E-Health

Digisanté, E-GD und die Realität der Digitalisierung im Schweizer Gesundheitswesen

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von Jürg Lindenmann, Schweizer Verband Digitale Gesundheit

Die Hürden der Digitalisierung zeigen sich weniger in Strategien und Visionen als in konkreten Umsetzungen und den tief verwurzelten ­Widerständen des Gesundheitswesens gegenüber echter digitaler Transformation.

Jürg Lindenmann, Präsident, Schweizer Verband Digitale Gesundheit. (Source: zVg)
Jürg Lindenmann, Präsident, Schweizer Verband Digitale Gesundheit. (Source: zVg)

"IT follows Organisation" (Conway‘s Law). In keiner Branche ist dieses Prinzip wohl unbeabsichtigt und im negativen Sinn so konsequent umgesetzt wie im Gesundheitswesen. Der Datenaustausch ist auch nach der Fax-Ära weiterhin geprägt durch das Umherschicken von Papierformularen – nun einfach per E-Mail-Anhang –, die dann als PDF im EPD endgelagert werden sollen. 

Papier ist bekanntermassen geduldig und so werden Informationen nicht vollständig oder falsch erfasst, was dann jeweils ein Pingpong-Spiel zwischen Sender und Empfänger – meist zulasten des damit befassten administrativen Personals – auslöst. Die Primärsysteme funktionieren nach aussen oft wie PDF-Schleudern nach dem Prinzip "Fire and forget". Sie erzeugen aus unvollständigen, nicht plausibilisierten, aber ursprünglich immerhin strukturierten Daten auf Knopfdruck ein PDF-Formular und schiessen dieses mehr oder weniger gezielt ins digitale Nirwana. Dort warten ungültige E-Mail-Adressen, Spam-Filter und Abwesenheitsmeldungen. Die Empfänger versuchen anschliessend, diese PDF-Formulare – sofern sie nicht bloss als Bild vorliegen – mithilfe von "KI" wieder in strukturierte Daten zurückzuverwandeln.
Obendrauf arbeiten alle Akteure ganz im Sinne der Parkinson’schen Gesetze fleissig daran, neue bürokratische Prozesse oder Dateninhalte zu erfinden, welche die PDF-Schleudern dann wiederum laufend mit neuer Munition versorgen. 

Die Sender kümmert es nicht, ob die Informationen adäquat, vollständig und strukturiert beim Empfänger ankommen, solange nicht ein unmittelbares Interesse an einer Rückmeldung besteht, wie etwa bei einer Laborbestellung. Das Ergebnis möchte man dann in diesem Fall aber bitte vollständig, strukturiert und validiert ins Primärsystem geliefert bekommen. Die Kultur des Gegeneinanders und Misstrauens anstelle eines Miteinanders spiegelt sich also auch in der Digitalisierung wider. Dies einerseits, weil es bei den Akteuren keine Anreize zur Investition in die Verbesserung dieses Zustands gibt, und andererseits die Leidtragenden – hilfesuchende Patientinnen und Patienten – ja nicht mit dem Wechsel in ein anderes Gesundheitswesen wie beim Handy-­Abo dem entfliehen können.

eHealth Schweiz, Dauerbaustelle?

Der Autor ist nun schon ein Vierteljahrhundert in eigener Mission zur Digitalisierung des Gesundheitswesens in unterschiedlichsten Funktionen und Projekten unterwegs. In diesen Jahren hat sich durchaus einiges verbessert. Vor allem in den Gesundheitsinstitutionen selbst wurde schon viel in die Digitalisierung der internen Prozesse gesteckt, weil man in diesem Circle of Concern über die Möglichkeit verfügt, die Digitalisierung der Prozesse durchzusetzen, und weil Anreize für eine effiziente Organisation bestehen.

Was die Digitalisierung entlang des institutionsübergreifenden Patientenpfads betrifft, stehen wir nach 25 Jahren praktisch immer noch am selben Ort. Das EPD-Fiasko und das Fax-Gate in der Pandemie sind Mahnmale für das Scheitern aller bisherigen Versuche, dem Problem Top-down per Gesetz und Verordnung Abhilfe zu schaffen. 
Die neueste Idee, allen Akteuren ebenso Top-down ein zentrales System überzustülpen, wird ebenso in einem teuren Fiasko enden, weil damit nicht Digitalisierung, sondern die prozessuale Gleichschaltung unterschiedlicher Bedürfnisse der Leistungserbringer verbunden ist.
Mit Digisanté und dem neuen E-GD versucht man nun einen anderen Ansatz, nämlich den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Beide Vorhaben sollen mit dem Swiss Health Data Space (SwissHDS) die infrastrukturellen, formalen und rechtlichen Grundlagen für den strukturierten Datenaustausch zwischen den Leistungserbringern und den Behörden schaffen. Das ist der richtige Weg, wird sich aber gerade im Hinblick auf die aktuellen Sparvorgaben noch länger als bis 2032 hinziehen.

Yes, we can!

Es besteht nun die Gefahr, dass die Akteure einfach mal abwarten. Dabei sollte man die Zeit bis dahin besser nutzen, jetzt schon mit den Mitteln, die zur Verfügung stehen, digitale Prozesse End-to-End und nach dem Prinzip "Once Only" zu denken und umzusetzen. 
Es gibt auch schon viele konkrete, innovative Initiativen und Lösungen in diesem Sinne. Diese können sich aber nur schwer gegen die Trägheit des Bestehenden und den Widerstand gegen Veränderung im System durchsetzen. Warum soll man denn etwas ändern, wenn die Wertschöpfung dem Gesamtprozess und nicht einem selbst zugutekommt? 

Wenn es die Akteure aber schon bei konkreten einfachen und nutzbringenden Anwendungsfällen nicht schaffen, echt digital und vom PDF befreit zusammenzuarbeiten, dann wird der SwissHDS wohl auch bei noch so viel Mittel­einsatz nie Realität werden.
Die Voraussetzungen für echte Digitalisierung sind längst vorhanden. Was fehlt, ist nicht Technologie, sondern der Wille, sie konsequent gemeinsam umzusetzen.

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