Fachbeitrag

Fliegen auf Umwegen – und wie VR und AR den richtigen Pfad weisen können

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von Nicola Schlup, Managing Director der Nexum in der Schweiz, die User Experiences konzipiert und umsetzt.

Kaum eine Woche vergeht ohne neue technische Errungenschaften im Bereich der Virtual und Augmented Reality. Neben dem ganzen Tech-Talk geht oftmals das Wesentliche unter: die sinnvolle Anwendung und der konkrete Kundennutzen. ­Dabei hat die Technologie das Potenzial, einige festgefahrene Usability-Hürden zu beseitigen und so für mehr Effek­tivität und Effizienz zu sorgen. Ein exemplarischer Blick auf die Welt der Flugreisen zeigt den Nutzen auf.

Die einfache und doch kraftvolle Möglichkeit von Augmented Reality (AR) ist es, die Wirklichkeit, die wir sehen, mit unterstützenden Visualisierungen und situativ passenden Informationen zu ergänzen. Flugverkehrslotsen sind heute von ihrem Flugtower aus auf eine Vielzahl von Bildschirmen angewiesen, die sie mit Echtzeitinformationen über an- und abfliegende Flugzeuge versorgen. Doch trotz aller Technik ist der freie Blick auf das Rollfeld und die Anflugschneise nach wie vor essenziell.

Augmented Reality kann hier die Brücke schlagen, indem die digitalen Informationen während des Blicks auf das Rollfeld jederzeit ersichtlich sind und dadurch die sogenannte «Head-up-Time» erhöht wird – also die Zeit, während der ein Lotse seinen Blick nicht nach unten auf ein Control Panel richtet. Dies mag nebensächlich klingen, kostet der Blickwechsel aus dem Fenster zum Control Panel doch lediglich Sekunden. In kritischen Momenten sind diese Sekunden im Tower jedoch entscheidend.

Happy Landing!

Der Ansatz zur Erhöhung der Head-up-Time ist in der Aviatik seit dem Zweiten Weltkrieg bekannt. Bereits in den 1970er-Jahren wurden Passagierflugzeuge mit dem sogenannten Head-up-Display (HUD) ausgestattet, nachdem die Technologie bei Militärflugzeugen für geringere Reaktionszeiten und weniger Ablenkung gesorgt hatten. Bewährt in der Luft, findet das HUD mit dem Technologiefortschritt und dank erschwinglicheren Preisen nun langsam den Weg zum Bodenpersonal. Doch was sind die Potenziale von Augmented Reality und Head-up-Displays im 21. Jahrhundert?

Ausgestattet mit der nötigen Intelligenz kann eine AR-Anwendung die situativ passenden Informationen zur Verfügung stellen und so an- und abfliegende Flugzeuge direkt in der AR-Brille mit den relevantesten Informationen ergänzen. So werden Anflugschneisen, Windeinflüsse und andere Faktoren in Echtzeit berechnet und auf den Blick aus dem Fenster projektiert. Das Bodenpersonal muss keine technisch bedingten Kompromisse mehr eingehen, sondern kann sich auf seine angedachte Aufgabe konzentrieren. So wird die bisher technisch bedingte Trennung zwischen der realen und digitalen Welt wieder ein Stück weit obsolet, und der Mensch kann sich auf seine eigent­liche Aufgabe konzentrieren.

Am Department of Industrial Engineering an der University of Bologna in Italien haben sich Studenten viele Jahre lang mit den Möglichkeiten der Augmented Reality und Head-up-Displays auf die Flugverkehrskontrolle beschäftigt. Entstanden ist ein vielversprechendes Konzept, mit dessen Hilfe Produktivität und Sicherheit in diesem hektischen und vielseitigen Umfeld gesteigert werden. Andere Branchen werden diesem Beispiel hoffentlich folgen.

Der Weg ist das Ziel – oder doch nicht?

Nicht nur das Flughafenpersonal wird durch technische Limitationen in ihrer User Experience eingeschränkt. Den Flugpassagieren ergeht es während des Check-in- und Boarding-Prozederes am Flughafen nicht besser. Oder empfinden Sie jeweils ein tiefes Bedürfnis, sich mehrere Stunden vor der eigentlichen Flugreise am Flughafen einzufinden, den richtigen Schalter für die Gepäckabgabe ausfindig zu machen, sich an der Sicherheitskontrolle anzustellen und nochmals mindestens eine halbe Stunde zu investieren, bis alle Passagiere ihr Handgepäck verstaut und ihren Sitzplatz bezogen haben?

Die omnipräsent gepredigte und für den Geschäftserfolg hochgelobte User Experience geht anders. Virtual und Augmented Reality können zumindest in Teilen ihren Beitrag zur Linderung des Übels beitragen. Dank Ihres digitalen Flugtickets liegen Ihnen bereits alle relevanten Informationen vor. An welchem Tag und um welche Uhrzeit Sie fliegen, welches Reiseziel angepeilt wird, ob Sie Gepäck mit sich führen und mit welcher Fluggesellschaft Sie unterwegs sind.

Vergessen Sie abstrakte zweidimensionale Karten, die Sie durch den Gebäudekomplex führen. Eine Augmented-Reality-Flughafen-App fungiert als interaktiver Wegweiser, berücksichtigt dabei die aktuellen Warteschlangen der unterschiedlichen Check-in-Schalter und Sicherheitskontrollen und führt Sie so schnellstmöglich zu Ihrem Gate – ganz ohne störenden Zwischenhalt am vollgepackten Departure-Display und Verzögerungen durch eine ungünstige Warteschlangenwahl. Am Gate angekommen optimiert die App dank visueller Umgebungserkennung und intelligenter Boarding-Reihenfolge den Einsteigeprozess und weist frühzeitig auf Ihren zugewiesenen Sitzplatz sowie auf freie Handgepäckflächen hin.

Und falls es Ihnen davor graust, als Smartphone-Zombie durch den Flughafen zu wandeln, greifen Sie einfach auf Ihre Augmented-Reality-Kontaktlinsen zurück. Einmal eingesetzt, ergänzen sie Ihr natür­liches Sichtfeld mit digitalen Wegweisern, ganz ohne störende Gerätschaft in der Hand.

Unrealistisch? Keineswegs. Google und Sam­sung lassen sich fleissig die unterschiedlichsten Ideen rund um smarte Kontaktlinsen patentieren, der Google-Mutterkonzern Alphabet tüftelt bereits seit einigen Jahren an einem Nachfolger von Google Glass – nur dieses Mal ohne die optisch auffällige Einschränkung. Jüngst ging das Gerücht um, dass Apple in Israel rund 1000 Mitarbeiter am nächsten grossen AR-Projekt arbeiten lässt. Und einheimische Big-Data-Firmen sind bereits heute in der Lage, rein anhand von 3-D-Kameras und WLAN-Signalen, Besucherströme zu messen und zu optimieren.

Vergangene Zeiten wiederbeleben

Erinnern Sie sich an die Zeit, als Kinder während des Flugs einen Blick ins Cockpit werfen durften? Heute unvorstellbar, war dies noch während meiner Kindheitstage das Höchste der Gefühle während einer langen und beschwerlichen Flugreise. Aufgrund der noch immer nur sporadisch vorhandenen und überteuerten WLAN-Verbindungen in Passagierflugzeugen ist die Flugzeit heute einer der wenigen Offline-Zeiten meines Lebens – und dies in einem der seltenen Momente, in denen ich Zeit für Berieselung habe. Als einziges Highlight bleibt die Verteilung von Getränken und Schokolade.

Für den Grossteil der Passagiere ist der Flug lediglich ein Mittel zum Zweck. Er führt sie an ihre Reisedestination, nicht mehr und nicht weniger. Für Tourismusunternehmen ist genau diese Flugzeit Gold wert, kennen sie doch die Reisedestination der Passagiere und könnten zu dieser Zeit ihre Beratungskompetenz spielen lassen, wenn es um den Verkauf von Zusatzleistungen wie Sightseeing-Touren oder die Vermittlung von kulturellen Gepflogenheiten geht.

Virtual-Reality-Brillen könnten während des Flugs mehrere Bedürfnisse gleichzeitig erfüllen. Für Kinder kann der Flug wieder etwas von seiner früheren Magie gewinnen, wenn sie dank eines Livestreams aus dem Cockpit das Panorama geniessen können. Und Erwachsene nutzen die Reisezeit, um die Vorfreude auf das Reiseziel nochmals zu steigern und sich ein Vor-Ort-Programm zusammenstellen zu lassen. Auch die Sicherheitsinstruktionen vor dem Start würden von diesem immersiven Erlebnis profitieren und zumindest wieder einen Teil der Passagiere mit ihrer Botschaft erreichen.

Für diese Ideen gibt es übrigens bereits Ansätze in der Praxis. Erste-Klasse-Passagiere der Fluggesellschaft Qantas kamen testweise bereits in den Genuss von Inflight-VR-Erlebnissen, die das inhaltliche Potenzial jedoch noch nicht ausschöpften. Gemäss Amadeus, einem globalen IT-Unternehmen für den Reisemarkt, wird Virtual Reality künftig einen zentralen Stellenwert für die Vorbereitung und das Antreten einer Reise haben. Gemäss dem «Try-before-you-buy-Prinzip» werden Touristikunternehmen gezwungen sein, ihrer Zielgruppe noch vor der Buchung einer Reise oder dem Kauf einer Zusatzleistung ein Dienstleistungsversprechen in Form einer VR-Vorschau zu geben.

Weniger Technologie, mehr Experience

Noch gleichen die kommerziellen Möglichkeiten von VR und AR für viele Unternehmen einem Buch mit sieben Siegeln. Dabei hilft es, sich den Kern der Technologie vor Augen zu führen. Virtual Reality kann dabei helfen, in weit entfernte oder gar fiktive Welten abzutauchen und Unmögliches möglich zu machen. Augmented Reality hingegen ergänzt die reale Welt um eine digitale Komponente, und kann so Informationen auf eine sehr natürliche Art und Weise in den Kontext setzen.

Unabhängig vom Hype um das Thema – die VR- und AR-Technologie ermöglicht ein beachtliches Spektrum an Möglichkeiten, um Inhalte und Erlebnisse näher und situativer an den Kunden zu bringen. Unternehmen sollten sich weniger um die heute noch existierenden Technologiebeschränkungen kümmern und sich stattdessen vielmehr mit den Möglichkeiten beschäftigen, wie Erlebnisse für ihre Zielgruppe greifbar werden. Denn die technologischen Hürden verschwinden schneller, als wir uns das vorstellen können.

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