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"Wir brauchen eine Mischung aus Wettbewerb und Zusammenarbeit"

Uhr | Aktualisiert
von George Sarpong

Im Impact Hub Zürich kooperieren Start-ups mit Grossunternehmen auf Augenhöhe. Wieso dies die Zukunft der Arbeit und Wirtschaft ist, erklären die beiden Mitgründer des Impact Hubs, Christoph Birkholz und Beat Seeliger.

Das Team von Impact Hub vor ihrem neuen Gebäude am Sihlquai 131 (Quelle: Impact Hub)
Das Team von Impact Hub vor ihrem neuen Gebäude am Sihlquai 131 (Quelle: Impact Hub)

Colab und Impact Hub Zürich haben sich im Sommer 2015 zusammengeschlossen. Wie sehen Ihre Pläne aus?

Beat Seeliger: Dieses Gebäude ist die Manifestation unserer Arbeit der vergangenen Monate. Wir wollen mit dem Impact Hub die Zukunft der Wirtschaft gestalten. Bei uns geht es darum, wertvolle Kontakte zu knüpfen und das Netzwerk zu erweitern. Aber es gibt auch im Hintergrund noch einiges zu tun. Wir müssen etwa unsere Communitys weiter zusammenführen und neue Projekte aufgleisen.

Was sind das für Projekte?

Seeliger: Wir wollen Start-ups des Colab, meist aus der IT-Welt, mit jenen des Impact Hub, die verstärktes Wissen aus den Bereichen BWL, Sozialwissenschaften und Nachhaltigkeit mitbringen, zusammenführen. Ein konkretes Beispiel ist ein Start-up, das eine Software für Kinderkrippen entwickelt und sich mit einem weiteren aus dem Bereich Education zusammengeschlossen hat. Gemeinsam haben sie das Produkt hier weiterentwickelt. Und das ist die Aufgabe dieses Ortes: Menschen zusammenzubringen.

Christoph Birkholz: Wir sind kein Immobilien­anbieter. Das unterscheidet uns von anderen Anbietern von Co-Working- und Start-up-Spaces. Wir bieten zwar Rückzugsorte wie Meeting-Räume an, aber keine fixen Büros.

Sie bieten doch aber auch fixe Arbeitsplätze an.

Birkholz: Es gibt Mitglieder, wie Grafiker oder Architekten, die grosse Pläne und Modelle bearbeiten. Für die wäre es unpraktisch, wenn sie sich jeden Tag einen neuen Schreibtisch suchen müssten. Für manche Menschen ist es wichtig, zu wissen, wo ihre Ecke ist. Schliesslich baut man über feste Plätze auch Identität auf. Die betrifft insbesondere auch Start-ups, die über die Gründungsphase der ersten Wochen hinweg sind und nun eine Team-Insel für ihre Mitarbeiter beziehen. Das eigene Büro ist aber grundsätzlich keine infrastrukturelle Notwendigkeit.

Wie wählen Sie die Personen aus, die hier ein Unternehmen aus der Taufe heben wollen?

Birkholz: Wir legen viel Wert auf Austausch. Wir wollen nicht nur billige Arbeitsplätze anbieten. Wenn die erste Frage von Bewerbern lautet, wo ihr Schreibtisch stehe, sind sie hier falsch.

Seeliger: Anfangs hatten wir ein strenges Auswahlverfahren mit Bewerbungen und Interviews. Heute reguliert sich das System­ selbst. Die Start-ups, die hierher kommen, spüren recht schnell, ob sie hier reinpassen, ob ihnen die Kultur hier gefällt oder nicht. Events hingegen, die hier am Abend stattfinden, kuratieren wir. Wir bieten Gruppen unsere Räumlichkeiten an, wenn sie einen Mehrwert für die Community bieten können. Hier selektieren wir strenger.

Wer würde nicht hineinpassen?

Seeliger: Natürlich Rüstungsunternehmen und die Tabakwirtschaft. Aber auch Unternehmen, die überhaupt nicht am Austausch interessiert sind und von ihrer Denke in der Industrialisierung stehen geblieben sind. Die passen nicht zu uns.

Birkholz: Es gibt auch Organisationen im Graubereich wie etwa die Fifa. Einige von uns fanden, dass wir mit der Fifa in Anbetracht der momentanen Skandale nichts zu tun haben wollen. Andere argumentierten, dass die Ziele der Fifa, den Sport zu fördern, gut seien. Auch wenn wir das Verhalten einiger ihrer Funktionäre offenkundig nicht unterstützen können, suchen wir grundsätzlich die Kooperation und den ­Dialog, um positive Veränderungen auch etwas unterstützen zu können.

Wie sichern Sie die Finanzierung des Impact Hub Zürich?

Seeliger: Unser Verein finanziert sich über drei Säulen. Erstens über Mitgliederbeiträge der Start-ups, Freelancer und Macher, die hier arbeiten. Zweitens kooperieren wir mit Partnern. Und drittens bieten wir Beratungsdienste wie Leadership-Trainings, Consulting in der Produktentwicklung und im Innovationsbereich an.

Birkholz: Auf diese Weise ergibt sich ein Drittel-Mix. 30 Prozent Community und Raumnutzung, 30 Prozent Dienstleistungsprogramme und 30 Prozent durch die Zusammenarbeit mit Partnern, die über Rahmenverträge für drei bis fünf Jahre Teil unserer Welt werden. Start-ups werden bei uns unter anderem durch Förderprogramme entwickelt, für die es meistens ein Partnerunternehmer und damit einen zahlenden Kunden gibt. Wenn ein grosses Unternehmen wie etwa Swisscom die besten Produkte für eine sozial-ökologische Entwicklung sucht, erstellen wir ein Programm, suchen nach den spannendsten Gründerideen und entwickeln diese Start-ups während eines Jahres weiter. Wobei wir auch für NGOs und Stiftungen offen sind. Die Zusammenarbeit mit Unternehmen zeigt, dass sie verstehen, was in Zukunft auch für sie wichtig werden wird. Etwa Arbeitsformen der Zukunft wie das Co-Working.

Wieso gehört Co-Working die Zukunft?

Birkholz: Vor 50 Jahren stieg man als junger Arbeitnehmer bei einer Firma ein und arbeitete sich hoch. Letztlich ging man in Pension, vielleicht sogar als Direktor mit eigenem Eckbüro. In Betriebsordnungen stand noch in den 1970er-Jahren, dass Mitarbeiter während der Arbeitszeit nicht miteinander zu sprechen haben. Was das für die Innovation im Unternehmen bedeutet, kann sich jeder vorstellen. Bei uns wird schon die neue Welt von Arbeit, Karriere und Organisation gelebt: Es gibt eine Infrastruktur für Menschen, die immer wieder in neuen Jobs arbeiten; mal als Angestellter, mal als Freelancer. Mitarbeiter arbeiten mal im Büro am Firmensitz, mal bei uns. Wettbewerber merken, dass sie nur in Zusammenarbeit das gesamte Ökosystem entwickeln können, um im weltweiten Vergleich wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Seeliger: Co-Working ist auch deshalb ein Trend, weil Arbeitsprozesse immer weiter digitalisiert werden. Es ist heute so einfach, ein Starbucks oder unseren Impact Hub zu besuchen, den Laptop aufzuklappen und mit der Arbeit zu beginnen. Das hat Zukunft.

Innovationsparks sind in Mode. Wie ­wollen Sie Start-ups für Ihren Standort gewinnen?

Seeliger: Hier in Zürich heben wir uns durch drei Co-Working-Spaces mit leicht unterschiedlichen Ausrichtungen von den Mitbewerbern ab – und das mitten in der Stadt. Im Raum Zürich gibt es aber sicher noch genügend Platz für alle. Das Angebot deckt die Nachfrage nicht. Anders als etwa in ­Berlin, wo inzwischen grosse Anbieter den Markt bestimmen.

Birkholz: Das kann ich nur unterstreichen. Wir tun uns mit dem Begriff Mitbewerb ohnehin schwer, da wir in Ökosystemen denken. In einem Ökosystem florieren mehrere Akteure und deswegen funktioniert es. «Ich gewinne nur dann, wenn Du verlierst», lautet so eine 20.-Jahrhundert-Wirtschaftsdenke, der wir entsagen.

Aber die Wirtschaft lebt nun einmal vom Wettbewerb.

Birkholz: Ich komme aus der Betriebswirtschaft und bin fest davon überzeugt, dass der reine Wettbewerb die Wirtschaft nicht weiterbringt. Es braucht eine Mischung aus Wettbewerb und Zusammenarbeit – wir nennen das Coopetition. Das Potenzial, das darin steckt, wenn zwei Akteure zusammenkommen, wird stark unterschätzt. Das lässt sich hier am Finanzplatz Zürich beobachten. Wenn sich eine Bank an einem Projekt beteiligt, macht meistens keine andere Bank mit. Wie will man auf diese Weise einen Standort entwickeln? Wir fördern hingegen die Kooperation. Wir wollen etwa gemeinsam mit Banken anschauen, wie man ein Finanzsystem aufbauen kann, von dem alle Menschen profitieren und nicht nur wenige. Deswegen kooperieren wir gleich mit mehreren Finanzdienstleistern, anstelle mit ihnen exklusiv zusammenzuarbeiten. Und dieser Ansatz funktioniert. Wir veranstalteten vor wenigen Wochen mit Disrupt Finance einen internationalen Fintech-Event mit führenden Unternehmen der Schweiz. Und alle Partner beteiligten sich aktiv am Event. Auf diese Weise schufen wir etwas, was bisher fast unmöglich schien: drei Banken, plus Six und Swiss­com an einen öffentlichen Tisch zu bringen.

Welchen Beitrag kann eine Institution wie der Impact Hub Zürich für die Schweizer Volkswirtschaft leisten?

Birkholz: Wenn wir die Kultur grosser Unternehmen verändern können, und sei es nur um ein paar Prozentpunkte, dann haben wir einen grossen Einfluss auf die Volkswirtschaft. Etwa wenn wir es schaffen könnten, die Time-to-Market in Unternehmen von sechs Monaten auf drei Monate zu verkürzen, weil Unternehmen agiler werden. So gesehen ist es enorm, was dieses Netzwerk und seine Infrastruktur für die Schweiz tun kann. Wenn es um die Schaffung von Arbeitsplätzen geht, können Start-ups nicht mit grossen Unternehmen mithalten. Die Start-ups dienen als wichtiger Hebel für gros­se Unternehmen, innovativer zu sein und letztlich Arbeitsplätze zu sichern.

Seeliger: Es geht auch um den Geist, der hier vorherrscht. Hier steht nicht das schnelle Geld im Zentrum. Wir wählen die Start-ups aus, die nachhaltig wirtschaften wollen. Wenn man es schafft, über eine lange Zeit viele Unternehmen anzusiedeln und langsam wachsen zu lassen, hat dies auch langfristig einen grossen Impact auf die Schweizer Volkswirtschaft.

Inwieweit ist Langfristigkeit ein Teil der Kultur von Gründern?

Birkholz: Die Diskussion über Start-ups wird oft inhaltsleer geführt. Man feiert den Börsengang, den Exit oder eine Serien-A-, -B- oder -C-Finanzierung eines Start-ups. Aber de facto heisst das, dass man einen Teil seiner Firma an Investoren verkauft – zumeist zu einem vollkommen fiktiven Wert. Wir schaffen hier eine Welt, in der es darum geht, Probleme zu lösen. Wir wollen eine Start-up-Kultur in der Schweiz prägen, die echte Inhalte, sinnvolle Lösungen und neue Technologien in den Vordergrund stellt und nicht das schnelle Geld. Dann hätten wir einen riesigen Beitrag dazu geleistet, wie über Start-ups gesprochen wird – nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit.

Seeliger: Es passt auch besser zur Schweizer Kultur, keine Schulden zu machen, organisch zu wachsen und sich langfristig zu engagieren. Es ist eine Orientierung am klassischen Familienunternehmen. Wir wollen es beim Impact Hub schaffen, allen Mitarbeitern hier einen guten Lebensstandard bieten zu können, plus das Versprechen, Teil der Zukunft der Schweizer Wirtschaft zu sein.

Mit Six und Swisscom haben Sie zwei grosse Partner im Boot. Im Gegenzug erwarten diese Ideen von den Jungunternehmen. Wie moderieren Sie die Interessen der verschiedenen Parteien?

Birkholz: Unter anderem sind Six, Swisscom, der Förderfonds Engagement Migros und Credit Suisse am Impact Hub beteiligt. Diese Unternehmen holen nicht einfach Ideen ab, sie bringen auch welche ein. Im Herbst 2015 führte Swisscom einen IoT-Hackathon im Impact Hub durch. An dem Wochenende ging es darum, gute Projekte für das Internet of Things zu entwickeln. Es ging um die Sache und nicht darum, wer wem welche Ideen absaugt.

Seeliger: Win-win steht im Vordergrund. Klar kommt ein Unternehmen hier schneller zum Erfolg. Aber ein Start-up profitiert ebenfalls davon - nicht nur monetär. Ihnen eröffnet sich ein neuer Horizont. Ein Start-up erhält hier während einer Woche Einblick in die Corporate-Welt.

Was sind Ihre Ziele für die nächsten Jahre?

Birkholz: Wir wollen die Standorte Zürich, Genf und Lausanne aus- und aufbauen – gemeinsam und nicht gegeneinander. Ausserdem wollen wir weiter Sektorgrenzen überwinden und die Kooperation fördern, etwa auch stärker mit Kunst- und Kultureinrichtungen wie der ZHdK, dem Haus Konstruktiv oder unseren Nachbarn, der Stiftung Binz39. Wir wollen für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft neue Benchmarks setzen, sodass engagierte Menschen künftig neue Wege gehen und nicht bloss traditionellen Karrierepfade beschreiten.

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