Swiss Digital Transformation Award

Wie sich Swisstopo digitalisiert

Uhr

Behörden sind träge, ineffizient und kaum digitalisiert. Wirklich? Swisstopo ist genau das Gegenteil. Das Bundesamt für Landestopografie gewann den Swiss Digital Transformation Award in der Kategorie "Kleine und mittlere Organisationen". Direktor Fridolin Wicki erklärt, wie Swisstopo das schaffte.

Fridolin Wicki, Direktor des Bundesamts für Landestopografie Swisstopo
Fridolin Wicki, Direktor des Bundesamts für Landestopografie Swisstopo

Herzliche Gratulation zum Sieg beim Swiss Digital Transformation Award! Was bedeutet das für Swisstopo?

Fridolin Wicki: Erstens ist es eine Bestätigung, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Massnahmen, die durch meine Vorgänger schon vor Jahren eingeleitet wurden, waren zukunftsweisend und richtig. Mit unserer neuen Strategie bereiten wir den Weg für die Zukunft. Zweitens senden wir mit dem Sieg ein Signal nach innen. Gegenüber der Bundesverwaltung und der politischen Führung wird durch eine externe Überprüfung gezeigt, dass Swisstopo seine Aufgaben auf der Höhe der Zeit wahrnehmen kann. Drittens ist es eine Anerkennung für alle Mitarbeitenden des Amtes. Ihre tägliche Leistung wird gewürdigt. Darauf können sie stolz sein.

Rechneten Sie sich Chancen auf den Sieg aus oder war es eine Überraschung?

Ich rechnete mir persönlich infolge der sehr grossen Konkurrenz wenig Chancen aus. Somit war es eine riesige, aber umso schönere Überraschung und eine grosse Freude, als wir als Sieger ausgerufen wurden.

Laut der Universität St. Gallen sind Behörden bei der Digitalisierung nicht weit. Bei Swisstopo ist das Gegenteil der Fall. Warum?

Unser Amt ist in einem sehr technischen Umfeld tätig, das geprägt ist durch einen hohen Innovationsgrad. Laufende Entwicklungen bei der Messtechnologie und bei den IKT spornen uns an, am Puls der Zeit zu sein. Zudem werden wir immer wieder verglichen mit Entwicklungen in der Privatwirtschaft oder bei ausländischen Diensten, was uns fordert, ebenso gute Leistungen zu erbringen.

Was für Digitalisierungsinitiativen hat Swisstopo umgesetzt?

Swisstopo hat in den letzten zehn Jahren alle Produktionsprozesse digitalisiert. Wir haben heute vom Bildflug über die Datenbearbeitung, die Datenverwaltung bis zur Datenabgabe vollständig digitale Prozesse. Der einzige noch analoge Arbeitsschritt ist der Druck der Karten. Im Weiteren sind wir laufend daran, unsere historischen analogen Karten und Luftbilder zu digitalisieren und über das Internet zur Verfügung zu stellen. Ein grosser Teil ist bereits verfügbar.

Auf welche sind Sie besonders stolz?

Es sind drei Schritte, auf die ich besonders stolz bin. Einer davon ist der Aufbau des topografischen Landschaftsmodells. Mit diesem Datenbestand wird ein vollständig dreidimensionales digitales Modell unseres Landes geschaffen. Dieser Datensatz bildet die Grundlage für die Produktion der Landeskarten, aber auch die Basis für verschiedenste Anwendungen, etwa im Bereich des Gletscher­monitorings, für die Simulation von Naturgefahren oder für die Anwendung solardach.ch.

Zweitens?

Der zweite Punkt ist die digitale Produktion der Landeskarten. Sie ist ein bedeutender Schritt. Durch die automatische Generalisierung konnte die Produktionszeit massgeblich gesenkt werden. Wir sind heute – insbesondere mit der neuen Landeskarte 1:10 000 – in der Lage, sehr rasch aktuelle Kartendaten bereitzustellen. Die Flexibilität der Kartenproduktion wurde deutlich gesteigert, und wir können heute "auf Knopfdruck" massgeschneiderte Produkte bereitstellen.

Und drittens?

Unser Geoportal geo.admin.ch ist ein Meilenstein. Auf diesem Portal, das täglich über 50 000 Besucher hat, werden über 500 Datensätze von 17 Bundesämtern und teilweise von Kantonen zur Verfügung gestellt. Mit der Zeitreise ist es möglich, anhand historischer Karten die Entwicklung der Schweiz mitzuerleben. Seit Kurzem wird map.geo.admin.ch ergänzt durch einen 3-D-Viewer, der eine virtuelle Reise durch die Schweiz erlaubt. Die vielen nationalen und internationalen Preise in den Bereichen Service Public, E-Government, Cloud Computing und Open-Source-Software zeigen, dass uns hier eine besondere Entwicklung gelungen ist.

Bei der Digitalisierung geht es nicht nur um Technik, sondern auch um Menschen. Welche Herausforderungen gab es mit den Mitarbeitenden oder der Arbeit im Team?

Der Beruf des Kartografen war in der Vergangenheit ein typisches Kunsthandwerk. Mit der Digitalisierung verändert sich dieses Berufsbild radikal und der Kartograf von heute ist vermehrt ein IT-Spezialist. Dieser Wandel ist für einige unserer Mitarbeitenden nicht einfach. Ich freue mich jedoch immer wieder, wenn ich sehe, mit wie viel Herzblut und Begeisterung unsere Kartografinnen und Kartografen diese Neuerungen aufnehmen und sich laufend weiterbilden.

Wie hat die Digitalisierung die Unternehmenskultur von ­Swisstopo verändert?

Swisstopo hat sich von einem Handwerksbetrieb zu einem modernen IT-Unternehmen gewandelt. Die Amtskultur ist heute geprägt durch relativ flexible Arbeitsmodelle mit Homeoffice und durch einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigten. Zusätzlich hat sich die Ausrichtung des Amtes grundlegend verändert. Swisstopo erbringt heute sehr viel mehr Leistungen für die Bundesverwaltung.

Welche Leistungen sind das?

Wir sind Leistungsbringer für die GIS-IT innerhalb des Bundes, wir koordinieren die Tätigkeiten im geografischen Bereich, wir sind zuständig für die geologische Landesaufnahme mit Themen wie Geothermie, Georessourcen oder der Lagerung radioaktiver Abfälle und wir beaufsichtigen die Kantone im Bereich der amtlichen Vermessung. Diese Tätigkeiten haben, neben der Digitalisierung der Produktion, einen ebenso grossen Einfluss auf die Amtskultur. Diese Veränderungen haben zu einer gewissen "Akademisierung" des Amtes geführt. Heute haben über 50 Prozent der Mitarbeitenden einen Hochschulabschluss.

Swisstopos Landeskarten im Massstab 1:10 000 werden ­vollautomatisch erstellt. Wie läuft das genau ab?

In einem ersten Schritt werden die Daten aus dem topografischen Landschaftsmodell in ein digitales kartografisches Modell überführt. Anschliessend werden aus dem digitalen Höhenmodell die Höhenkurven und die Senken abgeleitet und es werden gewisse Objekte symbolisiert. Diese vektoriellen Daten werden mit den Rasterdaten des Höhenmodells und denen der Geländedarstellung (Fels, Relief, Sonnenton) der Landeskarte 1:25 000 kombiniert.

Wie wichtig ist dabei das Thema Open Data bei Swisstopo?

Gestützt auf die Open-Government-Data-Strategie des Bundesrates wäre Swisstopo gerne bereit, seine Geobasisdaten – teilweise oder vollständig – als Open Data zu veröffentlichen. Damit wäre jedoch ein erheblicher Einnahmenverlust für den Bund verbunden. Unsere Daten sind qualitativ sehr hochstehend, flächendeckend vorhanden und aktuell verfügbar. Diese hohen Standards sind aufwändig und müssen finanziert werden. Auch bei einer gebührenfreien Abgabe müsste sichergestellt sein, dass das heutige Qualitätslevel beibehalten werden kann. Grundsätzlich ist es eine politische Frage, ob der Bund diesen Einnahmenverlust durch Steuergelder decken will. Dabei ist zu beachten, dass Swisstopo bereits heute fast 50 Datensätze frei verfügbar zur Verfügung stellt und seit letztem Jahr der Datenaustausch zwischen dem Bund und bisher 18 Kantonen ohne gegenseitige Abgeltung erfolgt.

Die Schweiz hat das beste Kartenmaterial der Welt. ­Einverstanden?

Wir sind sicher an der Weltspitze mit dabei, obwohl auch andere Länder sehr gute und qualitativ hochstehende Karten produzieren können. Wir sind auch mit den neuen Landeskarten bestrebt, die hohe kartografische Qualität, für welche die Schweiz seit der Dufourkarte berühmt ist, im digitalen Zeitalter beizubehalten. Verschiedene Auszeichnungen, die wir mit der neuen Landeskarten gewinnen konnten, zeigen, dass uns dies gelungen ist.

Auch Google bietet digitale Karten an. Ist der Konzern für ­Swisstopo ein Konkurrent oder ein Partner?

Google ergänzt Swisstopo in sehr vielen Bereichen. Zudem ist es das grosse Verdienst von Google, dass das Unternehmen Geoinformationen "populär" gemacht hat und ein Grossteil der Bevölkerung heute geografische Daten regelmäs­sig nutzt. Von dieser breiten Nutzung profitiert auch Swisstopo.

Ihr Kartenmaterial braucht wohl riesige Mengen an ­Speicherplatz. Wie viele Terabyte oder Petabyte nutzt Swiss­topo? Und wo liegen all die Daten?

Unser Datenbestand umfasst rund 1,8 Petabyte. Die jährliche Zunahme beträgt aktuell rund 180 Terabyte. Die grössten Datenmengen ergeben sich durch die digitalen Luftbilder und die daraus resultierenden Produkte wie etwa die Orthofotos. Unsere Daten liegen in Wabern bei Swisstopo und an einem zweiten Standort ausserhalb unseres Hauses.

Swisstopo verwendet auch die Cloud. Wofür?

Die Cloud nutzen wir, um performante und skalierbare Dienste anzubieten – insbesondere auf unserer Plattform map.geo.admin.ch. Ohne diese Lösungen wären wir nicht in der Lage, Spitzenzugriffe, wie sie beispielsweise nach Medienberichten regelmässig auftreten, abfangen zu können.

Welche Kollaborationstools setzt Swisstopo ein?

Mit Confluence betreiben wir ein Tool, in dem kleine Teams oder ganze Bereiche von Swisstopo Wissen und Erfahrungen ablegen und austauschen können. Für die Softwareentwicklung setzen wir Jira ein. Dieses Jahr wird auch bei Swisstopo die Festnetztelefonie abgelöst, sodass wir in Zukunft Instant Messaging, Video-/Audiokonferenzen und Desktop- beziehungsweise Applicationsharing nutzen können. Für die Zusammenarbeit mit externen Partnern kommt bei Bedarf eine Sharepoint-Lösung zum Einsatz, die durch das BIT angeboten wird.

Welche weiteren Digitalisierungsinitiativen sind geplant?

Momentan setzen wir uns sehr stark mit den Bedürfnissen des Nutzers der Zukunft auseinander. Wir sind uns bewusst, dass die heutigen Jugendlichen Informationen nicht mehr so nutzen und konsumieren, wie wir dies aus der Vergangenheit gewohnt sind. Somit gilt es, unsere bestehenden Daten und Produkte in eine Form zu bringen, dass sie auch in Zukunft den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht werden. Zu erwähnen sind hier beispielsweise die Bereitstellung gewisser Daten als Linked Data, deren Verwendung in Augmented- oder Virtual-Reality-Anwendungen oder die Steigerung der Aktualität unserer Daten.

Zur Person

Fridolin Wicki, geboren 1964, studierte Vermessungsinge­nieur an der ETH Zürich und erwarb das Patent als Inge­nieur-Geometer. 1998 promovierte er zum Doktor der technischen Wissenschaften, 2013 schloss er ein Zusatzstudium als Executive Master in Public Administration ab. Von 1992 bis 2000 war Wicki stellvertretender Kantonsgeometer des Kantons Aargau. 2000 wechselte er zu Swisstopo, wo er ab 2006 die Eidgenössische Vermessungsdirektion leitete. Seit 2014 ist Wicki ­Direktor von Swisstopo.

Über Swisstopo

Das Bundesamt für Landes­topografie vermisst die Schweiz. Es ­produziert raumbezogene Daten zu Landschaft und Untergrund. ­Wichtige Produkte sind Landschafts- und Höhenmodelle, Luftbilder, Orthofotos, geologische Daten und Karten, Referenzdaten und die bekannten Landeskarten. Swisstopo koordiniert auf Bundesstufe Geoinformation und Geologie und hat die Oberaufsicht über die amtliche Vermessung sowie den Kataster der öffentlich-rechtlichen Eigentums­beschränkungen. Zusammen mit Kantonen, Gemeinden und der Privatwirtschaft ­koordiniert Swisstopo die Harmonisierung der ­schweizerischen Geodaten. www.swisstopo.ch

Webcode
DPF8_38135

Kommentare

« Mehr