IT-Wearables

Jetzt kommt die IT zum Tragen

Uhr | Aktualisiert
von Marcel Urech

Wearables sind gerade dabei, unseren Alltag zu erobern. Doch wer wird davon profitieren? Was heisst das für Unternehmen? Und was ist mit dem Datenschutz?

(Quelle: Google)
(Quelle: Google)

Tragbare Computer, die sich dem Internet of Things zuordnen lassen, liegen im Trend. Marktforscher sagen ihnen eine grosse Zukunft voraus. Das Unternehmen Juniper geht davon aus, dass bereits dieses Jahr weltweit rund 15 Millionen Wearables verkauft werden. Bis 2017 sollen es gar 70 Millionen sein, prognostizieren die Analysten. Und ABI Research erwartet, dass der Markt bis dann auf 170 Millionen Geräte anwächst.

Auch die Credit Suisse glaubt an Wearables. Der Markt sei an einem Wendepunkt, sagt Analyst John Pitzer in der Studie "The Next Big Thing: Wearables are in Fashion", vor allem, weil die Akzeptanz tragbarer Computer gewachsen sei. Die Bank schätzt den Markt für Wearables auf ein Volumen von 3 bis 5 Milliarden US-Dollar. In den nächsten drei bis fünf Jahren soll er auf 30 bis 50 Milliarden Dollar anwachsen. 15 Prozent aller Smartphone-Nutzer würden bis 2018 mindestens ein Wearable kaufen, erwartet Pitzer, und tragbare Computer sollen dann etwa 6 Prozent des globalen Marktes für Elektronik ausmachen.

Was kommt nach dem Hype?

Gartner platziert "Wearable User Interfaces" in seinem Hype Cycle für aufstrebende Technologien kurz nach dem "Peak of inflated expectations", dem Gipfel der übertriebenen Erwartungen. Der Hype um Wearables flaue ab, und erst nach einer längeren "Phase der Desillusionierung" sollen sich die tragbaren Computer in unserem Alltag auch wirklich etablieren.

Fünf bis zehn Jahre werde es noch dauern, bis Wearables den Höhepunkt ihres produktiven Einsatzes erfahren, prognostiziert Gartner. Dennoch: Das Thema war dem Marktforscher offenbar so wichtig, dass er die neueste Version seines Technologie-Barometers im August 2013 unter dem Motto "Mensch trifft Maschine" veröffentlichte.

Nicht alle teilen die Einschätzung von Gartner. "Der Hype ist vorbei", sagt etwa Gerhard Tröster, Leiter des Wearable Computing Labs am Institut für Elektronik der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Er lokalisiert den Höhepunkt des Wearable-Hypes auf Anfang 2000. Damals habe es eher abenteuerliche Visionen gegeben, die einige Firmen in den Ruin trieben. Tragbare Computer, die funktionierten, existierten zwar schon. Mangels ausgereifter Ökosysteme gab es für sie aber kaum Anwendungen.

Helfer im Alltag

Skepsis hin oder her – findige Unternehmer glauben an Wearables. Das Team des US-Startups Open Shades etwa arbeitet an einer App für Google Glass, die Sehbehinderten das Leben vereinfachen soll. Die Anwendung scannt die Umgebung und hilft Blinden so bei der Orientierung. Gemachte Aufnahmen werden über das Web abgeglichen, und Freiwillige können über Twitter oder Amazons Marktplatz Mechanical Turk Hilfe leisten.

Auch Mercedes-Benz experimentiert bereits mit Glass und werkelt an einem Navigationssystem, dass den Fahrer auch dann an sein Ziel leitet, wenn er seinen Wagen verlässt. Die dafür entwickelte App werde veröffentlicht, sobald Glass im Handel verfügbar sei, sagte der Autobauer gegenüber dem Branchenmagazin Autonews.com.

App-Entwickler haben erkannt, dass auch die Industrie Hoffnungen in Googles Datenbrille setzt. Der US-Dienstleister Dito ist daran, eine App für die Modellierung von Gebäudedaten zu programmieren. Bauunternehmen könnten diese nutzen, um Pläne in 3-D virtuell begehbar zu machen, oder ein Elektromonteur könnte Schaltpläne anzeigen lassen. Ähnliche Anwendungen sind in der Logistik oder im Detailhandel denkbar.

Wettrüsten der Halbleiterindustrie

Vielen Tech-Firmen fehlt aber das Know-how, um im Zukunftsmarkt Wearables bestehen zu können. Die beiden Chip-Giganten Intel und ARM haben darauf reagiert. Intel gründete den Geschäftsbereich "Internet of Things Solution Group" und beteiligte sich am Google-Glass- Konkurrenten Recon Instruments. ARM kaufte das finnische Start-up Sensinode Oy, das auf Software für das Internet der Dinge spezialisiert ist. Und die Konkurrenz in der Halbleiterindustrie steht gar schon mit Wearables in den Regalen: Samsung lieferte innerhalb zwei Monaten 800'000 Exemplare seiner Smartwatch Galaxy Gear an den Einzelhandel aus, und auch Qualcomm verkauft seit Dezember seine eigene Smartwatch Toq.

Doch welche Unternehmen werden aus Wearables wirklich Kapital schlagen? Pitzer wagte im Mai gemeinsam mit den Credit-Suisse-Analysten Kulbinder Garcha, Christian Buss und Stephen Ju eine Prognose. Er veröffentlichte eine Liste mit Firmen, die besonders vom Wearables-Trend profitieren könnten: Neben Apple und Google fanden sich darin auch das Kreditkartenunternehmen Alliance Data Systems, die Halbleiterhersteller Broadcom, NXP Semiconductors und Microchip, das Internetauktionshaus E-Bay und die Sportartikelhersteller Nike und Under Armour. "Wearables werden signifikante Auswirkungen auf die Wirtschaft haben und grosse Teile davon durchdringen", kommentieren die Analysten der Credit Suisse.

Wer übernimmt wen?

Die Erzrivalen Apple und Google machen sich ebenfalls fit für Wearables. Apple befeuerte im August mit dem Kauf des Chip-Herstellers Passif Semiconductor erneut die Gerüchte um eine iWatch. Google konterte dies mit der Akquisition des Smartwatch-Entwicklers WIMM Labs. Und Microsoft? Der PC-Gigant plant laut Techcrunch eine 200-Millionen-Dollar-Investition in Wearable-Patente der US-amerikanischen Osterhout Design Group.

Auch im Schatten der Grossen tut sich einiges. Das Lifestyle-Unternehmen Jawbone übernahm die auf medizinische Gadgets spezialisierte Bodymedia für 100 Millionen Dollar. Der US-Bekleider Under Armour kaufte für 150 Millionen Dollar die mobile Sportplattform Mapmyfitness. Und die Macher der Smartwatch Pebble sammelten 2012 über 10 Millionen Dollar auf Kickstarter – damals ein neuer Rekord für Crowdfunding-Projekte.

Big Data in neuer Dimension

Als Markttreiber identifiziert die Credit Suisse die schnell wachsende Zahl von Smartphones und ausgefeilte Software-Ökosysteme wie Android und iOS. Die hohe Verbreitung der beiden Betriebssysteme katapultiere Google und Apple in die Poleposition im Wearables-Markt. Aber auch intelligente Sensoren, stromsparende Prozessoren und potente Batterien beflügeln die Wearables. Vor allem Firmen im Umfeld von Sport, Medizin, Lifestyle, Infotainment und Gaming dürfte dies zugute kommen.

Was aber passiert mit all den Daten, die von Wearables gesammelt werden? Sie sollen Location-Dienste um einen Kontext erweitern und sie dadurch intelligenter machen. Smartphones wissen so nicht nur, wo sich der Nutzer befindet, sondern auch, was er gerade tut. "Wearables könnten das Rückgrat für die nächste Evolution von Big Data bilden", sagen die Analysten der Credit Suisse. Sie prognostizieren, dass sich das Sammeln von Daten stark verändern wird. Unstrukturierte Informationen, die in keiner Datenbank erfasst sind, sollen durch Wearables um Daten ergänzt werden, die bis jetzt gar nicht erfassbar waren.

Privatsphäre und Datenschutz

Die Sammlung von Personendaten weckt Sorgen: Lancieren die Wearables bald den nächsten Grossangriff auf unsere Privatsphäre? Mit diesen Ängsten war auch die ETH konfrontiert. Am "Züri Fäscht" analysierte sie mit einer App, die über 55'000 Mal heruntergeladen wurde, die Besucherströme. Man habe damals darauf hingewiesen, dass Positionsdaten gesammelt und ausgewertet würden, sagt Tröster. Über einen Fragebogen konnten die Nutzer melden, was sie davon halten. Der Tenor sei eindeutig gewesen: Der ETH geben wir unsere Daten, nicht aber Google. "Die Ängste haben viel mit fehlendem Vertrauen zu tun", kommt Tröster zum Schluss.

Auch Google müsse sich dieser Debatte stellen. Bei Glass sei zum Beispiel nicht erkennbar, ob die Brille gerade eine Aufnahme mache oder nicht. Das sei problematisch, so Tröster. "Viele Konsumenten tragen eine oder zwei Kameras und Mikrofone in ihrer Hosentasche – und die meisten davon haben keine Ahnung, ob diese an oder aus sind", sagt Hannes Gassert, Mitgründer von Liip und Skim.com. Der einzige Unterschied sei, dass man die Sensoren mit Google Glass direkt im Gesicht trage. Dennoch brauche es einen gesellschaftlichen Dialog über den Umgang mit Wearables. An der Lift-Konferenz in Genf seien solche Themen bereits diskutiert worden, sagt Gassert, der selbst schon mit Glass experimentiert hat.

Wearables am Arbeitsplatz

Er könne sich vorstellen, Google Glass auch beruflich einzusetzen, sagt Gassert. Wearables könnten ein Tool sein, um effizienter zu arbeiten – "à la quantified self, aber nicht für die Freizeit, sondern fürs Büro". Die tragbaren Computer sollten allerdings HTTP und Javascript verstehen, denn diese Standards beherrsche jeder Entwickler. Gassert erwartet, dass sich Wearables in Firmen durchsetzen werden, wenn sie beim Konsumenten angekommen sind – ähnlich wie das bei Smartphones mit Bring your own Device der Fall war.

Auch Frank Clemens, der bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa Gruppenleiter in der Abteilung Hochleistungskeramik ist, glaubt an Wearables am Arbeitsplatz: "Sonst würde ich mit meiner Gruppe nicht an diesem Thema arbeiten."

Sein Team hat gemeinsam mit STBL Medical Research einen Sensor entwickelt, der die Genauigkeit von Blutdruckmessungen massiv erhöhen kann. "Von einem Computer erwarten wir Leistung und eine hohe Datenverarbeitungsgeschwindigkeit. Daher wird vor allem die weitere Miniaturisierung in der Halbleiterindustrie die treibende Kraft für neue Produkte sein."

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