Interview mit Heinz Brand, Bündner SVP-Nationalrat und Präsident des Krankenkassen-Verbands Santésuisse

"Unser Gesundheitswesen hinkt im internationalen Vergleich hinterher"

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Das Schweizer Gesundheitswesen ist noch längst nicht so digital, wie es sein könnte, sagt Heinz Brand, Bündner SVP-Nationalrat und Präsident des Krankenkassen-Verbands Santésuisse. Woran das liegt und wie man es ändern könnte, verrät er im Interview.

Heinz Brand, Bündner SVP-Nationalrat und Präsident des Krankenkassen-Verbands Santésuisse. (Source: stahlphoto.ch)
Heinz Brand, Bündner SVP-Nationalrat und Präsident des Krankenkassen-Verbands Santésuisse. (Source: stahlphoto.ch)

Was bedeutet E-Health für Sie persönlich?

Heinz Brand: Dass ich als Bürger und Patient kein Papier mehr zusammensuchen muss, dass ich alles digital einsehen und erledigen kann – und vor allem, dass alle wichtigen Daten rasch und verlässlich abrufbar sind, wenn es sie braucht.

Ist all dies bereits Realität?

Nein, das ist alles überhaupt noch nicht so. Wenn Sie heute zum Arzt gehen, müssen Sie immer wieder alles durchbuchstabieren. Sie müssen Ihre Röntgenbilder, MRI-Bilder und so weiter in einem portablen Format mitnehmen. Da sind wir noch weit von E-Health entfernt.

Und was bedeutet E-Health für Santésuisse als Verband der Schweizer Krankenversicherer?

Die Vorteile der Digitalisierung müssen konsequent genutzt werden. Diese Vorteile betreffen vor allem die Qualität und die Effizienz. Eine Studie hat letztes Jahr für Deutschland ein Effizienzpotenzial von 12 Prozent ausgerechnet. Auch wenn es bei uns möglicherweise tiefer ist: Das Potenzial ist jedenfalls gross. Vor dem Hintergrund der anstehenden Kostenschübe durch die demografische Alterung, den medizinischen Fortschritt und die Sonderwünsche, die gerade aktuell wieder auf dem Tisch liegen, müssen solche Einsparungen unbedingt realisiert werden. Sie würden sogar noch Qualitätsfortschritte bringen.

Was sind denn die Vorteile der Digitalisierung?

Es gibt zwei entscheidende Vorteile. Der eine ist die Verfügbarkeit von Gesundheitsdaten, die für alle Mitbehandelnden relevant sind. Das ist ein medizinischer Vorteil. Der andere ist der Abbau von Aufwand bei den Kassen und den Leistungserbringern. Das ist ein administrativer Vorteil. Beide sollten Effizienz und Qualität im Gesundheitswesen steigern.

Was kann digitale Technik sonst noch leisten?

Für die Qualität von Diagnose und Behandlung birgt Digitalisierung grosses Potenzial. Beispielsweise ist die Maschine in der Radiologie deutlich genauer und schneller als das menschliche Auge. Andere Länder nutzen das bereits, zum Beispiel die USA. Auch wer eine genetische Analyse will, benötigt sehr grosse Rechenleistungen. Dies im Sinne einer individualisierten Diagnostik und Behandlung, Stichwort personalisierte Medizin. Mit Wearables und mobilen Applikationen kommt die Forschung weiter, zudem lassen sich Diagnosen viel genauer und schneller erstellen.

Wo stehen Schweizer Krankenversicherungen ­heute beim Thema Digitalisierung?

Die Krankenversicherer investieren laufend in die Digitalisierung. Ich denke an die Kontrolle von rund 120 Millionen Rechnungsbelegen pro Jahr. Da braucht es weitgehend automatisierte IT-Prozesse. Dank der guten Rechnungskontrolle, die zu einem guten Teil durch IT-Programme vorgenommen wird, werden fehlerhafte Rechnungen viel schneller und besser erkannt als früher. So sparen die Prämienzahler jährlich 3 Milliarden Franken.

Wo profitieren die Krankenversicherungen am meisten von E-Health?

Wenn nicht jeder Arzt und jedes Spital alle Daten wieder von Neuem erheben oder physisch herumschicken muss, werden viele unnötige, oft belastende Untersuchungen und Fehler vermieden. Funktioniert das alles digital, können wir einiges an Kosten, Aufregung und Leid vermeiden.

Warum funktioniert das heute denn noch nicht ­digital?

Diese Frage müssen Sie den Leistungserbringern stellen. Wir haben heute zu viele Leistungserbringer, die noch nicht in der Lage sind, ihre Abrechnungen und sonstige Informationen in einem standardisierten, für einen Austausch geeigneten Format bereitzustellen. Es gibt zu viele nicht kompatible Insellösungen und auch keinen zentralen Speicher.

Die Digitalisierung verspricht mehr Effizienz und tiefere Kosten. Was braucht es, damit sich solche Hoffnungen erfüllen?

Dass man da endlich vorwärtsmacht. Dänemark ist uns gut 15 Jahre voraus; viele ost- und nordeuropäische Staaten sind viel weiter als unsere Ärzte, von denen noch die Hälfte die Patientengeschichte aufs Papier kritzelt. Die Dänen würden nie mehr umkehren wollen, weil die Vorteile der Digitalisierung einfach zu gross sind. Selbst ein möglicher Datenskandal könnte diesen Benefit nicht mehr infrage stellen, betonen sie. Bei uns wurde der Einsatz des elektronischen Patientendossiers wegen der Obstruktion der Ärztelobby beim damaligen Gesetzesprozess so verwässert, dass derzeit kein Nutzen für die Allgemeinheit zu erkennen ist. Das ist nicht im Sinne der Patienten und der Prämienzahler.

Warum blockieren die Ärzte?

Eine gewisse Ärztegeneration ist der Meinung, sie könne so weiterarbeiten wie bisher. Sie wollen die Hoheit über die Patientendaten behalten und sich keinen Vorgaben über Datenerhebung und -speicherung unterwerfen. Jüngere Ärzte sind solchen Fragen gegenüber deutlich offener. Die sind auch bereit, beim Datenaustausch kooperativer mitzuwirken.

Was muss die Politik in puncto E-Health tun?

Im Zentrum muss immer das Interesse des Patienten stehen. Der Patient soll selbst entscheiden können, welche Daten wem weitergegeben werden. Weiter muss gewährleistet werden, dass die digitalen Daten strukturiert und standardisiert zur Verfügung stehen und auch entsprechend übermittelt ­werden können. Künftig sollen aber keine neuen Ärzte zugelassen werden, die das elektronische Patientendossier nicht an­bieten.

Was würden Sie beim Thema E-Health gerne ­machen, dürfen es aber nicht?

Zum einen sollte das elektronische Patientendossier von allen anerkannten Leistungserbringern flächendeckend angeboten werden müssen. Nur so ist es möglich, dass den Patienten die Daten mit geeigneten Apps jederzeit zur Verfügung stehen. Insbesondere in Notfällen ist das unabdingbar.

2020 soll das elektronische Patientendossier starten. Ist das Schweizer Gesundheitswesen auf Kurs?

Wie gesagt, ist unserer Gesundheitswesen in grossem Rückstand gegenüber anderen Staaten. Wichtige Effizienzgewinne werden so leider nicht realisiert werden können. Das ist nicht im Interesse der Prämienzahler und Patienten.

Warum ist die Schweiz so stark im Rückstand?

Einerseits liegt das am angesprochenen Generationenproblem bei den Ärzten. Andererseits spielt unser sehr dezentrales Gesundheitswesen eine Rolle. Wir haben keine staatliche Gesundheitsversorgung, bei der alles top-down geregelt ist. Wir haben 26 Gärten, und die müssen irgendwie miteinander verbunden werden. Die lassen sich auch nicht so einfach auf einen Nenner bringen. In jedem Kanton gibt es andere digitale Welten, andere Rahmenbedingungen und andere Lösungen in den Spitälern.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir haben vor fast 20 Jahren im Kanton Graubünden versucht, alle Spitäler in ein Netz zu bringen – und sind kläglich gescheitert. In anderen Kantonen gibt es dagegen solche Lösungen. Deshalb ist es enorm schwierig, in der Schweiz ein System für alle aufzubauen. Staaten mit mehr Zentralisierung stehen nicht vor solchen Hindernissen.

Würden Sie also mehr Zentralisierung im Schweizer Gesundheitswesen begrüssen?

Nicht unbedingt Zentralisierung, aber sicher eine stärkere Regionalisierung, als wir sie heute haben. Die Mehrfachrolle der Kantone, die einfach viel zu wenig zusammenarbeiten, ist eines der grossen Probleme im digitalen Gesundheitswesen – und in anderen Bereichen.

Sehen Sie das Projekt EPD in Gefahr?

Es ist nicht in Gefahr, aber das Projekt hinkt den Erwartungen weit hinterher, sowohl inhaltlich als auch zeitlich. Bereits jetzt wurden ja verschiedene Verspätungen und Schwierigkeiten bekannt. Ich bin nicht sehr optimistisch, dass das EPD planmässig zum Fliegen kommt.

Welchen Beitrag leisten Sie, damit das EPD ein ­Erfolg wird?

Als Politiker unterstütze ich alle sinnvollen Massnahmen, die das elektronische Patientendossier flächendeckend und umfassend ermöglichen und für eine sichere Anwendung sorgen.

Krankenkassen setzen auf Apps, die den Gesundheitszustand überwachen. Kritiker sagen, damit würden Nutzerdaten gesammelt und das Solidaritätsprinzip untergraben. Wie stehen Sie dazu?

Solange die Lösungen freiwillig sind, sollte man unsere Bürgerinnen und Bürger nicht bevormunden, was sie tun und lassen sollen. Und eines muss man einfach sehen: Die Sammlung von Gesundheitsdaten kann letztlich auch zu einer Optimierung des Versicherungsangebots führen. Diese Chance sollten wir nutzen.

Wie wollen Sie auf diese Kritik reagieren?

Bei freiwilligen Lösungen ist die Kritik unbegründet – man muss somit auch nicht darauf reagieren.

Was wünschen sich die Krankenversicherungen von der Digitalisierung?

In erster Linie geht es um den digitalen Datenaustausch zwischen den Krankenversicherern und Leistungserbringern. Weiter muss die möglichst flächendeckende Anwendung des elektronischen Patientendossiers unser Ziel sein. In beiden Fällen hilft dies, effizienter zu wirtschaften sowie Fehler und überflüssige Behandlungen zu vermeiden. Dies ist im Interesse der Prämien- und Steuerzahler, also der Bevölkerung.

Angenommen, die Krankenversicherungen könnten jedes Digitalisierungsprojekt umsetzen, was würden Sie machen?

Ich würde jeder versicherten Person eine elektronische, persönliche Versichertenkarte anbieten, auf der alle nötigen Informationen vorhanden sind.

Was sind die nächsten Schritte von Santésuisse auf dem Weg zum digitalen Gesundheitswesen?

In der Fachgruppe "Administrationsprozesse Gesundheitswesen" arbeitet die Santésuisse-Gruppe federführend am Ziel mit, eine effiziente, fehlerfreie und weitgehend automatisierte Abwicklung des elektronischen Informations- und Datenaustausches zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern des Schweizerischen Gesundheitswesens zu etablieren.

Wie wollen Sie das bewerkstelligen?

Der neue Kommunikationsstandard "SHIP" soll einen vollständig digitalen Informations- und Datenaustausch zwischen den Leistungserbringern und Kostenträgern des schweizerischen Gesundheitswesens entlang eines definierten Prozesses unter höchsten Sicherheitsstandards ermöglichen. Es geht darum, die Transparenz, Datenqualität und Abwicklungseffizienz bei allen Beteiligten markant zu erhöhen. SHIP soll die heutigen manuellen Prozesse mit Fax, Postverkehr, Telefon oder E-Mail ablösen und so erhebliche Kosten einsparen. Das Projekt macht gute Fortschritte. Wir sind zuversichtlich.

Welche Interessen stehen für Sie an erster Stelle: Jene von Patienten, Krankenversicherungen oder Leistungserbringern?

Es geht vor allem um die Patienten sowie die Prämien- und Steuerzahler. Aber auch die Leistungserbringer würden profitieren. Über die ganze Behandlungskette müssen die relevanten Daten zur Verfügung stehen. Das macht das Leben für alle einfacher – und günstiger. So könnten künftig alle Ärzte auf die Röntgenbilder, die Arztberichte, die Untersuchungsergebnisse – auf die gesamte Krankengeschichte – zurückgreifen.

Wie könnte sich das Geschäftsmodell der Krankenversicherungen durch die digitale Transformation verändern?

Es wird noch viel mehr digitalisiert werden. Und: Vielleicht gibt es bald schon innovative Anbieter, die nur noch auf digitale Lösungen setzen. Ganz ersetzen lässt sich der Mensch aber zum Glück nicht. Sobald es etwa um komplexe Fallbeurteilungen geht, sind Datenauswertungen per Computer zwar ein grosser Vorteil, entscheiden müssen aber immer die Menschen. Dafür brauchen wir noch lange qualifizierte Mitarbeiter.

Wo liegen die grössten Hürden des EPD?

Die Effizienz wird eng mit der Verbreitung zusammenhängen. Diese Verbreitung dürfte in der Schweiz immer noch ungenügend sein – qualitativ und quantitativ. Es braucht entsprechend strukturierte und standardisierte Prozesse und Daten.

Welche Anforderungen haben die Krankenversicherungen an das EPD?

Die Krankenversicherer sind nicht Teil der EPD-Anwender-Community. Das EPD steht ihnen per Gesetz nicht zur Verfügung, selbst wenn der Patient dies möchte. Die Krankenversicherer wünschen sich aber eine flächendeckende, umfassende und sichere Lösung. Mit entsprechendem Mehrwert für die Prämienzahler und Patienten.

Wie hilft Ihnen die Telemedizin?

Das Potenzial der Telemedizin dürfe noch lange nicht ausgeschöpft sein. In vielen Fällen dürfte sie mithelfen, Aufwand und Kosten sowohl auf Seiten des Patienten wie auch der Versicherer, Arbeitgeber und so weiter, zu sparen. Aber man muss sich auch bewusst sein, dass Telemedizin den direkten, persönlichen Kontakt in gewissen Bereichen nicht ersetzen kann. Die Vorstellung, jemand könne einfach seinen Finger unter die Handykamera legen und so eine problemlose Diagnose erhalten, ist nicht realistisch.

Wie kann künstliche Intelligenz dabei helfen, das Gesundheitswesen effizienter zu machen?

Komplexe Therapieentscheide sollten vermehrt datengeschützt analysiert werden, bevor man behandelt: Viele Operationen sind immer noch unnötig oder im Verhältnis zum möglichen Nutzen sogar mit zu grossen Risiken verbunden. Die Effektstärken von Therapiemassnahmen können auch datengeschützt ausgewertet und verglichen werden. Das Potenzial ist sehr gross.

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