Editorial

Wenn Grösse zum Problem wird

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Oliver Schneider, Redaktor, Netzmedien (Source: Netzmedien)
Oliver Schneider, Redaktor, Netzmedien (Source: Netzmedien)

Was tun, wenn Unternehmen aufgrund einer marktbeherrschenden Stellung Preise, Produkte und den Wettbewerb diktieren können? Diese Frage beschäftigt die Politik seit Jahrzehnten. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts regte sich in den USA Widerstand gegen Konzerne, die ganze Branchen dominierten. Das Parlament setzte in der Folge den "Sherman Antitrust Act" in Kraft. Benannt nach seinem Urheber, einem Senator aus Ohio, sollte das Gesetz dem Staat die Werkzeuge geben, um die Bildung von Kartellen zu bestrafen, Preisabsprachen zu verbieten und Firmen aufzuspalten, wenn sie zu gross wurden. "Wir akzeptieren in der Politik keinen König, also sollten wir auch in der Wirtschaft keine Könige akzeptieren", begründete Sherman das Gesetz.

Bis der Sherman Antitrust Act zur Anwendung kam, vergingen noch einige Jahre, denn die betroffenen Unternehmen wehrten sich vor Gericht dagegen. Besonders in der Kritik stand die Standard Oil Company von John D. Rockefeller, damals der grösste Ölkonzern der Welt. Doch mit der Präsidentschaft von Theodore Roosevelt drehte der Wind. 1906 ordnete der oberste Gerichtshof die Zerschlagung von Standard Oil in 34 Einzelunternehmen an. 1911 traf es American Tobacco und 1912 den Chemiekonzern Dupont. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die Techbranche ins Visier der Wettbewerbsbehörden. 1969 wurde IBM auf Grundlage des Sherman Antitrust Act wegen seiner Dominanz im Computermarkt angeklagt. 1982 liess die Regierung die Klage fallen, setzte allerdings beim Telko-Giganten AT&T an. Dieser musste seine regionalen Netzbetreiber in die Unabhängigkeit entlassen und schrumpfte so auf einen Bruchteil seiner einstigen Grösse.

1998 kam der Sherman Antitrust Act im Internetzeitalter an. Das US-Justizdepartement erhob Klage gegen Microsoft, weil das Unternehmen mit der Verknüpfung von Windows und Internet Explorer ein Monopol im Browsermarkt aufgebaut habe. Der Streit endete 2002 mit einem Vergleich, durch den sich Microsoft verpflichtete, seine APIs für Drittanbieter zu öffnen. Der Browser-Streit mutet fast 20 Jahre später seltsam an, denn mittlerweile haben IT-Firmen eine fast unheimliche Grösse erlangt. Bei Smartphones führt an Android oder iOS kein Weg mehr vorbei. Google-Dienste sind in vielen Bereichen erste Wahl. Facebook setzt bei den sozialen Netzwerken Standards. Amazon und Alibaba geben (nicht nur) im E-Commerce den Ton an. Für Newcomer wird es dagegen immer schwieriger, in den Wettbewerb vorzustossen. Es ist deshalb wenig überraschend, dass der Ruf nach Gegensteuer in letzter Zeit immer lauter wird. Anti-Kartell-Aktivisten, Wettbewerbshüter und nicht zuletzt auch Mitbewerber fordern Massnahmen gegen monopolistische Tendenzen und den Missbrauch von Marktmacht. Anfang November schaltete sich auch Donald Trump in die Debatte ein und kündigte an, Amazon, Facebook und Google unter die Lupe zu nehmen. Sollten sich die Kritiker durchsetzen, werden wir eines Tages vielleicht nicht mehr die Apps von wenigen grossen, sondern von vielen kleinen Anbietern nutzen. Die Geschichte von Standard Oil und AT&T könnte sich wiederholen.

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