800 Seiten mit intimen Daten

Was Tinder alles über die User weiss

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von Thomas Häusermann, Leiter Online Werbewoche

Judith Duportail verlangte von Tinder die Herausgabe ihrer Daten – weil das ihr Recht ist. Die 800 Seiten, die sie erhielt, geben einen Einblick in die heutige Datenrealität.

(Source: AVAVA / Fotolia.com)
(Source: AVAVA / Fotolia.com)

Das EU-Datenschutzgesetz erlaubt den Europäern die Dateneinsicht, wenn irgendwo Daten über sie gesammelt werden. Die Autorin Judith Duportail machte von ihrem Recht Gebrauch und schilderte in der Zeitung The Guardian, was sie von der Dating-App Tinder als Antwort erhielt. Sie nutzt die App seit 2013, hat sie seither 920 mal geöffnet und hatte dabei 870 Matches mit potentiellen Partnern.

Duportail erhielt von Tinder 800 Seiten mit Daten über sie. Darauf zu finden waren unter anderem auch ihre Facebook-Likes und ihre Instagram-Fotos, obwohl sie das entsprechende Profil längst gelöscht hatte. Ihr Bildungsgrad, ihr "Beuteschema" beim anderen Geschlecht, wann sie wo wie oft online war. Und natürlich alle 1700 Tinder-Messages, die sie versendet hatte – mit allen intimen Details.

Olivier Keyes, ein Datenwissenschaftler an der Universität Washington, warnt nüchtern: "Jede App, die Sie auf dem Smartphone regelmässig benutzen, besitzt die selbe Art von Daten." Facebook zum Beispiel hätte tausende von Seiten persönlicher Daten.

Dass ein Unternehmen Daten sammelt, ist das eine. Dass diese an andere Unternehmen verkauft oder im schlimmsten Fall durch Hacker gestohlen und für jedermann zugänglich gemacht werden können, das andere. So steht denn auch in den Tinder-Datenschutzklausel: "Erwarten Sie nicht, dass Ihre persönlichen Daten für immer sicher sind."

Offiziell sammelt Tinder – so ein Sprecher gegenüber der Autorin – die Daten, um das User-Erlebnis zu perfektionieren. Also den Flirt-Willigen möglichst passende, personalisierte Kandidatinnen und Kandidaten zu präsentieren. Wie genau das Matchen funktioniert, behält Tinder für sich.

Paul-Olivier Dehaye, ein Privatsphären-Aktivist, sieht das Beispiel Tinder nur als "Spitze des Eisbergs". Die persönlichen und intimen Daten würden nämlich nicht nur bestimmen, wen einem Tinder als nächstes vorschlägt, sondern auch, auf welche Job-Angebote man auf Linkedin Zugriff habe, wie viel man für die Autoversicherung bezahle, welche Werbung man vorgespielt bekomme und ob man einen Kredit bekomme.

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