"Wir fokussieren uns auf die End-to-End-Integration von KI mit echtem praktischem Nutzen"
Hunderte Milliarden US-Dollar sind in den vergangenen Jahren in künstliche Intelligenz geflossen – begleitet von hohem Innovationsdruck und offenen Sicherheitsfragen. Christian Reiter, CTO von Opacc, erklärt, wie das Softwareunternehmen KI mit einer End-to-End-Integrationsstrategie gezielt in seine Plattform einbindet und auf praktischen Nutzen ausrichtet.
Ist KI ein Hype, der vorübergeht, oder hat sie Fleisch am Knochen?
Christian Reiter: Es gab schon mehrmals in meinem Berufsleben Situationen, in denen jedes einzelne Problem nur eine Lösung kannte. Vor 30 Jahren war es das Internet, vor 10 Jahren die Cloud und aktuell ist es KI. Aktuell erleben wir noch etwas viel «Wilder Westen». Hunderte von Milliarden US-Dollar wurden seit 2020 investiert. In den USA schätzungsweise 250 bis 300 Milliarden, in Europa 40 bis 60 Milliarden. Allein die Open-AI-Finanzierungsrunde im April 2025 belief sich auf 40 Milliarden – Hauptquelle: ChatGPT. Der enorme First-Mover-Druck führt dazu, dass Entwicklungsresultate oft zu früh und nicht auf dem notwendigen Sicherheitslevel in den Markt gepusht werden. Es ist offensichtlich, dass nicht überall so viel herauskommen wird, wie reingesteckt wird. Es gibt eindeutig auch Fehl-Allokationen. Aber auf alle Fälle kommt genügend dabei heraus, um die Welt in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu verändern.
Was ist die Strategie von Opacc?
Unser Fokus ist das Operational Accounting. Diese Verpflichtung steht in unserem Firmennamen. KI erachten wir als fantastische Chance, um den Nutzen unserer Plattform und Anwendungen weiter zu vergrössern. Wir sehen uns klar nicht als Forschungsunternehmen für KI. Wir fokussieren uns auf die End-to-End-Integration von KI-Technologien und -Features, die in unserem Kontext einen echten praktischen Nutzen erzielen. Wir haben sozusagen die «Freedom of choice». Gibt es etwas Neues, integrieren wir es. Gibt es etwas Besseres, wechseln wir es aus. Für unsere Kunden gilt das Gleiche: Was für sie Sinn ergibt, können sie nutzen, den Rest lassen sie sein.
Was bedeutet in diesem Zusammenhang «End-to-End-Integration»?
Unsere Kunden beschäftigen in der Regel keine eigenen KI-Teams. Sie erwarten, dass wir ihnen den KI-Zugang in der gewohnten Konfigurations- und Arbeitsumgebung ermöglichen. Dies sowohl technisch für den Zugang zu externen Ressourcen als auch applikatorisch als Teil des bestehenden Daten- und Prozessmodells. Und dann sollte auch nach einem Update alles wie gehabt funktionieren – Stichwort Update-Garantie.
Und wie genau funktioniert diese Integration?
Im Zentrum steht unsere neue KI-Integrationsplattform. Sie ermöglicht uns, externe Ressourcen technisch und funktional nahtlos zu integrieren. Diese Plattform läuft im Opacc Cloud Center und kann an jede Opacc-Installation im Cloud Center oder auch on premise gekoppelt werden. Gleichzeitig spielt es keine Rolle, ob die entsprechenden KI-Dienste in unserem Cloud Center oder auf einer anderen Plattform wie etwa AWS oder Azure ausgeführt werden. Das können wir von Fall zu Fall entscheiden und so eine optimale Lösung in Bezug auf Laufzeit, Sicherheit und Kosten anbieten.
Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Wir haben bereits drei KI-Modelle über unsere KI-Integrationsplattform integriert. Das neueste Modell ist der Product Forecast. Es geht darum, dass wir als Resultat eine Bedarfsprognose für Artikel erhalten. Dazu übergeben wir detaillierte Transaktionsdaten an ein KI-Modell und erhalten Prognosen zurück. Diese integrieren wir wiederum standardmässig in die zentrale Datenbasis OXAS. Dabei stellen wir by Design sicher, dass nur sinnvolle Daten übergeben werden. Denn nur so haben am Schluss die Prognosen einen praktischen Wert. Die möglichen Parameter für Export, KI-Modell und Rückintegration lassen sich wie gewohnt im OXAS Studio konfigurieren. Um den unterschiedlichen Anforderungen der unterschiedlichen Produkte und der Beschaffungsorganisation gerecht werden zu können, lassen sich hier mehrere Analysen konfigurieren, etwa pro Produktgruppe oder Planlagergruppe.
Das klingt einleuchtend, ist aber vermutlich etwas komplizierter.
Es ist tatsächlich sehr anspruchsvoll. Damit ein KI-Feature in der Praxis einen spürbaren Nutzen hat, müssen für das Konzept und die erfolgreiche Implementierung verschiedene Kompetenzen an einem Tisch sitzen. Es ist theoretisches und praktisches Wissen aus Mathematik – wie funktioniert es? –, aus IT – wie lässt es sich technisch sicher integrieren? – und dem Business – was sind die Herausforderungen unserer Kunden, stimmt die Datenqualität? – notwendig. Für die End-to-End-Integration in OXAS braucht es zudem tiefe Kenntnisse der entsprechenden Daten- und Servicemodelle. Das Wissen aus all diesen Bereichen ist in unserem Unternehmen unter einem Dach vorhanden. Nur so konnten wir die Plattform und die bereits integrierten KI-Modelle und -Features realisieren. Wir stellen damit sicher, unsere «Freedom of choice»-Strategie auch in Zukunft umsetzen zu können.
Sie haben mehrmals die Sicherheit angesprochen. Wie geht Opacc damit um?
Wenn wir heute bei uns Software entwickeln, gibt es umfangreiche und bewährte Massnahmen, um die Kundensysteme bestmöglich vor möglichen Angriffen und unberechtigten Zugriffen auf die Daten zu schützen. Im Gegensatz dazu steht die ganze Industrie bei KI in Bezug auf die Sicherheit erst am Anfang. Aufgrund des hohen Tempos und der vermeintlichen Dringlichkeit kümmern sich noch die wenigsten um die Sicherheit und geben der KI einfach Zugriff auf ganze Systeme. Da man heute noch zu wenig über die Angriffsvektoren und generell über die Funktionsweise von KI weiss, ist dies mehr als nur fahrlässig. Um unseren Kunden trotzdem eine sichere Umgebung bereitstellen zu können, haben wir in unsere KI-Plattform bereits verschiedene Sicherheitsprotokolle integriert. Dabei erfolgt der Zugriff nur über klar definierte und gesicherte Interfaces. So stellen wir sicher, dass es keinen ungewollten Zugriff seitens der KI gibt, weder lesend noch schreibend.
Was bezahlt der Kunde dafür?
Da die KI-Modelle Out-of-the-Box und sozusagen ready-to-use zur Verfügung stehen, entstehen keine Projektkosten. Aber natürlich unterstützen wir Kunden gerne konzeptionell, um möglichst schnell einen Nutzen zu erzielen. Die Verwendung wird über eine monatliche Pauschale sowie nutzungsbezogene Gebühren abgerechnet. Unsere Kunden bezahlen nur, was sie nutzen.
Was bringt die Zukunft?
Wir beobachten und testen die neuen Möglichkeiten mit sehr grossem Interesse und einer gewissen Faszination. Wir realisieren zusammen mit Kunden Pilot-Features, die dann Kandidaten für Standard-Features werden. Insbesondere im Bereich der generativen KI gehen wir davon aus, dass es die Art und Weise, wie wir mit dem System interagieren, nachhaltig verändern wird. Dazu gehören auch neue Agenten, die mithilfe von KI-Prozessen mit den in OXAS verfügbaren Daten systemübergreifend weitere Automatisierungen ermöglichen. Damit wird den Benutzern repetitive Handarbeit abgenommen und die Qualität der Daten verbessert. Aber was genau die Zukunft bringt, ist uns im Prinzip egal. Wir hoffen natürlich, dass es möglichst viel geben wird, damit wir es integrieren und unseren Kunden zur Nutzung bereitstellen können.
Wie stellen Sie sicher, dass ethische Aspekte und Datenschutzrichtlinien bei der Integration von KI-Modellen in Ihre Plattform konsequent eingehalten werden?
Aktuell integrieren wir standardmässig Modelle in unsere KI-Plattform, die wir selbst betreiben und somit gewährleisten können, dass die Daten unsere Plattform nie verlassen. Vor dem Einsatz und auch laufend während des Betriebs prüfen wir die Qualität der Ergebnisse. Damit stellen wir sicher, dass die Datenschutzrichtlinien immer eingehalten werden. Die Einhaltung der ethischen Aspekte ist in vielen Standardmodellen aufgrund ihrer Architektur kein Problem. Bei den dafür anfälligen grossen Sprachmodellen wird sie durch Guardrails und Qualitätsprüfungen sichergestellt.
Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern bei der Weiterentwicklung Ihrer KI-Strategie und wie holen Sie deren Feedback in Ihre Produktentwicklung ein?
Bei der Weiterentwicklung unserer KI-Strategie ist der laufende Austausch mit unseren Kunden wichtig, sodass wir auch wirklich nutzenstiftende Anwendungen realisieren. Wir holen im Rahmen unserer laufenden Kundenkontakte die Wünsche und Ideen ab, nehmen diese in unsere interne Liste für neue KI-Features auf und bewerten diese regelmässig in unserem KI-Team. Die ausgewählten KI-Features, die auch machbar sind und für die unsere Kunden über die notwendige Datenbasis verfügen, setzen wir letztlich um. Während der Umsetzung tauschen wir uns im Rahmen eines Pilotprojekts laufend mit ausgewählten Kunden aus, sodass wir ihr Feedback berücksichtigen können.
Zur Person
Christian Reiter engagiert sich seit seinem Informatik-Studium an der ETH in Zürich leidenschaftlich für Software Engineering. Schwerpunkt waren seit der ersten Stunde geschäftsrelevante Plattformen und Systeme. 1992 gründete er das Engineering-Unternehmen Reiter & Partner, das 2006 in die Opacc Gruppe integriert wurde. Seither nimmt er die Rolle des CTO in der Produkt- und Unternehmensentwicklung wahr. Er ist Partner, Verwaltungsrat und Mitinhaber von Opacc.
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