Offenheit, Unabhängigkeit und Sicherheit
"Wollen wir nicht doch noch eine Softwarelizenz beantragen?" Diese Frage stellte mir unlängst mein Hilfsmittelhändler des Vertrauens. Im Beratungsgespräch klärten wir ab, welche assistiven Technologien (Hard- und Software) ich aufgrund meiner Blindheit benötige, "um weiter erwerbstätig oder im bisherigen Aufgabenbereich tätig bleiben zu können", wie es bei der Invalidenversicherung heisst.
Mit der Softwarelizenz, die mein Hilfsmittelhändler vorschlug, war ein kostenpflichtiges Bildschirmleseprogramm gemeint. In der Tat konnten blinde Menschen über Jahre hinweg das Betriebssystem Windows nur effizient nutzen, wenn sie eine Kopie dieser nicht gerade billigen Software installiert hatten. Dass ich das Lizenzangebot meines Hilfsmittelberaters ablehnen konnte, hat hauptsächlich einen Grund: Open Source.
Seit Längerem schon gibt es mit NVDA (Non Visual Desktop Access) eine quelloffen entwickelte Bildschirmlesesoftware für Windows. Sie kann vieles, was ihre proprietär entwickelten Mitbewerber auch können, wobei natürlich jedes Produkt seine jeweiligen Stärken und Schwächen hat. Was mich angeht, so nutze ich NVDA seit mehr als 15 Jahren – und nicht nur NVDA.
Ich bin Fan von Open Source. Die Idee, Programmcode öffentlich zugänglich zu machen und ihn in der Community zu verbessern, faszinierte mich schon immer. Entsprechend begeistert es mich, Schritt für Schritt proprietäre Tools durch quelloffene Pendants zu ersetzen. Das erfordert manchmal etwas Flexibilität – ja, der Klangeditor Audacity macht einen nerdigen Eindruck –, geht aber oft recht leicht von der Hand (Libreoffice Calc kann so ziemlich alles, was Excel auch kann).
Als mir mein Hilfsmittelhändler im Beratungsgespräch anbot, "lieber doch noch" eine Lizenz der proprietären NVDA-Alternative zu beantragen, begründete er das einerseits mit Bedenken bezüglich der Leistungsfähigkeit. Andererseits führte er ins Feld, dass die Zukunft der Open-Source-Software ungewiss sei. Beide Argumente – "Produkt X kann nicht so viel wie Produkt Y" und "wir wissen nicht, wie es mit Produkt X weitergeht" – werden oft pauschal gegen quelloffene Anwendungen ins Feld geführt. Dabei lohnt es sich, bei Open-Source-Software genau hinzusehen. Viele Projekte – NVDA ist eines davon – entstehen unter dem Dach klar definierter Strukturen und nach einer konkreten Roadmap. Und was die Leistung angeht, erlaubt es gerade der quelloffene Ansatz, fehlende Funktionen bei Bedarf nachzurüsten. Demgegenüber scheint der Handlungsspielraum bei proprietär entwickelten Lösungen um einiges beschränkter.
Pauschal verurteilen will ich die Closed-Source-Software übrigens nicht, zumal ich mich als Windows-User der Scheinheiligkeit schuldig machen würde. Dass Open Source aber im Zuge der Debatte um digitale Souveränität mehr Aufmerksamkeit bekommt, begrüsse ich voll und ganz.
In dieser Ausgabe der Netzwoche beleuchten wir die Beziehung zwischen quelloffenen Lösungen und den Themen Offenheit, Unabhängigkeit und Sicherheit.
Auf meinem nächsten Antrag an die Invalidenversicherung taucht übrigens die vorgeschlagene Softwarelizenz nicht auf. Der Beitrag, den der Staat damit spart, hätte eigentlich die Open-Source-Community verdient. Schade, dass das IV-Gesetz keine entsprechenden Unterstützungsleistungen enthält.
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