir teilweise nicht wie gewohnt vor Ort arbeiten. Insgesamt haben wir aber gute Lösungen finden können. Dafür mussten wir auch flexibel sein: Arbeitete ein Kunde zum Beispiel am Tag, kam Kilchenmann in der Nacht vorbei, um die Covid-Vorgaben einhalten zu können. Ausserdem haben wir die Liefergrössen erhöht, um die Kontakte beim Kunden zu reduzieren. Trotzdem gab es natürlich sehr grosse Herausforderungen, wie Serviceaufträge mit einem hohen Leistungsanteil vor Ort. So waren die Betriebsgelände einiger Grossunternehmen komplett gesperrt. Doch auch das haben wir gemeistert.

Viele Firmen kämpften in der Zeit auch mit Liefer­schwierigkeiten. Wie sah das bei Ihnen aus?

Auch wir mussten unser Material immer früher bestellen und damit auch vorfinanzieren. Gleichzeitig konnten wir gewisse Aufträge nur verzögert ausführen, weil schlicht Material fehlte. Dadurch ist eine immer grösser werdende Lücke zwischen der Vorfinanzierung und dem Verdienst aus einem Auftrag entstanden. Der Liquiditätsplanung kam deshalb eine grosse Bedeutung zu. Mit internen Massnahmen wie Tracking und einer weiteren Optimierung des Controllings haben wir aber auch das gemeistert.

Kilchenmann verfolgt seit einigen Monaten eine ­Digitalisierungsstrategie. Was ist das Ziel?

Wir wollen angesichts steigender und sich verändernder Anforderungen fit bleiben und uns weiter verbessern. Das betrifft etwa Cybersecurity- und Datenschutzthemen wie auch Dienstleistungen, die sich zunehmend in die virtuelle Welt verlagern. Damit wir unsere Kunden bei diesen Themen begleiten können, müssen wir den ersten Schritt selbst machen. Nur so wissen wir, welche Herausforderungen uns und unsere Kunden bei der Digitalisierung erwarten. Das betrifft Geschäftsprozesse im Hintergrund wie auch das eigene Angebot.

Was ist im Rahmen der Strategie bereits geschehen?

In einem ersten Schritt mussten wir unsere Datenlandschaften und IT-Strukturen anpassen. Ausserdem holten wir alle Kundendaten zurück in die Schweiz. Wir wollen keine Digitalisierungsstrategie auf einem Fundament aufbauen, das eventuell nicht hält. Zudem bauten wir unsere "Virtual-Experience-Plattform" aus, von der unsere Kunden während der Pandemie profitieren konnten. Sie fasst alle Dienstleistungen im Bereich virtuelle und hybride Kommunikation zusammen. Wir boten diese Dienstleistungen direkt vor Ort beim Kunden an, etwa indem wir ein Studio für die Kunden errichteten, damit diese in die virtuelle Welt eintauchen konnten.

Apropos Virtual Experience: Gibt es derzeit auch VR-Anwendungen bei Kilchenmann?

Wir digitalisieren die Planungsphase bei Projekten heute viel mehr mit VR und AR. Dank VR können wir Räume bereits erfassen, in die virtuelle Welt holen und mit virtueller Hardware ausstatten. So können wir den Kunden mithilfe einer VR-Brille zeigen, wie zum Beispiel in einem Meetingraum Personen den Fernseher an der Wand wahrnehmen, wie sich der Sound im Raum verteilt und welches Bild eine Kamera an externe Meeting-Teilnehmende weiterleitet. Damit können wir unseren Kunden wichtige Entscheidungshilfen bieten.

Dieses Jahr hat der Bundesrat die Corona-Massnahmen aufgehoben. Wie geht es der Branche nun?

Unterschiedlich. Den Unternehmen, die einen Grossteil der Einnahmen aus dem klassischen Event-Geschäft generierten, geht es schlecht. Da müssen wir keine Augenwischerei betreiben, auch wenn die Schweiz ja vergleichsweise noch sehr gut dasteht: Für Unterstützung etwa in Form von Kurzarbeit wird gesorgt, sodass es bei den meisten weitergehen sollte. Firmen wie Kilchenmann, die bereits vor der Pandemie etwas breiter aufgestellt waren, fanden trotz der Umstände einen Weg, um durch diese schwierige Zeit zu kommen. Umso schöner ist es jetzt natürlich, zu sehen, wie aufgeschobene Aufträge oder Events nachgeholt werden. Die Kehrseite der Medaille ist , dass auch wir nun den Fachkräftemangel zu spüren bekommen, weil sich viele in den vergangenen Jahren beruflich umorientiert haben. Das haben auch wir gemerkt, aber nicht zu sehr. Die Leute arbeiten gerne hier, wir erhalten oft positive Feedbacks.

Welche Änderungen haben sich bei Kilchenmann seit der Coronapandemie langfristig etabliert?

Der "Work-Anywhere"-Gedanke wird auf jeden Fall bleiben. Das Team hat im Homeoffice mindestens gleich viel geleistet und das Vertrauen in keiner Weise missbraucht. Im Gegenteil: Wir mussten die Mitarbeitenden manchmal davon abhalten, zu viel zu arbeiten. Trotz Homeoffice funktionierte die Kommunikation im Team gut. Zukünftig werden wir als Alternative zu Einzelbüros Versuche mit Coworking-Spaces machen, in denen sich die Mitarbeitenden bei der Präsenzarbeit aufhalten können. So treffen sie auch mal Kollegen aus anderen Bereichen.

Aufgrund des Digitalisierungsschubs gehen auch Kunden seltener in Geschäfte. Trotzdem hat Kilchenmann in St. Gallen und Lausanne Geschäftsstellen "für mehr Kundennähe" eröffnet, wie Sie sagen. Inwiefern ist das noch sinnvoll?

Die Geschäftsstellen haben wir unter zwei Aspekten eröffnet. Einerseits wollen wir die Produktion zentralisieren. Andererseits will uns unsere Kundschaft für Service-Angelegenheiten vor Ort haben. Viele Kunden haben zum Teil heikle Kommunikationssysteme, bei denen eine schnelle Reaktion vor Ort erwartet wird und notwendig ist. Im Einzelfall von Bern nach St. Gallen oder Lausanne zu reisen, liegt da nicht drin.

In einem früheren Interview sahen Sie Kilchenmann in der Zukunft als internationalen Anbieter. Wie laufen diese Bestrebungen voran?

Die internationale Ausrichtung und Vernetzung ist und bleibt für uns als Schweizer KMU zentral. Viele unserer in der Schweiz ansässigen Kunden sind international tätig. Deshalb haben wir uns vor einigen Jahren im deutschen Eschbach niedergelassen. Wer international tätig sein will, muss den internationalen Markt kennen und spüren. Nach einigen Jahren Erfahrung im Ausland dürfen wir sagen, dass dort Schweizer Know-how in Planung und Engineering sowie in Service und Wartung sehr gefragt ist. Anders sieht es in der klassischen Ausführung aus, also dem Bau von Anlagen: Da haben wir aufgrund unserer Kostenstrukturen Mühe, konkurrenzfähig zu bleiben, weil es schon in den Stundensätzen ein enormes Gefälle gibt. In Deutschland installiert teilweise ein klassischer Elektriker, was in der Schweiz je nachdem Techniker mit höherem Abschluss erledigen. Insofern bieten wir international all unsere Dienstleistungen an, lediglich die Installation wird von einem Partner übernommen.

An welchen Projekten arbeitet Kilchenmann derzeit sonst noch?

Wir arbeiten derzeit an verschiedenen Finanzierungsmodellen. Ein Modell geht in die Richtung "Kilchenmann-as-a-Service", das vom einfachen Leasing bis zu "Pay-per-Use" reicht. Die Infrastruktur würde dann einfach Kilchenmann gehören und für Sitzungen zur Verfügung stehen. Betrieb und Unterhalt würden bei uns liegen. Weiter arbeiten wir an einem kompletten Supply-Chain-Ansatz, bei dem wir viel früher den Bedarf am Markt für die kommenden Jahre einschätzen und frühzeitig Stückzahlen reservieren. Auch das Thema Cybersecurity werden wir zusammen mit unserem eigenen IT-Team weiter vorantreiben. Wir haben vielleicht nicht die gleiche Expertise wie eine auf Cybersecurity spezialisierte Firma, aber im Pro-AV-Bereich haben wir ein grosses Wissen, das andere Unternehmen nicht haben. In dieser Nische werden wir aktiv, um unsere Produkte und Netzwerke beim Kunden sicher zu machen.

Worauf freuen Sie sich bei Kilchenmann in den kommenden Monaten am meisten?

Auf jeden Fall auf das "Budenfest" (lacht). Das ist für uns alle ein Highlight und verspricht eine coole Atmosphäre. Daneben gibt es natürlich viele andere Sachen, auf die ich mich freue. Vor allem auch, dass man wieder an Events gehen sowie Kunden wieder persönlich treffen und sich eins zu eins auszutauschen kann.

Wie hat sich der Schweizer Markt seit der Pandemie verändert?

Vor der Pandemie haben sich viele Kunden mit Innovationen auseinandergesetzt. Man merkte, dass es noch Budget für neue Themen und Ideen gab. Mit der Pandemie hat sich das verändert und Geld wurde gezielter investiert. Mittlerweile investieren Kunden nun punktuell wieder in innovative Projekte. Ausserdem sitzt natürlich aufgrund der Lieferkettenprobleme stets die Sorge im Nacken, ob man wohl dem Kunden das Versprochene auch zeitgerecht liefern kann. Es tut weh, wenn man ein schönes Projekt nicht fertigstellen kann, weil ein Teil fehlt.

Wie wird sich der Markt weiter entwickeln?

Ich hoffe, dass das positive Wachstum des Weltmarktes trotz der Umstände weiterhin anhält, denn wir wollen mit den Märkten wachsen. Pro AV wird nicht verschwinden, aber immer mehr eine digitale Komponente erhalten und in die vernetzte IT-Welt rutschen. Deshalb werden wir anstelle von Einzellösungen zunehmend mehr integrierte Lösungen anbieten. Auch fixe Büroräume an physischen Orten werden wegen Homeoffice und Sitzungen in virtuellen Räumen hinterfragt und umgedacht werden müssen – schon alleine wegen der Strukturkosten. AR wird an Bedeutung gewinnen, etwa wenn ein Haustechniker ein Problem lösen soll und über eine AR-Brille Unterstützung vom Second-Level-Support erhält. Da gelangen wir zu Pro AV 2.0.

Zur Person

Mathias Brand (48) führt die Kilchenmann AG seit dem 1. April 2020. Zuvor war er als COO Mitglied der Geschäftsleitung der Swisscom-Tochter Cablex. Dort trug er unter anderem die Verantwortung für den kompletten Aufbau des Infrastrukturgeschäfts Bahn und Strassen sowie die Initialisierung und Umsetzung der Digitalisierungs- und Smart-City-Projekte.

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