Interview mit Bitcoin-Kenner Christian Mäder

"Mit Bitcoins könnte man sogar Abstimmungen durchführen"

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Der Social Media Manager Christian Mäder importierte den ersten Schweizer Bitcoin-Bankomaten direkt aus Bratislava. Wir sprachen mit dem Szenekenner über die Zukunft der Online-Währung.

Christian Mäder, Social-Media-Experte und Bitcoinkenner. (Quelle: Christian Mäder)
Christian Mäder, Social-Media-Experte und Bitcoinkenner. (Quelle: Christian Mäder)

Herr Mäder, Sie betreiben den Blog Bitcoinnews.ch. Wieso interessieren Sie sich so für Bitcoins?

Ich bin einfach ein Bitcoin-Enthusiast (lacht). Früher schrieb ich für einen Techblog, heute arbeite ich als Social-Media-Manager. Auch als IT-Supporter und im Settlement einer Privatbank habe ich schon gearbeitet. Ich bin seit jeher sehr online-affin. Irgendwie bin ich so auch zum Thema Bitcoin gelangt. Es hat mich von Beginn weg fasziniert. Ich muss allerdings eingestehen, dass ich erst sehr spät selbst damit begann, Bitcoins zu kaufen. Ich wartete immer darauf, dass sich die Coins einfach erwerben lassen, zum Beispiel via Paypal, was allerdings zurzeit noch nicht der Fall ist. Es heisst aber nun, dass dies bald kommen wird.

Kryptowährungen wie Bitcoins, das heisst Geld, das privat und nicht von einer staatlichen Notenbank geschöpft wird, sind keine neue Idee. War die Verbreitung des Internets genau das, was es brauchte, um dieser Idee zum Durchbruch zu verhelfen?

Nun, ich betrachte das aus einer leicht anderen Perspektive. Das Internet setzte sich in den 1990er Jahren durch und führte dazu, dass alles den Weg ins Digitale fand. Zuerst Bilder, dann Filme und schliesslich mit Facebook auch unsere sozialen Beziehungen. Das Geld ist hierbei aber eine wichtige Ausnahme, es wurde bisher noch nicht digitalisiert. Klar gibt es digitales Buchgeld, aber das ist nicht dasselbe. Ich habe in diesem Bereich Erfahrung, ich arbeitete als IT-Supporter bei einer kleinen Bank und lernte dort, wie das Banking technisch funktioniert. Natürlich sind Banken heute auch online, aber gerade im Bereich Geld und Währungen ist ein entscheidender Schritt noch nicht gemacht worden. Die Banken haben de facto nur digital nachgebaut, was sie zuvor physikalisch erledigten. Eine echte Produktrevolution hat meines Erachtens noch nicht stattgefunden.

Sie sprechen den technischen Aspekt an. Wie sicher sind Bitcoins, denken wir zum Beispiel an die Pleite der Börse Mt. Gox vor wenigen Monaten?

Leider ist es so, dass circa dreissig Prozent der Bitcoin-Börsen meist binnen kurzer Zeit pleite gehen. Manchmal klaut ein korrupter Mitarbeiter Guthaben oder eine Börse wird gehackt. Der Fall Mt. Gox war so präsent in den Medien, weil es sich dabei um die grösste Börse überhaupt handelte, liefen doch ungefähr dreissig Prozent des weltweiten Handels mit Bitcoins über sie ab. Es gab aber auch andere Fälle, zum Beispiel in Polen, wo nun glücklicherweise viele Anleger zumindest teilweise entschädigt wurden.

Schaden solche Fälle der Reputation des Bitcoins nachhaltig?

Interessanterweise habe ich nicht das Gefühl, dass dem so ist. Es führt nämlich auch zu einer grösseren Bekanntheit von Bitcoins, was, so glaube ich, teilweise zu positiven Kurssprüngen führt. Ich verglich vor kurzem einmal den Verlauf des Bitcoin-Wechselkurses mit der Anzahl Bitcoin-Suchanfragen bei Google und hatte das Gefühl, das dort allenfalls eine positive Korrelation bestehen könnte. Konkret würde das bedeuten: Mehr Suchanfragen führen zu einem höheren Umrechnungskurs. Es handelt sich hierbei aber nur um eine Vermutung, statistisch kann ich dies nicht beweisen. Was allenfalls ein Problem sein könnte, ist aber, dass nach wie vor noch wenige Personen Bitcoins besitzen. Es würde der Währung natürlich helfen, wenn mehr Leute sie kaufen und benutzen würden. Umgekehrt hilft es dem Bitcoin, dass er noch nie gehackt wurde. Es waren immer Fälle von menschlichem Versagen, beziehungsweise die Börsen, die Fehler begingen. Es war nie die Technologie Bitcoin per se, die das Problem war.

Wer gibt die Bitcoin-Software heraus?

Hierfür ist die Bitcoin Foundation aus dem amerikanischen Seattle verantwortlich. Ein Problem ist dort leider, dass dieser Verein relativ intransparent organisiert ist. Das finde ich schade, weil Aussenstehende nur schlecht an Informationen herankommen können. Gerade deswegen habe ich mit Bekannten hier in der Schweiz die World Bitcoin Association gegründet. Wir glauben, dass die Schweiz ein guter Boden für eine solche Organisation ist, die sich dann vor allem im Bereich Transparenz auszeichnen soll.

Wann haben Sie diesen Verein gegründet?

Das war im Januar dieses Jahres. Gleichzeitig gründete Luzius Meisser übrigens die Bitcoin Association Switzerland, die aber im Gegensatz zu uns einen stärker nationalen Fokus hat. Wir versuchen uns eher global zu orientieren und haben auch ausländische Mitglieder.

Vor kurzem kam es in den Medien zu Diskussionen um Bitcoin-Bankomaten in der Schweiz. Wie funktioniert ein solcher Automat?

Das hat uns die Finma auch gefragt (lacht). Grundsätzlich ist es ganz leicht: Als Kunde gehe ich an den Automaten, speise eine Banknote ein und erhalte dann innert Sekunden die entsprechenden Bitcoins auf mein Mobiltelefon. Danach kann eine Transaktion mit den Bitcoins zum Beispiel via Handy ausgeführt werden.

Wo liegen Bitcoins physisch überhaupt?

Dies ist eine Frage, die wir uns stellten, als wir den ersten Bitcoin-Automaten aus Bratislava in die Schweiz importierten. Die Antwort ist interessant: Überall und nirgendwo. Bitcoins basieren nur auf einer Datenbank, in der steht, wer wie viele Coins besitzt. Diese Datenbank, die wird einmal geschrieben und dann in ihrer aktuellsten Form beständig verteilt. Somit verfügt jeder Rechner mit dem normalen Client immer über alle Transaktionen. Das führt zu einer absoluten Fälschungssicherheit. Manipuliere ich die Datenbank auf einem Rechner, merken alle anderen Clients, dass etwas nicht stimmt und "überstimmen" diesen Fehleintrag. Mit der Bitcoin-Technologie liessen sich daher viele weitere Dinge erledigen. Zum Beispiel Volksabstimmungen. Wir könnten, vereinfacht gesagt, allen Schweizern jeweils einen Coin geben und diese dürfen ihn dann auf ein Ja- oder ein Nein-Konto einbezahlen. Somit liesse sich eine Abstimmung einfach online durchführen. Dies zeigt auf, dass das Bahnbrechende des Bitcoins die dahinterliegende Technologie ist.

Was halten Sie davon, dass Dell sich entschieden hat, Bitcoins zu akzeptieren?

Das finde ich natürlich grandios. Vor kurzem hat, wie schon angesprochen, der Chef von Paypal erklärt, dass er bald Bitcoins in sein System integrieren möchte, was natürlich ein weiterer sehr grosser Schritt wäre. Bereits heute kann übrigens bei Anbietern wie Expedia, einem grossen Online-Reisebüro, oder bei der Fluggesellschaft Air Baltic, der nationalen Airline Lettlands, mit Bitcoin bezahlt werden.

Lassen Sie uns zum Abschluss über ein aktuelles Problem in der Schweiz sprechen: Die Finanzmarktaufsicht (Finma) liess in Zürich temporär Bitcoin-Bankomanten schliessen. Warum?

Die Geschichte war etwas komplizierter. Das Problem ist grundsätzlich, dass Bitcoins etwas Neues sind. Die geltenden Gesetze hierzulande passen daher nicht genau auf diesen spezifischen Fall. Trotzdem muss die Finma sie anwenden, weshalb sie sich entschieden hat, den Bitcoin als Fremdwährung zu betrachten, auch wenn er das genau genommen nicht ist. Wer in der Schweiz mit Fremdwährungen handeln will, also zum Beispiel auch Wechselstuben, der muss Mitglied einer SRO für Finanzintermediäre sein. Die Abkürzung SRO stammt aus dem Englischen und steht für Self Regulatory Organisation. Wer gewerblich Bitcoins kaufen oder verkaufen möchte, muss sich einer derartigen Organisation anschliessen. Für Geschäfte, die lediglich Bitcoins akzeptieren möchten, gibt es einfachere Lösungen. Sie können einen Zahlungsabwickler wie Bitpay oder BIPS einsetzen. Bezahlt ein Kunde nun seinen Einkauf in Bitcoins, wird der Betrag dem Verkäufer umgehend in Schweizer Franken gutgeschrieben. Damit übernimmt der Zahlungsabwickler das Kursrisiko. Bitpay verrechnet dafür lediglich eine Gebühr von einem Prozent, was immer noch weniger ist als bei herkömmlichen Kreditkarten. Ich denke, es werden bald weitere innovative Lösungen entwickelt werden, die den Umgang mit Bitcoins vereinfachen. Ich werde das Thema Bitcoin weiterhin beobachten und versuchen, möglichst viele Erfahrungen mit diesem Netzwerk zu machen.

Herr Mäder, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person: Christian Mäder arbeitet als Social Media Manager. Er bloggt auf Bitcoinnews, BONZ, Westnetz, Barolino und Wellnessino und ist Vice President der World Bitcoin Association. In den Social Media findet man ihn auf Google+ oder Twitter.

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