Swiss eHealth Forum

EPD: zu spät, aber auf gutem Weg

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Die Einführung des elektronischen Patientendossiers hat die Agenda des diesjährigen E-Health-Forums klar am stärksten geprägt. Es gab Kommentare zum verzögerten Start, Diskussionen über neue Möglichkeiten der digitalen Akte und einen Ausblick auf einen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel.

Andréa Belliger, Prorektorin, Direktorin und Digital Health Expert an der PH Luzern. (Souce: zVg)
Andréa Belliger, Prorektorin, Direktorin und Digital Health Expert an der PH Luzern. (Souce: zVg)

"Man sieht, dass wir uns in einer besonderen Lage befinden." Mit dieser Feststellung eröffnete Enrico Kopatz, Geschäftsführer von Simeio.ch, das 22. E-Health-Forum in Bern. Obwohl er es tunlichst vermied, das Coronavirus beim Namen zu nennen, war dem Publikum klar, wovon er sprach.

Er habe interessiert beobachtet, welche Begrüssungsrituale sich unter den Forumsbesuchern etablieren, zumal das Bundesamt für Gesundheit vom Händeschütteln abgeraten hatte. Das Coronavirus prägte auch das Konferenzprogramm: Wenige Referate fielen aus, einige weitere wurden per Video übertragen.

Enrico Kopatz, Geschäftsführer von Simeio.ch. (Source: zVg)

EPD: Keiner will der Schuldige sein

Inhaltlich stand die Konferenz ganz im Zeichen der Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD). Wenige Wochen vor dem E-Health-Forum wurde bekanntgegeben, dass sich der Start zumindest Teilweise verzögern würde. Dass es zur Verzögerung komme, liege nicht in der Verantwortung von Bund, Kantonen oder Institutionen, führte Schmid aus. Vielmehr liege es daran, dass sehr viele verschiedene Akteure an der EPD-Umsetzung beteiligt seien. Mehrere Vertreter von Stammgemeinschaften wiesen während eines Podiums zudem darauf hin, dass die Sicherheitsanforderungen mehrfach verschärft worden seien - auch dies habe die Zertifizierung verzögert.

Dass der Start nunmehr gestaffelt erfolgen werde, sei tatsächlich nicht ideal, sagte etwa Adrian Schmid, Leiter von E-Health Suisse. In seinem Referat zeigte er den Weg des EPD auf seit 2007 auf, und verglich ihn mit dem Erzwingen eines Berges: "Das letzte Stück ist das Steilste."

Derzeit laufe die Zertifizierung der Stammgemeinschaften. Sie brauche mehr Zeit als erwartet, zumal die Anforderungen an Datenschutz und -Sicherheit hoch seien. Natürlich sei es nicht ideal, keinen fixen Einführungstermin nennen zu können.

Adrian Schmid, Leiter von E-Health Suisse. (Source: zVg)

Es sei aber besser, die Qualität nicht aus zeitlichen Gründen zu reduzieren. "Am Schluss kommt es auf ein, zwei Wochen Verzögerung nicht an." Eine klare Prognose, wann das EPD schweizweit eingeführt werden sollte, könne er nicht abgeben. Er rechne aber mit einer schrittweisen Einführung bis Herbst 2020.

Der Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), Stefan Spycher, setzte die EPD-Einführung in einen grösseren Kontext: "Ich möchte in Erinnerung rufen, dass wir in einer historischen Transformation des Gesundheitswesens sind". Diese brauche Zeit und fordere Energie von allen involvierten Partnern. Man könne das EPD-Gesetz zwar kritisieren, meinte er, allerdings sei es dennoch eine gute Grundlage: "Wir werden das EPD auf die Beine stellen können." Viele Aspekte des Gesundheitswesens seien heute bereits digitalisiert, auch ohne Intervention durch den Bund. Das EPD helfe aber, die Digitalisierung zentraler zu machen und etwa festzulegen, wann und wie der Patient die Nutzung seiner Daten steuern könne. Der Bund habe im übrigen auch eine "Strategie 2030" für das Gesundheitswesen, für die nach der EPD-Einführung mehr Ressourcen eingesetzt werden. Diese beruhe auf den Punkten:

  • Digitalisierung des Gesundheitswesens weiter fördern

  • Digitalisierung koordinieren sowie

  • Gesundheitsfachpersonen und Patienten befähigen, mit der Digitalisierung umzugehen

Stefan Spycher, Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit. (Source: zVg)

Mehr Möglichkeiten, mehr Umdenken

Anlässlich des E-Health-Forums wurden auch die Ergebnisse des E-Health-Barometer vorgestellt. Tatsächlich nehme die Verunsicherung in der Bevölkerung zu, wenn es um das Thema EPD geht, kommentierte Spycher. Er nehme dies zum Anlass, klarer zu informieren. "Wir haben eine hohe Bringschuld für Informationen." Positiv sei dagegen, dass mehr Arztpraxen ihre Patientenakten elektronisch führten.

Fabian Vaucher, Präsident von PharmaSuisse, dem Schweizerische Apothekerverband, zeigte auf, wie eine Apotheke dank dem EPD verschiedenen Kundentypen massgeschneiderte Angebote machen könnte. Digital Natives könnten zukünftig etwa mittels Apps ihre Gesundheitsdaten erfassen oder sich beraten lassen. Auch wer es lieber persönlich möge, finde nach wie vor den Apotheker seines Vertrauens. Doch dank des EPD habe die Fachperson nun jeweils einen vollständigeren Zugriff auf den Kunden und seinen Gesundheitszustand. Es war nicht das einzige Referat, welches deutlich machte, welch hohe Erwartungen nicht nur an das EPD, sondern an die Digitalisierung des Gesundheitswesens gestellt werden.

Fabian Vaucher, Präsident von PharmaSuisse. (Source: zVg)

Auf philosophischer Ebene machte dies Andréa Belliger deutlich. Die Prorektorin, Direktorin und Digital Health Expert an der PH Luzern bezeichnete die digitale Transformation gar als den grundsätzlichen Paradigmenwechsel, weg von Systemen und hin zu Netzwerken. Während in einem System etwa klare Rollen verteilt werden, passiere dies im Netzwerk nicht mehr. "Ein Spital ist ein klassisches System", sagte sie, denn hier habe ein Arzt, ein Pfleger oder ein Patient seine klare Rolle.

Zukünftig zähle vielmehr, wer mit wem vernetzt sei. "Als Mutter eines chronisch kranken Kindes weiss ich über seine Krankheit mehr als der Arzt." Diese Entwicklung werde sich verstärken, und überall, wo klassische Systeme bestehen, werde es knistern. Für Unternehmen sei es wichtig, auf diesen Paradigmenwechsel zu reagieren, sagte Belliger. Customer Centricity werde künftig ebenso wichtig sein wie Transparenz und Öffentlichkeit. Und Gesundheitsorganisation tun gut daran, sich zu fragen, ob sie in einer klassischen Top-down-Struktur verharren, oder sich ebenfalls als Netzwerk formieren wollen.

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