Editorial

Weg von der Mikromobilitäts-Muffelei

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Joël Orizet, Redaktor, Netzwoche. (Source: Netzmedien)
Joël Orizet, Redaktor, Netzwoche. (Source: Netzmedien)

Tretroller sind des Teufels – so lässt sich die Haltung des gemeinen Trottoir-Aktivisten auf den Punkt bringen. Als die E-Scooter-Welle ­Zürich überrollte, fand ich diese komischen Flitzer ja auch etwas unheimlich. Es war nicht das Chaos, das mich störte. Noch nicht einmal die Verteilungskämpfe im Strassenverkehr. Ich war nur deswegen dagegen, weil ein bestimmter Anbieter einen ganz üblen Bock geschossen hatte.

Es fing an mit einem Softwarefehler. Der kalifornische Sharing-Gigant Lime hatte in Zürich bereits 500 E-Trottis im Einsatz. Ende 2018 verursachte der Bug mehrere Unfälle, bei denen das Vorderrad bei voller Fahrt plötzlich blockierte. «Watson» deckte einige dieser Fälle auf. Fiese Stürze, Spitalaufenthalte – das allein sorgte schon für Schlagzeilen. Daraufhin kündigte Lime an, die ganze Zürcher Flotte aus dem Verkehr zu ziehen. Das Unternehmen nannte auch gleich eine mögliche Ursache für die Unfallserie – ein Lehrstück, wie man besser nicht kommunizieren sollte.

Vermutlich habe es während der Fahrt ein Software-Update gegeben. Dieses könnte wiederum den Diebstahlschutz ausgelöst und damit die Bremsen aktiviert haben. Man habe sich per Mail bei den betroffenen Kunden entschuldigt. Und: Jeder Schweizer Kunde bekommt einen Gutschein für 15 Minuten Verleihzeit.

Ich hatte also zwei Gründe, warum ich diesen Tretrollern nicht über den Weg traute. Erstens: Die Dinger sind unsicher. Und zweitens: Der Verleiher drückt sich offenbar um jegliche Verantwortung.

Fairerweise muss ich aber zugeben: Es ist trügerisch, von solchen Einzelfällen aufs Allgemeine zu schliessen. Fehler kann man machen, auch wenn man mehr schlecht als recht dazu steht. Zudem hat sich mittlerweile einiges getan. Die Stadt beginnt zu regulieren, neue Anbieter drängen in den Markt. Sie heissen Bird, Tier und Circ (ehemals Flash). Letzteren habe ich neulich ausprobiert.

Kurz gesagt: Ja, die Dinger machen Spass. Und in bestimmten ­Fällen sind sie ganz praktisch. Von mir zuhause bis in die Redaktion dauert die Fahrt bei leichtem Regen nur etwa 8 Minuten. Das ist etwa doppelt so schnell wie mit dem Bus und viermal schneller als zu Fuss. Entlang der Langstrasse, zwischen verpeilten Passanten, vorbei an stehenden Lastwagen – sicher fühlt sich zwar anders an, aber das ist okay. Ich fand mich mit dem Risiko ab, oder ich verdrängte es – genauso, wie es jeder andere Verkehrsteilnehmer tut.

Was mich aber gestört hat: Abbiegen ist eine heikle Angelegenheit. Ein kurzer Seitenblick oder ein tollpatschiger Versuch, ein Handzeichen zu machen – schon wackelt das Ding. Blinker wären da hilfreich. Aber vielleicht ist auch das nur Übungssache.

Jedenfalls stellte ich in diesem Selbstversuch Folgendes fest: ­Mikromobilität ist eine feine Sache. Mag sein, dass sie Verkehrsteilnehmer und vor allem das Verkehrsnetz noch überfordert. Es dauert nun mal, bis alles rundläuft. Das ist aber noch lange kein Grund, den Teufel an die Wand zu fahren.

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