Editorial

Postfinance: Zero Coins

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(Source: Netzmedien)
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Ein schönes Schlamassel, das sich die Postfinance eingebrockt hat. Kaum hatte die Bank mitgeteilt, dass sie ein digitales Mitarbeiter-Bewertungssystem einführt, hagelte es Kritik – und zwar zu Recht.

Die Idee mag harmlos klingen: Mitarbeitende können sich gegenseitig Instant-Feedback geben, das heisst: Sie können sich gegenseitig loben, etwa für eine gelungene Präsentation. Die Rückmeldungen können nur positiv sein – das Ganze funktioniert also wie Likes auf ­Social Media. Die Postfinance spricht allerdings nicht von Likes, sondern von Powercoins. Die Wortschöpfung soll wohl Assoziationen mit dem englischen Begriff Empowerment wecken – damit sind Strate­gien gemeint, mit denen Menschen anderen Menschen zu mehr Selbstbestimmung verhelfen wollen.

Die beabsichtigte Botschaft kam jedoch nicht rüber. Im Gegenteil: Auf Twitter zog ein Shitstorm auf. Einige Nutzer machten sich darüber lustig, dass die Geschichte an dystopische Science-Fiction erinnert. Andere zogen den Vergleich zum Sozial-Kreditsystem, mit dem die chinesische Regierung ihre Bevölkerung überwacht und massregelt. Die Postfinance reagierte immerhin prompt: Es gehe nicht um Kon­trolle, die Punkte würden nicht in die jährlichen Beurteilungsprozesse oder Lohnverhandlungen einfliessen. Und man verfolge nur gute Absichten. "Unsere Powercoins sind ein Stärkungssystem", erwiderte die Bank mehrmals auf kritische Kommentare.

Was hat sich die Postfinance eigentlich dabei gedacht? Roger Lötscher, der das Projekt für die Postfinance verantwortet, sagte gegenüber dem "SRF": "Wir wollen, dass sich Leute exponieren, für ihre Meinung einstehen, vielleicht Widerstände aushalten – auch gegen Hierarchiestufen."

Wenn das tatsächlich die Absicht war, erweist die Bank ihrer Belegschaft einen Bärendienst. Denn mit diesen Powercoins führt die Postfinance etwas ein, das einige Psychologen unter dem Stichwort "Like-Ökonomie" aus gutem Grund an Social Media kritisieren: Man vergleicht sich mehr und mehr mit den Profilen anderer Nutzer, ist nur noch auf die schnelle, virtuelle Bestätigung aus. Und was macht das mit dem Selbstbild der Menschen und ihrer Arbeitsmoral? Medieninformatiker Daniel Ullrich und Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach formulieren es in ihrem Buch "Digitale Depression" so: "Externe Motivation durch Likes zerstört die interne Motivation."

Noch bedenklicher wird die Sache durch soziale Kontrolle und Ausgrenzung. "Stellen Sie sich vor, Sie sind in einem Team und bekommen nie irgendwelche Coins", sagte David Roth, Zentralsekretär der Gewerkschaft Syndicom, im SRF-Bericht. Da sei man schnell bei möglichem Mobbing. Zudem bestehe enormer Druck, da mitzumachen – auch wenn es offiziell freiwillig ist.

Wenn es der Postfinance darum geht, einen "Kulturwandel erlebbar zu machen", wie sie es auf Twitter verkündete, täten die Manager der Bank besser daran, das Ganze vorzuleben. Zum Beispiel, indem die Chefs ihre Mitarbeitenden häufiger fragen: Was denkst du? Fragen wie diese aufrichtig zu stellen, zeugt von Anerkennung. Und das ist wertvoller als ein Konto voller Machtmünzen – pardon: Powercoins.

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