Wildcard von André Golliez

Wir brauchen eine nationale Data Governance!

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Die vergangenen Monate haben die Defizite der Schweiz im Umgang mit krisenrelevanten Daten schonungslos offen gelegt. Die Datenbereitstellung und -verfügbarkeit in allen wichtigen Sektoren unseres Landes sind im Hinblick auf mögliche Krisen kritisch zu durchleuchten und mit geeigneten Massnahmen so rasch wie möglich krisentauglich zu machen.

Die vergangenen Monate haben die Defizite der Schweiz im Umgang mit krisenrelevanten Daten schonungslos offengelegt. Viele Daten zur Pandemie werden gar nicht oder falsch erhoben (Tote, die noch leben). Daten werden zu spät oder gar nicht übermittelt oder dann mit Technologien des letzten Jahrhunderts (Fax). Daten werden nicht weitergeleitet, da der Datenschutz dies angeblich nicht zulässt (Passagierlisten zu Flügen aus Risikoländern). Daten werden nicht publiziert (Erfahrungswerte mit der Swiss-Covid-App). Und falls die Daten tatsächlich da sind, besteht immer grössere Unklarheit und Streit zwischen Wissenschaftlern, Politikern und Medienschaffenden, wie die Daten zu interpretieren sind. Sind erneut steigende Fallzahlen tatsächlich beunruhigend oder betreffen sie nur die wenig gefährdeten jüngeren Jahrgänge? Sind die Clubs und Bars tatsächlich die Hotspots oder doch eher der Arbeitsplatz und die Familie? Wäre ein (natürlich datenbasiertes) Ampelsystem für die Anordnung der Maskenpflicht nicht doch besser als eine generelle Verfügung? Die Liste an Defiziten und Unklarheiten lässt sich beliebig verlängern und jeder Tag bringt neue Geschichten zur fatalen Datenlage in der Schweiz.

Ich habe Ende März zu Beginn der Pandemiekrise an dieser Stelle die "Entscheidungsschlacht an der Datenfront" angekündigt und voller Optimismus zu offenen Daten aufgerufen. Leider muss ich feststellen, dass wir daran sind, diese Schlacht jämmerlich zu verlieren. Mit fatalen Konsequenzen für unser Gesundheitssystem, für unsere Wirtschaft und für die gesamte Gesellschaft. Bürgerinnen und Bürger stehen dem Datendebakel ratlos gegenüber. Welchen Daten ist noch zu vertrauen? Haben unsere Regierungen genügend und korrekte Daten, um die richtigen Entscheide zu fällen? Wie plausibel sind die Interpretationen der Daten und die Schlussfolgerungen daraus? Das Vertrauen in unsere Institutionen steht auf dem Spiel. Zu Recht wird daher Datenbildung ("Data Literacy") auf allen Ebenen gefordert.

Die Kommission Soziales und Gesundheit des Ständerates (SGK-SR) hat die Zeichen der Zeit offenbar erkannt und einstimmig eine Motion eingereicht unter dem Titel "Besseres Datenmanagement im Gesundheitsbereich". Darin wird als erster Punkt die "rasche Umsetzung der ‹Open Government Data›-Strategie 2019–2023" gefordert, notabene von demjenigen Departement (EDI), das diese Strategie verfasst hat und für deren Umsetzung zuständig ist. Zudem verlangt die Motion die "Schaffung einer zentralisierten Datenverwaltung für personelle und materielle Ressourcen für Krisenzeiten". Das sind ohne Zweifel wichtige Punkte und es ist zu hoffen, dass der Vorstoss so rasch wie möglich überwiesen und umgesetzt wird. Aber das wird nicht reichen. Die Defizite im Datenmanagement des Gesundheitssystems sind nur die Spitze des Eisbergs. Der Umgang mit Daten in den letzten Monate verdient nur eine Bezeichnung: Datennotstand. Wir müssen den Mut haben, das Kind beim Namen zu nennen und da­raus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Datenbereitstellung und -verfügbarkeit in allen wichtigen Sektoren unseres Landes sind im Hinblick auf mögliche Krisen kritisch zu durchleuchten und mit geeigneten Massnahmen so rasch wie möglich krisentauglich zu machen. Es braucht eine nationale Data Governance, damit die Schweiz Krisen und Katastrophen mit vollständigen, korrekten und offenen Daten erfolgreich bewältigen kann. Haben unsere Politiker den Weitblick für diese Erkenntnis und den Mut, diese konsequent umzusetzen? Es bleibt zu hoffen.

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