Titelgeschichte: Krankenkassen Apps

Wer sich bewegt, zahlt weniger Prämien

Uhr | Aktualisiert

Welche Versicherungen bieten Apps an, die sportliche Aktivitäten belohnen? Und was ist am Vorwurf dran, dass Krankenkassen bloss an Nutzerdaten interessiert sind und Menschen diskriminieren, die den Anforderungen der Geschäftsmodelle nicht genügen?

(Source: filadendron / iStock.com)
(Source: filadendron / iStock.com)

Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte Adrian Lobsiger hat im Juni für einen Paukenschlag gesorgt. Er verklagte Helsana, weil die Versicherung mit der App Helsana+ gegen das Datenschutzgesetz verstosse. Kritik hatte es bereits im März gegeben. Die Stiftung für Konsumentenschutz und sieben weitere Schweizer Organisationen hatten damals kritisiert, dass die Helsana+-App das Solidaritätsprinzip missachte, auf dem die obligatorische Krankenpflegeversicherung aufbaue.

Die App ermöglicht es Grundversicherten, Daten beim Sport zu erfassen und mit Helsana zu teilen. Die Krankenkasse gibt dafür Prämienrabatte. "Dadurch werden Kranke und solche, die keinen Sport treiben können, technisch nicht versiert sind oder Wert auf Privatsphäre legen, diskriminiert", kritisiert die Stiftung für Konsumentenschutz. "Helsana würde eine Klärung durch das Bundesverwaltungsgericht und gegebenenfalls das Bundesgericht unterstützen", so der Versicherungskonzern.

Helsana wehrt sich

Helsana+ hat rund 70 000 Nutzer, wie das Unternehmen schreibt. Helsana honoriere aber nicht bloss sportliche Aktivitäten, sondern auch Vorsorge, Treue und gesundheitsbewusstes Verhalten. Die Versicherung betont, dass die Teilnahme freiwillig sei und jeder mitmachen könne. Zudem bezahle wegen Helsana+ niemand tiefere Prämien. Es handle sich bloss um Barauszahlungen aus freien Mitteln der Zusatzversicherung. Die Prämien der Grundversicherung hätten damit nichts zu tun.

Auch der Vorwurf, dass die Krankenkasse mit der App bloss an Nutzerdaten herankommen wolle, sei falsch. Helsana+ sammle keine Daten zur Anzahl gemachter Schritte, dem Puls oder den verbrannten Kalorien. Die Fotos, welche die Nutzer für den Nachweis hochladen, würden nach drei Jahren automatisch oder auf Anfrage des Kunden manuell gelöscht. Helsana gebe auch keine Daten an Dritte weiter. Das Unternehmen sagt, dass "das ganze Kollektiv" davon profitiere, wenn Wenige gesünder lebten und dadurch tiefere Kosten verursachten.

Fast alle Versicherungen bieten Apps an

Wie sieht es bei der Konkurrenz aus? Die Krankenkassen ­Assura, Atupri, Concordia, CSS, EGK, Groupe Mutuel, KPT, ÖKK, Sanitas, Swica, Sympany und Visana geben Auskunft. Nur Assura, Concordia und ÖKK bieten keine Apps an. Assura teilt mit, dass man kein Bonusprogramm plane. Concordia hielt sich bedeckt und machte keine weiteren Angaben.

ÖKK verspricht, im vierten Quartal 2018 eine App zu lancieren. Sie werde etwa Leistungsabrechnungen, Policen und eine Franchisen-Übersicht bieten. Die App soll es ausserdem ermöglichen, Rechnungen zu übermitteln und nachzuverfolgen. Rabatte, die von der Aktivität (Intensität und Grad der Regelmässigkeit) der Nutzer abhingen, seien aktuell keine geplant. Das bedeute aber nicht, dass ÖKK dieses Modell ablehne, jedoch müssten alle Versicherten davon profitieren können.

Integration mit Google und Apple

Einige Krankenkassen bieten mehrere Apps an: Bei CSS, Helsana, Sanitas und Swica sind es drei, bei Atupri und Group Mutuel zwei. EGK, KPT, Sympany und Visana offerieren je eine App. Alle, die eine App anbieten, ermöglichen es ihren Kunden, Rechnungen zu übermitteln. Diese Funktion ist heute Standard.

Beliebt sind auch Fitnesstracking-Funktionen und virtuelle Gesundheitscoaches, die meist über eine Integration mit Google Fit oder Apple Health gelöst sind. Sie sind oft auch für Nicht-Kunden nutzbar. Fast alle Anbieter bauten Funktionen, die online im Kundenportal verfügbar sind, auch in ihre Apps ein.

352 000 Nutzer für eine App

Atupri weist darauf hin, dass man in Maxyourhealth eine Chat-Beratung anbiete. CSS hat als einzige der befragten Firmen eine Zahnputz-App für Kinder im Angebot. Die Versicherung integrierte in Medicine 2.0 zudem einen Barcodescanner für Medikamente. Die App Sanitas Medgate erlaubt auch Telemedizin.

Die meisten Apps haben laut den Versicherern eine fünfstellige Anzahl von Nutzern: Helsana Scan 105 000, Sanitas-Portal-App 156 000, CSS spricht von 136 000 Nutzern für seine Medicine-2.0-App und von 352 000 Nutzern für die MyCSS-App. Die MyAtupri-App verzeichnete mit 6000 Nutzern den tiefsten Wert.

Wer aktiv ist, wird belohnt

Belohnen die Unternehmen ihre Kunden für Sport und Bewegung? Sanitas antwortet auf diese Frage, dass keine ihrer Apps die Prämie beeinflusse. Bei der Active-App erhielten die Nutzer beim Erreichen des Tagesziels aber eine Münze im Wert von 30 bis 40 Rappen, die sie bei Partnern einlösen können.

CSS bietet seit Juli 2016 das Programm Mystep für einige Geräte von Fitbit, Garmin und Polar an. Für 7500 Schritte pro Tag gebe es 20 Rappen, ab 10 000 Schritte 40 Rappen, pro Jahr maximal 146 Franken. Aktuell würden 16 024 Personen mitmachen. CSS schreibt, dass Mystep freiwillig sei und nur Versicherten mit bestimmten Zusatzversicherungen zustehe. Das Programm sei nicht auf die Grundversicherung anwendbar. "Mit Rabatten auf ausgewählte Zusatzversicherungen unterstützen wir Versicherte, die Eigenverantwortung für ihre Gesundheit übernehmen", schreibt Swica. Beim Bonusprogramm Benevita könnten Kunden profitieren, wenn sie einen Fragebogen ausfüllen. Eine Trackeranbindung sei nicht notwendig.

Visana plant, eine Gesundheitsplattform einzuführen. Sie soll die Eigenverantwortung und einen gesunden Lebensstil der zusatzversicherten Kunden belohnen.

Groupe Mutuel teilt mit, die Philosophie "Wer sich bewegt, zahlt weniger" lieber beim Sponsoring von Laufsport-Events umzusetzen. Die Versicherten könnten an solchen Veranstaltungen in der Regel zur halben Anmeldegebühr teilnehmen.

Sympany schreibt, dass sich ihre App auf das Kerngeschäft konzentriere. Man biete keine Schrittzähler oder Ähnliches an und sammle auch keine solchen Nutzerdaten. Auch KPT bietet keine Gesundheits-App mit Belohnungssystem an. Es sei aktuell auch keine geplant. Auf der Website gebe es aber Tipps zu Themen wie Ernährung, Bewegung und Fitness.

Atupri nutzt das Modell ebenfalls nicht. "Wir sind der Überzeugung, dass nur eine intrinsische Motivation dazu führt, dass man bewusst etwas für seine Gesundheit tut", schreibt das Unternehmen in einer E-Mail. Atupri biete dafür Tipps zum Thema Gesundheit an und arbeite mit der Schweizer Gesellschaft für Ernährung und den Gesundheitsbotschaftern Nicola Spirig und Niklaus Jud zusammen.

EGK verzichtet ebenfalls auf Schrittzähler & Co. Man habe mit Vituro allerdings eine interaktive Gesundheitsplattform im Angebot. "Wir setzen bei der Gesundheitsförderung also auf die Eigenverantwortung unserer Versicherten, weil wir überzeugt sind, dass das gesteigerte körperliche Wohlbefinden die grössere Animation und Belohnung für einen gesunden Lebensstil ist als Prämienrabatte", heisst es vonseiten des Unternehmens. Auch in Zukunft seien keine Rabattmodelle geplant, die mit Bewegung oder einem gesünderen Verhalten gekoppelt seien, die via App gemessen werden. Die Kontrolle der Bewegungsdaten über Apps und Bewegungstracker sei sowieso enorm schwierig.

Nutzerdaten und Geschäftsmodelle

Kritiker behaupten oft, dass Krankenkassen bloss an Nutzerdaten interessiert seien und Menschen, die den Anforderungen der Geschäftsmodelle nicht genügten, diskriminieren. Alle befragten Unternehmen wehren sich vehement gegen diese Unterstellung.

"Diesen Vorwurf weisen wir zurück, denn unsere drei Apps stehen allen unseren Versicherten zur Verfügung", schreibt Sanitas. Die Active-App könnten zudem auch Personen verwenden, die gar nicht bei Sanitas versichert sind. Sie könnten Schritte zählen, erhalten dafür aber keine Münzen.

Auch Sympany betont, alle Kunden gleich zu behandeln – unabhängig davon, ob sie das Kundenportal oder die App MySympany nutzen oder nicht. Die Angebote entsprächen einem gros­sen Kundenbedürfnis. Der Entscheid für oder gegen die Nutzung von MySympany habe für Kunden keine Kostenfolgen. "Wir haben kein Interesse daran, Menschen zu diskriminieren", teilt Visana mit. Man wolle mit der zukünftigen Gesundheits- und Kundenbindungsplattform nicht ausschliesslich gesundes Verhalten belohnen. Es werde auch möglich sein, durch andere Aktivitäten Punkte zu sammeln.

CSS betont ebenfalls, dass es dem Unternehmen nicht darum gehe, Daten zu sammeln. "Alle beschriebenen Applikationen sollen in erster Linie unseren Versicherten dabei helfen, sich im Gesundheitswesen zu orientieren und ihnen den Austausch mit ihrem Versicherer zu erleichtern." Man wolle den Kunden mit den Apps vor allem einen Zusatznutzen bieten.

Groupe Mutuel gibt an, Daten der App GMapp anonymisiert und "unter Einhaltung aller Vorschriften des Datenschutzes" systematisch auszuwerten. Das Unternehmen könne so die Bedürfnisse der Versicherten in Bezug auf ihr persönliches digitales Versichertendossier besser kennenlernen und sie in Weiterentwicklungen einfliessen lassen. Ziel solcher Analysen sei die Verbesserung der Dienstleistungen zum Vorteil der Kunden. Die Wahl, die Apps zu nutzen, sei zudem völlig freiwillig. Alle bisherigen Kanäle des Kundendienstes für die Beratung der Versicherten und für die Erledigung der administrativen Abläufe stünden allen Kunden weiterhin zur Verfügung. Etwa der persönliche Kontakt in den Agenturen, Telefonate mit dem Callcenter sowie die Korrespondenz per Brief oder E-Mail. Kein Versicherter werde durch finanzielle Anreize oder Zusatzgebühren auf den einen oder anderen Kanal verwiesen.

Mit der App Ignilife habe Groupe Mutuel eine Lösung gewählt, die für alle Erwachsenen unter den 1,4 Millionen Versicherten zugänglich sei. Die Daten in der App erhalte man auf keinen Fall. Dem Krankenversicherer seien die Gefahren von Apps schon 2015 bewusst gewesen. Etwa eine mögliche Entsolidarisierung von Versicherten oder die Diskriminierung von Kranken oder anderen Personengruppen. "Wir setzen auf die Eigenverantwortung unserer Versicherten und ihre freie Wahl, etwas für ihre Gesundheit zu tun und wie viel sie für ihre Gesundheit tun möchten", so das Unternehmen.

Sanitas betont, keinerlei Einblick in die Gesundheitsdaten der Nutzer zu haben. Mit Benevita belohne man Kunden, die der eigenen Gesundheit Sorge tragen. "Wir schaffen damit einen Anreiz für einen gesunden Lebensstil und diskriminieren niemanden." Jeder könne teilnehmen und einen gesünderen Lebensstil verfolgen.

Concordia beteuert, dem Datenschutz oberste Priorität einzuräumen. "Wir sammeln keinerlei Daten unserer Versicherten, die wir nicht für das Abwickeln des Versicherungsgeschäfts brauchen." Da man keine App habe, welche die Versicherten für Bewegung belohne, diskriminiere man auch niemanden.

Atupri weist darauf hin, dass seine Gesundheitsplattform Maxyourhealth sowohl Versicherten wie auch Nicht-Versicherten offenstehe. Man hoffe, so Inputs für die eigene Gesundheitsprävention zu geben. Gesundheit liege in der Selbstverantwortung eines jeden. "Wir werten die Daten nicht weiter aus."

Die EGK-Gesundheitskasse schreibt, sich seit Jahren für eine faire Kundenwerbung einzusetzen. Man habe sich zum Ziel gesetzt, alle Versicherten nach demselben Dienstleistungsstandard zu betreuen. Die Versicherten sollten sich auch dann nicht im Stich gelassen fühlen, wenn es ihnen gesundheitlich mal nicht gutgehe. Man sammle deshalb mit der App "Meine EGK" keine Nutzerdaten, die Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand und den Lebensstil der Kunden zulassen würden.

Fast alle Daten liegen in der Schweiz

Und wo lagern die Unternehmen ihre Daten? Fast alle gaben an, diese in der Schweiz zu halten. Visana machte dazu keine Angaben. Helsana erklärte, die Daten in Europa, aber nicht in der Schweiz zu lagern. Man speichere allerdings sowieso keine Nutzerdaten, sondern nur Daten, die im Zusammenhang mit der Nutzung der Apps stünden.

Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte hält trotzdem an seiner Kritik an Helsana fest. Die teilweise Rückerstattung von Prämien an ausgewählte Grundversicherte und die Vermischung von Daten der Grund- und Zusatzversicherung sei rechtswidrig. Helsana müsse seine App Helsana+ rechtskonform anpassen. Auch die Stiftung für Konsumentenschutz sagt, dass es richtig sei, dass der Datenschützer gegen Helsana vorgehe. Das Bundesamt für Gesundheit müsse aktiv werden und seine Aufgabe als Hüterin des Grundsatzes der Solidarität in der Grundversicherung wahrnehmen. Das letzte Wort wird in diesem Fall wohl ein Gericht haben.

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