Nachgefragt

Warum Novartis eine App entwickelt und dabei auf Open Source setzt

Uhr | Aktualisiert

Novartis hat Focalview entwickelt, eine App zur Überwachung von Augenkrankheiten. Im Interview erklärt Dirk Sauer, Global Development Unit Head Ophthalmology, was es damit auf sich hat und weshalb das Unternehmen bei der Entwicklung auf Open Source von Apple setzte.

Dirk Sauer, Global Development Unit Head Ophthalmology, Novartis. (Source: Novartis)
Dirk Sauer, Global Development Unit Head Ophthalmology, Novartis. (Source: Novartis)

Warum beschäftigt sich Novartis als Pharmaunternehmen mit Apps für die Überwachung von Augenkrankheiten?

Dirk Sauer: Weltweit sind rund 252,6 Millionen Menschen von Blindheit und mittelschweren bis schweren Sehbehinderungen betroffen. Die Datenerfassung in traditionellen klinischen Ophtalmologiestudien ist derzeit oft unflexibel und erfolgt zu selten, sodass es für die Forscher schwierig ist, den Krankheitsverlauf von Patienten effektiv zu überwachen und reale Patientenerfahrungen zu erfassen. Focalview will Nutzern helfen, verschiedene Beurteilungen durchzuführen und Feedback zu ihrer Sehkraft und dazu zu erhalten, wie sich diese im Laufe der Zeit verändert. Gleichzeitig könnte die App Forschern mehr reale, von Patienten weitergegebene Daten zur Verfügung stellen und dadurch flexiblere und leichter zugängliche klinische Studiendesigns ermöglichen.

 

In wieweit sind solche Apps für Sie ein Anfang für den Aufbau eines neuen Geschäftszweigs in der App- /Software-Industrie?

Klinische Studien sind wichtig für die Entwicklung innovativer Medikamente und Geräte zur Behandlung und Prävention von Krankheiten. Derzeit beschränken sich die im Rahmen klinischer Studien erhobenen Daten hauptsächlich auf Endpunkte, die in der Klinik durch die Arzt-Patient-Interaktion erhoben werden. Durch die Anpassung des Designs klinischer Studien an den Alltag der Patienten kann die digitale Technologie zum Abbau von Teilnahmehindernissen beitragen den Forschern mehr reale, von Patienten weitergegebene Daten zur Verfügung stellen.

 

Und hier kann eine App helfen?

Digitale Technologien und Informatik haben ein unglaubliches Potenzial und können die nächste Runde der medizinischen Innovation einläuten. Bei Novartis sind wir davon überzeugt, dass Daten und Digitalisierung der Schlüssel zur Zukunft des Unternehmens sind. Novartis ist bestens gerüstet, die digitale Revolution im Pharmabereich anzuführen, indem wir Technologien in alle Aspekte des Forschungs- und Entwicklungsansatzes integrieren und uns als "Arzneimittel- und Informatikunternehmen" neu definieren.

 

Warum wählten Sie das Apple Reseachkit für die App?

FocalView kann der Ophthalmologie und den Forschern, die bessere Behandlungsmöglichkeiten für Patienten entwickeln wollen, einen enormen Nutzen bieten. Die App wurde bewusst auf einer Open-Source-Plattform entwickelt, um der weltweiten Forschergemeinschaft deren Einsatz in klinischen Ophtalmologiestudien zu erleichtern und die auf Patientendaten basierenden Ergebnisprotokolle zu minimalen Kosten zu optimieren.

 

Was sind Ihre Erfahrungen mit dem Kit bisher?

Wir haben Focalview gerade erst lanciert und werden in enger Zusammenarbeit mit der medizinischen Forschung an der Validierung der generierten Daten arbeiten. Das Feedback der Wissenschaftler ist bisher positiv.

 

Parmaunternehmen sind nicht gerade für den Einsatz von Open Source bekannt. War es für Sie ein grosser Schritt in die Open Source Community?

Die Zusammenarbeit mit Technologieunternehmen ist ein wesentlicher Bestandteil unseres digitalen Ansatzes und unseres Strebens nach Innovation. Wir sehen grosses Potenzial dafür, dass neue digitale Technologien in der Forschung und Entwicklung den Fortschritt vorantreiben und klinische Studien dadurch effizienter, kostengünstiger und patientenfreundlicher werden.

 

Welche Partner waren in das App-Projekt involviert?

Die App wurde von Novartis entwickelt und verwendet Researchkit. Sie arbeitet auch nahtlos mit Healthkit zusammen und ermöglicht den Zugriff auf andere Daten, die das iPhone sammelt, wie zum Beispiel tägliche Schrittzählungen. Entwickelt wurde die App von Thread Research.

 

Wie ist das Feedback der Nutzer?

Wir werden in den kommenden Monaten Feedback aus der englischsprachigen Ärzteschaft sammeln, um die Nutzung zu bewerten und zu verbessern. Im Allgemeinen unterstützen Mediziner, die Menschen mit Sehbehinderungen betreuen, die Suche nach neuen und verbesserten Möglichkeiten zur Behandlung dieser Erkrankungen. Die Forschung ist ein wichtiger Teil dieses Prozesses.

 

Wie brachten Sie das Feedback in die Weiterentwicklung ein?

FocalView wurde im Februar 2018 lanciert. Kurz- bis mittelfristig geht es darum, den Bekanntheitsgrad der App zu steigern, indem Menschen mit Sehbehinderungen dazu ermutigt werden, diese herunterzuladen und zu nutzen. Die Forscher bewerten dann die Benutzerfreundlichkeit, die Teilnehmerzahlen und die Möglichkeit, wichtige Unterlagen für die künftige klinische Studienforschung – zum Beispiel Einverständniserklärungen – zu erhalten. In der nächsten Phase wird es bei dieser App darum gehen, die gesammelten Daten anhand der Standard-Sehtests zu validieren, die im klinischen Umfeld durchgeführt werden.

 

Wissen Sie schon, wann und mit welchen Partnern Sie die App in der Schweiz testen wollen?

Die App ist derzeit in den USA verfügbar. In Zukunft sollen weitere Länder und Sprachen hinzukommen.

 

Was sind Ihre weiteren Pläne mit der App?

Focalview wird aktuell in einer prospektiven, nichtinterventionellen Studie getestet, um die Wirksamkeit und Benutzerfreundlichkeit der App bei der Beurteilung der Sehkraft zu bewerten. Bei diesen Messungen werden Sehschärfe und Kontrastempfindlichkeit ermittelt. Die Forscher bewerten dann die Benutzerfreundlichkeit, die Teilnehmerzahlen und die Möglichkeit, wichtige Unterlagen für die künftige klinische Studienforschung – zum Beispiel Einverständniserklärungen – zu erhalten. In der darauffolgenden Phase wird die App anhand von traditionellen Sehtests validiert, wie sie in konventionellen klinischen Umgebungen durchgeführt werden.

Webcode
DPF8_108222

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