SPIK 2019

Was die Polizei-Informatik vom Fussball lernen kann

Uhr | Aktualisiert
von Coen Kaat

In Bern haben sich die IT-Verantwortlichen der Schweizer Blaulicht-Organisationen getroffen. Am SPIK 2019 diskutierten sie über die Herausforderungen, welche die Digitalisierung für den Bevölkerungsschutz kreiert, welche IT-Projekte die Polizei dringend braucht und wie sie mit Cyberbedrohungen umgehen.

(Source: Netzmedien)
(Source: Netzmedien)

Der Märzwinter hat zugeschlagen. Der Schnee fiel. Zwei Polizeiwagen standen vor dem Stade de Suisse in Bern; mehrere Polizisten waren bereits im Fussballstadion. Der Grund waren keine Hooligans oder Randalierer, sondern IT-Verantwortliche. Denn im Stadion fand Anfang April die diesjährige Ausgabe des SPIK statt – der "Schweizer Polizei Informatik Kongress".

Der Anlass bringt jedes Jahr die IT-Verantwortlichen der einzelnen Polizeikorps sowie Vertreter der Wirtschaft zusammen. Zusammen wird über die Digitalisierung von Blaulicht-Organisationen, Datenschutz und Cyberbedrohungen diskutiert. Dieses Jahr zeigten unter anderem Atos, Abraxas, Trivadis, Canon und SAP, was sie zu bieten haben.

Geistiger Vater des SPIK ist Daniel Hänni, Leiter Informatik der Stadtpolizei Zürich. Was er von seinen IT-Dienstleistern erwartet, können Sie im hier Interview der Oktober-Ausgabe 2017 des IT-Markt nachlesen.

Das Berner Stade de Suisse mit Geleitschutz. (Source: Netzmedien)

Kulttrainer Latour erklärt seine Strategie

Ein bisschen Fussball muss natürlich sein, wenn man im Stade de Suisse ist – auch wenn man einen IT-Anlass besucht. Das SPIK sei "unser Champions-League-Spiel des FC Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS)", scherzte Daniel Rupp, selbst "Spieler" bei eben dem "FC BABS" und verantwortlich für den Bereich Mobilcom.

Eröffnet wurde der Kongress durch Hanspeter Latour. Der ehemalige Fussballspieler und -trainer sprach über seine Karriere, seine Schüsselmomente und darüber, was Fleiss, Mut und Glück damit zu tun hatten. "Wenn die drei Faktoren zusammenkommen, egal in welcher Branche, kann man weit kommen", sagte Latour.

Hanspeter Latour erklärt seine Strategie. (Source: Netzmedien)

"Fussballtrainer war damals noch kein Beruf", amüsierte er das Publikum. "Ich war froh, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf zu machen konnte und dass meine Familie mich unterstützte. Meine Verwandtschaft sah das jedoch anders. Die waren es nicht gewohnt, einen Sozialfall in der Familie zu haben."

Digitalisierung der Blaulicht-Organisationen

Welche Herausforderungen die Digitalisierung für den Bevölkerungsschutz in der Schweiz verursacht, erzählte Benno Bühlmann, Direktor des BABS. "Wir dürfen nicht beliebig viele Systeme kreieren, die wir dann nur mit grossem Aufwand und zahlreichen Schnittstellen wieder zusammenspielen lassen können", sagte er. Monopolisten seien nicht sein Ziel. "Ein gesunder Wettbewerb ist wichtig, aber die einzelnen Lösungen müssen kompatibel sein." Um das zu erreichen, müssten die einzelnen Behörden miteinander entwickeln.

Kulttrainer Hanspeter Latour (links) zusammen mit Benno Bühlmann, Direktor des BABS. (Source: Netzmedien)

"Wir müssen auch die Bevölkerung daran erinnern, dass sie eine Selbstverantwortung trägt", sagte Bühlmann. "Da hilft die Digitalisierung nicht." Die Bevölkerung sei bequem geworden, da heute alles möglich sei. Der Pizza-Kurier komme etwa auch morgens um 4.00 Uhr noch vorbei." Das BABS müsse die Bevölkerung daher dort erreichen, wo sie erreichbar ist: auf dem Smartphone.

Die Oktober 2018 lancierte App "Alertswiss" soll nun weiterentwickelt werden. Sodass die Bevölkerung erstens weiss, wann es einen Alarm gibt und zweitens, was dann zu tun ist. Zudem will das BABS die App in die Applikation von Meteo Schweiz integrieren, da diese bereits Millionen von Nutzern hat.

Wer keine heiligen Kühe schlachten will, kommt nicht weit

Was die Digitalisierung für den Zoll bedeutet, erklärte am zweiten Tag des Kongresses der Direktor der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) Christian Bock. Auch er sehe sich und seine Bundesbehörde mit einigen Herausforderungen konfrontiert. So seien etwa grosse Umbrüche in der Logistikbranche zu erwarten. Drohnen und selbstfahrende LKWs seien heute zwar noch nicht wirklich ein Thema. "Sie werden aber wohl bald auch grenzübergreifend rund um die Uhr vorkommen", sagte Bock.

Auch das Problem der China-Päckli werde wohl bald zunehmen. "Die Gesetze stammen noch aus einer Zeit, in der niemand vom Internet gehört hat, Briefe von Hand geschrieben wurden und China wirtschaftlich gesehen noch ein Entwicklungsland war", sagte Bock. Nun aber werde die Logistik in Asien überall ausgebaut. Ein Paket aus China könne in naher Zukunft innerhalb einer Woche in der Schweiz sein. Kommt dann das Lädelisterben? "Nein, Lädelisterben ist der falsche Ausdruck. Wenn das kommt, droht uns das Lädelimassaker!", sagte Bock.

Christian Bock, Direktor der Eidgenössischen Zollverwaltung. (Source: Netzmedien)

Die Behörde investiere nun 400 Millionen Franken in die Erneuerung der IT-Landschaft. Der Direktor machte aber auch deutlich, dass die IT zwar ein wichtiges Element bei der Digitalisierung ist, aber auch der am wenigsten wichtige. Die Digitalisierung erfordere eine grundlegende Anpassung der Prozesse und Organisationen. Insbesondere bei einer Behörde, die noch immer in drei Silos aufgeteilt ist: Zoll, Zollfahndung und Grenzwachtkorps. "Wenn man nicht bereit ist, alle Bausteine eines Unternehmens in die Hand zu nehmen und zu prüfen, sollte man es lieber ganz sein lassen", sagte Bock. "Vermutlich werden am Ende der Transformation alle Steine noch am gleichen Ort stehen. Aber wer nicht bereit ist, auch ein paar heilige Kühe zu schlachten, kommt nicht weit."

Nicht mehr jeder für sich

Der Kongress zeigte auch, dass Kantönligeist und Digitalisierung nicht Hand in Hand gehen. "Der Datenaustausch innerhalb der Schweiz funktioniert nicht", sagte Mark Burkhard, Kommandant der Polizei Basel-Landschaft und Verbindungskommandant HPI/PTI. Viele Daten stünden jeweils nur den einzelnen Korps zur Verfügung. Burkhard setzt sich daher für eine nationale Abfrageplattform ein. Zwar finde derzeit eine Vorstudie statt. Bevor das Projekt aber umgesetzt werde, müsse noch die Rechtsgrundlage dafür geschaffen werden. Und zwar eine allgemeine Rechtsgrundlage, sonst müsse die Grundlage bei jeder neuen Applikation wieder neu verhandelt werden.

Die Plattform könne aber dereinst helfen, Täter aufzuspüren, die in der ganzen Schweiz aktiv seien. Weil die Beweise in allen Kantonen zusammengeführt werden könnten. Ein Datenschutzproblem sieht er nicht. "Diese Daten dürfen wir ja heute schon austauschen", sagte Burkhard. Dafür müssten sie jedoch in jedem einzelnen Fall jedes andere Korps anfragen, ob überhaupt entsprechende Daten vorhanden seien.

(v.l.) Daniel Hänni, Leiter Informatik der Stadtpolizei Zürich, Nicoletta della Valle, Direktorin des Bundesamts für Polizei, und Mark Burkhard, Kommandant der Polizei Basel-Landschaft. (Source: Netzmedien)

In der EU sei dies bereits Realität. "Wir brauchen eine nationale Abfrageplattform, sonst können wir von den Vorteilen der Interoperabilität in Europa nicht profitieren", ergänzte Nicoletta della Valle, Direktorin des Bundesamts für Polizei (Fedpol). "Wir können und wollen es uns nicht leisten, hier nicht mitzumachen."

"Das heisst jedoch nicht, dass wir nur noch eine Polizeieinheit in der Schweiz brauchen", sagte sie. Der Föderalismus sei fest in der DNA der Schweiz verankert. Und er solle auch bleiben. "Eine föderalistische Organisation bietet viele Vorteile wie etwa die Nähe zum Territorium und den Menschen darin." Diese Souveränität und die dazugehörigen Kompetenzen sollen daher nicht angetastet werden – "sondern nur neu gelebt", sagte della Valle.

Cyber-Cops im Crypto Valley

Das Rahmenprogramm des SPIK wurde mit zahlreichen Breakout Sessions durchmischt. Diese Vorträge waren in verschiedene Themenblöcke organisiert, darunter etwa Polycom, Polizeisysteme, Best Practices und Cyberbedrohungen. In einem der Cyber-Vorträge sprachen Markus Reichen, Dienstchef Wirtschaftsdelikte, und Andreas Eugster, Sachbearbeiter Cyberermittlung bei der Zuger Polizei darüber, wie sie das Thema anpacken. In Zug seien Cyberermittlungen in drei Eskalationsstufen gegliedert.

Die erste Stufe bilde die polizeiliche Frontarbeit, etwa wenn auf dem Polizeiposten eine Anzeige wegen eines Cyberdelikts eingehe. Die zweite Stufe seien allgemeine kriminalpolizeiliche Ermittlungen und auf der dritten Stufe kämen die Spezialisten ins Spiel. Davon habe Zug derzeit zwei.

Markus Reichen, Dienstchef Wirtschaftsdelikte bei der Zuger Polizei, Stefan Frank von Cyone und Andreas Eugster, Sachbearbeiter Cyberermittlung bei der Zuger Polizei. (Source: Netzmedien)

Da es schon bei der polizeilichen Frontarbeit zu Berührungen mit dem Thema Cyber komme, sei es wichtig, dass auch jeder über die nötigen Grundkenntnisse verfüge. Nur so könne ein Beamter die Situation korrekt einschätzen, wenn eine entsprechende Anzeige eingehe. Die Zuger Polizei wolle den Bereich Cyberermittlungen nun mit weiteren Spezialisten ausbauen. "Der Ausbau unserer Krypto-Kompetenzen ist ein absolutes Muss", sagte Reichen. Schliesslich sei Zug ja das Crypto Valley. "Wir müssen die Blockchain und die Besonderheiten von Kryptowährungen verstehen", sagte er. "Nur so werden wir in der Lage sein, entsprechende Ermittlungsansätze zu erkennen."

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DPF8_133993

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