Debatte um Mobilfunk

Wir müssen die Geschichte richtig erzählen

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von Peter Grütter, Präsident Asut

Während viele den rasanten digitalen Wandel als Chance wahrnehmen und auf die Problemlösungskraft der Technik bauen, erleben ihn andere als einen bedrohlichen Prozess, dem sie sich ausgeliefert fühlen. Das wäre nicht nötig.

Peter Grütter, Präsident, Asut. (Source: privat)
Peter Grütter, Präsident, Asut. (Source: privat)

AI, Blockchain, IoT, Chatbots, Edge und viele weitere aktuelle Technologietrends bevölkern die Innovations-Hitparaden des Forschungs- und Beratungsunternehmens Gartner oder des World Economic Forums (WEF). Doch was das Technikerherz der einen begeistert, nehmen die anderen mit wachsender Zurückhaltung zur Kenntnis. Bei der neuen Mobilfunktechnologie 5G hat diese Skepsis mancherorts gar in Widerstand umgeschlagen. Da bringt es wenig, mit Frequenzen zu argumentieren und darzulegen, dass die Strahlenbelastung pro gesendetem Datenpaket bei 5G im Vergleich zum heutigen Mobilfunkstandard kleiner ist und dass 5G nicht nur leistungsfähiger, sondern zudem auch nachhaltiger ist, weil der neue Standard bis zu 50 Prozent weniger Energie braucht als die aktuellen Systeme.

Technik ist nie Selbstzweck, sondern muss den Menschen dienen. Das gilt auch für die Digitalisierung. Sie soll und kann einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen leisten, mit denen unsere Welt gegenwärtig zu kämpfen hat. Die Eindämmung des Klimawandels, die Umsetzung der Energiestrategie, die Optimierung der Gesundheitsvorsorge in unseren alternden industriellen Gesellschaften oder die Bewältigung der weltweiten demographischen Entwicklung können ohne moderne Technologien nicht gelingen. Und die Kommunikationsnetze, von der Glasfaser über Low-Power-Netze bis hin zu 5G, sind Grundvoraussetzung und Basisinfrastruktur dafür.

Nutzen aufzeigen

Nur: So richtig verstanden wurde das bisher noch nicht. Oder richtiger: Es ist unserer Branche bisher nicht gelungen, diese Geschichte der Bevölkerung auf verständliche Art und Weise nahezubringen. Ihr zum Beispiel anhand konkreter Anwendungen das ganz konkrete Nutzenpotenzial der Virtual Reality aufzuzeigen. VR-Brillen etwa gelten immer noch als Gadgets für Gamer, und dass zur Übertragung grosser Datenmengen entsprechende Bandbreiten zur Verfügung gestellt werden müssen, löst Kopfschütteln aus. Am Universitätsspital Basel hingegen, so hat es ein Beitrag der SRF-Sendung «Puls» beeindruckend gezeigt, erlauben 3-D-Brillen dem Arzt heute, vor einer bevorstehenden OP ins Körperinnere einzutauchen, es aus jeder beliebigen Perspektive zu studieren und seinen Eingriff optimal vorzubereiten. Auch den Patienten kann er nun ganz plastisch vor Augen führen, wo und wie die Operation verlaufen wird und damit Ängste abbauen. Die Abteilung für Spitalhygiene am Universitätsspital Zürich setzt für die Schulung des Personals ebenfalls auf eine VR-Brille: Sie veranschaulicht, wo überall im Spitalalltag das Risiko besteht, dass das Pflegepersonal Bakterien auf die Patienten überträgt – Nachlässigkeit in der Hygiene kostet heute in Schweizer Spitälern über 600 Menschen das Leben.

Ähnliche Beispiele gibt es für Augmented Reality. Als Smartphone-App ermöglicht sie es Reisenden, sich überall ohne Karte und Reiseführer wie Einheimische zurechtzufinden. Aber sie kann noch viel mehr: In Verbindung mit künstlicher Intelligenz und einer Echtzeit-Vernetzung über 5G werden beispielsweise im Hafen von Livorno Containerschiffe schneller beladen und entladen. Das verkürzt die Transitzeiten, erhöht gleichzeitig die Arbeitsplatzsicherheit und reduziert die CO₂-Emissionen um mehr als 8 Prozent. Vergleichbare Einsparungen werden im Schwedischen Bergbau durch den Einsatz von Mobilfunktechnologie zur autonomen Steuerung aller Maschinen und Fördersysteme erzielt.

Ein anderes Beispiel: Die in der Bundesverfassung verankerte Verlagerung des Güterverkehrs durch die Alpen auf die Schiene und die wachsenden Pendlerströme – vier Millionen Pendler sind in der Schweiz inzwischen täglich unterwegs – bringen die Bahn an ihre Grenzen. Abhilfe bringen kann in einem kleinen Land, in dem der physische Ausbau des Schienennetzes gezwungenermassen begrenzt ist, einzig die Digitalisierung. Das Projekt Smartrail 4.0 der Schweizer Bahnbranche setzt zur Steigerung der Kapazitäten auf Künstliche Intelligenz. Sie soll Fahrplanabweichungen koordinieren, Züge dynamisch steuern und gleichzeitig, trotz wachsender Komplexität des Systems, die Sicherheit gewährleisten. Die dazu notwendige Echtzeitverbindung zwischen den Zügen und zur Leitstelle, schafft nur modernster Mobilfunk.

Innovation und Fortschritt sind der Motor der Wirtschaft und die Grundlagen der Lebensqualität und des Wohlstandes in der Schweiz. Sie müssen auch in Zukunft dazu beitragen können, die grossen gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Doch das geht nur, wenn die Bevölkerung den Nutzen und das positive Potenzial der Digitalisierung erkennt. Und das wiederum setzt voraus, dass wir seitens der Branche nicht nur von Kapazitäten, Brandbreiten und Latenzen sprechen. Sondern endlich lernen, nachvollziehbar und in einfachen Worten aufzuzeigen, welchen Beitrag moderne Kommunikationstechnologien zur Gestaltung und Lösung der Herausforderungen leisten können, vor denen unsere Gesellschaft steht.

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