Neues Rechenzentrum in Luzern

Vom Kalten Krieg in die Cloud

Uhr | Aktualisiert

EWL hat Besucher zum Rundgang durch sein künftiges Rechenzentrum namens "RZ Stollen" geladen. Wo im Kalten Krieg die Luzerner im Notfall Schutz gesucht hätten, sollen bald Bits und Bytes fliessen. Die Redaktion wagte sich in den Bunker.

Wo heute noch Betten stehen, sollen bald Racks die Wände säumen. (Source: Netzmedien)
Wo heute noch Betten stehen, sollen bald Racks die Wände säumen. (Source: Netzmedien)

In der Stadt Luzern, direkt am Ufer des Vierwaldstättersees, liegt die Halbinsel Tribschen. Hier fand einst Richard Wagner Zuflucht, hier vergnügen sich bei schönem Wetter die Luzerner und insbesondere die Schüler der nahe gelegenen Kantonsschule Alpenquai. Was dem Auge in der Frühlingssonne verborgen bleibt: Tief unter den Parks und Wiesen der Halbinsel befindet sich ein riesiger Bunker.

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Geplant mitten im Kalten Krieg und vor 50 Jahren eröffnet, gibt es zu seinem ursprünglichen Zweck unterschiedliche Angaben. Womöglich sollte er im Kriegs- oder Katastrophenfall bis zu 1600 Schülern Schutz bieten. Vielleicht wurde die Anlage aber auch gebaut, um die kantonale Verwaltung und das Personal der Landesversorgung zu beherbergen.

Würden sich Computer über gute Aussicht freuen, sie wären mit dem Standort des neuen EWL-Rechenzentrums wohl zufrieden. (Source: Netzmedien)

Der Kalte Krieg ist – so ist zu hoffen – Geschichte. Luzern hat für den Zivilschutz-Bunker deshalb nach einer neuen Verwendung gesucht und sie in der IT gefunden. Das Stadtwerk Energie Wasser Luzern (EWL) baut hier ein Rechenzentrum. Auf 1700 Quadratmetern sollen unter Tribschen dereinst bis zu 529 Racks stehen. Sicher und gut versorgt, wie es in einer Broschüre von EWL heisst.

Martin Erny, in der EWL-Geschäftsleitung zuständig für Informations- und Kommunikationstechnologie. (Source: Netzmedien)

Stadtversorger macht IT

Warum das Luzerner Stadtwerk das Rechenzentrum im Bunker baut, erklärte Martin Erny, in der EWL-Geschäftsleitung für die IT zuständig, anlässlich einer Führung für Medien und potentielle Kunden. EWL versorge Luzern seit 1875 mit Gas, Wasser, Wärme, Elektrizität und IT-Services, seit 2001 als privatrechtliches Unternehmen. Mit rund 32 Millionen Franken Gewinn und 288 Mitarbeitern sei die Firma gut aufgestellt, sagte Erny. Trotzdem werde EWL durch den zunehmenden Wettbewerb gefordert, sich weiter zu entwickeln und neue Geschäftsfelder zu erschliessen.

Projektleiter Christian Giddey führte durch den Bunker. (Source: Netzmedien)

EWL ist beim Thema IT bereits in verschiedenen Bereichen aktiv. Das Unternehmen bietet laut Erny Glasfaser, Public-WLAN und ein LoRaWAN-Netz an. Zudem habe man Erfahrung mit der Haltung und Bereitstellung von Daten in Rechenzentren. 2012 sei EWL dann "per Zufall" auf den Bunker am See gestossen und habe sich zum Start des Projekts "RZ Stollen" entschlossen. Die Planung erwies sich als zeitraubend. Bis Baubewilligungen eingeholt und dem Naturschutz Genüge getan war, strichen vier Jahre ins Land.

Der Eingangs-Stollen. (Source: Netzmedien)

Das habe auch mit der Idee hinter dem "RZ Stollen" zu tun, sagte Erny. EWL habe sich die Frage gestellt: "Was müssen wir anders machen, um ein Rechenzentrum nicht für nur heute, sondern auch für Übermorgen zu bauen?" Zwei Antworten habe EWL dafür gefunden.

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Bei Stromausfall gibt es frisches Bergquellwasser vom Pilatus

Die erste besteht in der Kühlung des Rechenzentrums. EWL will dafür Wasser aus dem Vierwaldstättersee verwenden. Aus 40 Metern Tiefe soll es dereinst in den Bunker gepumpt werden. Das Wasser habe stets eine Temperatur von rund 6 Grad und sei zudem fast frei von Muschellarven, die das System verstopfen könnten, sagte Projektleiter Christian Giddey.

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Nachdem es die Hardware auf Betriebstemperatur gekühlt hat, werde das Wasser in das Fernwärmenetz der Stadt eingespeist. Sollte das System einmal wegen Strommangels ausfallen, sei zudem geplant, Quellwasser vom Pilatus zu verwenden. Dieses fliesse auch ohne Pumpen zu den Servern.

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Das zweite Alleinstellungsmerkmal des "RZ Stollen" sei die Sicherheit. Diese werde schon alleine durch die dicken Stahlbetonmauern des Bunkers gewährleistet. Dazu komme eine zuverlässige Versorgung mit Strom und Daten. Ebenfalls wichtig ist laut Erny, dass EWL als Stadtversorger und Eigentümer einen langfristigen Betrieb gewährleisten und weiter in das Rechenzentrum investieren kann.

Christian Giddey zeigte Vergangenheit und Zukunft des Bunkers. (Source: Netzmedien)

Datacenter im Stollen

EWL will aus dem neuen Rechenzentrum drei Lösungen anbieten, die sich jeweils an Kunden verschiedener Grösse richten, wie Erny sagte. "High Density" packe durchschnittlich 10 Kilowatt in 30 Racks mit je 54 Units. "Standard Density" komme mit 45 Units pro Rack. Beim "Modularen Data Center" könnten Kunden auf 8 Racks mit je 45 Units zurückgreifen. Das bedeute, dass sich mehrere Kunden eine "Tube" teilen.

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Die Struktur des Angebots hängt gemäss Angaben von EWL mit dem Aufbau des Bunkers zusammen. Dieser besteht aus sechs parallelen Hauptstollen (Tubes), die jeweils bis zu 200 Quadratmeter IT-Nutzfläche bieten sollen. Dazu kämen acht sogenannte "Private Rooms", die zwischen 50 und 100 Quadratmeter umfassen.

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Das im Bunker künftig Server surren und Daten zirkulieren sollen, lässt sich heute noch nicht erahnen. Der Eingang des "RZ Stollen" liegt unscheinbar hinter den Sportplätzen der Kanti. EWL werde ihn für die Zufahrt mit Lieferwagen ausbauen. 40 Millionen Franken wolle das Unternehmen in den Umbau zum Rechenzentrum stecken.

Die ehemalige Küche der Anlage. (Source: Netzmedien)

Der Eingang liegt zwar nur wenige Meter vom Seeufer entfernt, Sorgen um einen Wassereinbruch müsse man sich aber nicht machen, sagte Giddey. Das Hochwasser von 2005 habe den Bunker nicht tangiert. Höchstens ein Tsunami könne zur Gefahr werden. Einen Solchen habe es aber im Vierwaldstättersee seit 1601 nicht mehr gegeben.

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Betten sollen Racks Platz machen

Vom Eingang gelangen die Besucher in einen Gang, der an ein Bergwerk erinnert. Erst nach einigen Schritten und Biegungen stehen sie vor einer dicken Stahltür, die einigen wohl aus Militär- und Zivilschutz-Tagen bekannt vorkommen dürfte. Dahinter liegt ein Vorraum, aus dem weitere Gänge abzweigen. Eine Tür mit Aufschrift "Entgiftung" gibt Hinweise auf das Szenario, das beim Bau des Bunkers im Vordergrund stand.

Der alte Eingang des Bunkers soll ausgebaut werden. (Source: Netzmedien)

Die Hauptstollen selbst sind 40 Meter lang und 5,5 Meter breit. Sie erinnern mit ihren Betonwänden und Deckenlampen an Strassentunnel. In einigen Stollen stehen noch Reihen von Doppelstockbetten. Die Luft ist kalt und feucht; sie riecht nach Keller. Die Vorstellung, hier mit hunderten von Menschen eingepfercht zu sein, während draussen der Weltkrieg tobt, löst bei den Besuchern Unbehagen aus. Dass der ehemalige Bunker als Rechenzentrum von EWL ein zweites Leben erhält, wirkt da geradezu beruhigend.

Der Bunker liegt direkt neben der Kanti Alpenquai. (Source: Netzmedien)

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DPF8_90379

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