"Pepp-PT"

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Corona-Warn-App

Uhr
von Daniel Schurter, Watson

Schweizer Handynutzer sollen in naher Zukunft eine Contact-Tracing-App installieren, um bei der Bekämpfung des Coronavirus zu helfen. Hier sind die wichtigsten Fakten.

(Source: Papuripyoko / Shutterstock.com)
(Source: Papuripyoko / Shutterstock.com)

An der Donnerstags-Medienkonferenz des Bundes hat die zukünftige Contact-Tracing-App "Pepp-PT" zu reden gegeben. Nachfolgend werden die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengefasst:

Warum braucht es eine solche App?

Die Tracing-App Pepp-PT soll dazu beitragen, die Ausbreitung des Coronavirus in der Schweiz einzudämmen.

  • Sehr viele Ansteckungen erfolgen, bevor typische Krankheitssysmptome wie Husten oder Fieber auftreten. (Laut wissenschaftlichen Untersuchungen aus China könte jede zweite Ansteckung so passieren).

  • Darum reicht es nicht, infizierte Personen erst in Quarantäne zu schicken, wenn sie Symptome zeigen.

Die App soll ihre Nutzer warnen, wenn sie Kontakt zu Infizierten hatten. Die Betroffenen könnten sich dann umgehend zuhause isolieren sowie einen Test auf Ansteckung in die Wege leiten.

Da Infizierte bereits ansteckend seien, bevor sie erste Symptome spürten, müssten sämtliche Personen, mit denen der Patient Kontakt gehabt habe, aufgespürt werden können, zitierte die NZZ den Schweizer Epidemiologen Marcel Salathé. Als Covid-19-Patient sei man ein Funke, der leicht zu einem Waldbrand führen könne. Deshalb dürfe kein einziger Fall vernachlässigt werden.

Ist es eine Tracking-App?

Nein. Es geht nicht um die Standortbestimmung oder gar eine Überwachung in Echtzeit, was gemeinhin als Tracking bezeichnet wird. Vielmehr handelt es sich um eine Tracing-App. Es werden anonymisierte "Kontakte" zu anderen Geräten (Usern) erfasst, um damit im Nachhinein möglicherweise infizierte Personen zu warnen.

Was ist mit dem Datenschutz?

Die Initianten versichern, dass die Software die vergleichsweise hohen europäischen Datenschutz-Standards erfülle.

Fürs Contact Tracing per Smartphone-App müssen keine sensitiven User-Daten (Identität, Standorte, Kontakte) übertragen werden. Der Grundsatz "Privacy by Design" wird eingehalten, zudem soll der Programmcode nach Veröffentlichung durch unabhängige Experten kontrolliert werden können.

Eine Kontaktnachverfolgung von möglichen Covid-19-Infizierten mit Handydaten müsse nicht zu mehr Überwachung führen, sondern könne auch datenschutzfreundlich ausgestaltet werden, heisst es in einem Gastbeitrag bei netzpolitik.org.

Was sagt der Chaos Computer Club (CCC) dazu?

Der Chaos Computer Club (CCC) hat laut "Spiegel"-Bericht öffentlich verlauten lassen, solange die Freiwilligkeit gewährleistet sei und eine Speicherung von Daten "dezentral, anonym und sparsam" erfolge, spreche nichts gegen eine solche App. Linus Neumann, einer der Sprecher des CCC, werfe der deutschen Regierung nur vor, sie hätte schon früher auf die Bluetooth-Variante setzen sollen.

Wann wird die Pepp-PT-App verfügbar sein?

Das ist noch nicht klar. Die Signale der Schweizer Behördenvertreter sind widersprüchlich.

Laut Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) laufen Abklärungen in der Verwaltung. Zudem brauche es einen politischen Entscheid. "Im Moment ist es zu früh, sich dazu zu äussern", sagte Koch am Donnerstag vor den Bundeshausmedien.

Weit zuversichtlicher gab sich Matthias Egger, Präsident der wissenschaftlichen COVID-19 Task Force. Es seien noch Abklärungen zum Datenschutz im Gang, technisch sei man aber sehr weit. Je früher die App eingesetzt werde, desto besser.

Die Arbeiten an der Plattform sollen nach Angaben des deutschen Pepp-PT-Mitorganisators Hans-Christian Boos vom beteiligten deutschen IT-Unternehmen Arago Ende der kommenden Woche abgeschlossen sein.

Laut einem (unbestätigten) "Reuters"-Bericht ist die Lancierung der Software-Plattform, auf der die Corona-Warn-Apps aufbauen sollen, für den 16. April geplant.

Was hat die US-Firma Palantir mit der App zu tun?

Gar nichts, hiess es an der Donnerstags-Medienkonferenz des Bundes auf die Frage eines Medienvertreters. Daniel Koch vom BAG sagte, er wisse nichts von einer Zusammenarbeit des Bundes mit dem US-amerikanischen Big-Data-Unternehmen, das als höchst umstritten gilt.

Katrin Holenstein, Leiterin Sektion Kommunikation beim BAG, dopplete auf Anfrage von watson nach: "Das BAG arbeitet Nicht mit Palantir zusammen, und wir stehen auch nicht im Kontakt mit dieser Firma."

Wie viele Nutzer braucht die App, damit es etwas bringt?

"Alles, was dazu beiträgt, Infektionsketten zu unterbrechen, ist willkommen und sollte eingesetzt werden", sagte Matthias Egger. Seiner Meinung nach wäre die Akzeptanz in der Schweizer Bevölkerung relativ gross: Er glaubt, dass rund 30 Prozent teilnehmen würden. "Das hätte einen wichtigen Effekt."

Wenn mehr als 60 Prozent der Bevölkerung eine solche App nutzten, sei ein Erfolg gesichert, sagen die Initianten. Dies deckt sich mit einer wissenschaftlichen Studie von der renommierten britischen Universität Oxford. Diejenigen Leute, die keine Smartphones besitzen, könnten Bluetooth-fähige Armbänder tragen, berichtete Reuters.

Was ist Pepp-PT?

Pepp-PT steht für die Pan-European Privacy Preserving Proximity Tracing-Initiative. An der Entwicklung beteiligen sich Forscher und Entwickler aus acht Ländern. An Bord sind auch Wissenschaftler der ETH Lausanne.

"Das internationale Team von PEPP-PT besteht aus mehr als 130 Mitgliedern, die in mehr als sieben europäischen Ländern arbeiten und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Technikerinnen und Techniker sowie Expertinnen und Experten aus bekannten Forschungseinrichtungen und Unternehmen umfassen."

Das Team hinter Pepp-PT will keine Apps herausbringen, wie der Spiegel berichtete. Vielmehr solle es Referenzimplementierungen von Backend- und Client-Komponenten geben, auf deren Basis dann staatliche Stellen oder auch Start-ups schnell eigene Apps entwickeln können.

Was kostet das?

Die Entwicklungskosten sind nicht bekannt. Die Apps selbst sollen gratis sein. Bislang hätten die Initianten die Arbeit an dem Projekt selbst finanziert, schreibt der Spiegel. Man wolle auch künftig "komplett unabhängig von Regierungen" bleiben, einen Verein nach dem Vorbild des Roten Kreuzes gründen und sich über Spenden finanzieren. Der Schweizer EPFL-Forscher Marcel Salathé habe vorige Woche eine erste Spende in Höhe von 3,5 Millionen Franken erhalten von der Schweizer Botnar-Stiftung in Basel für die Arbeit an dem Projekt.

Das Contact-Tracing-System soll frei zugänglich sein, damit es App-Entwickler nutzen können (siehe oben).

Gibts einen App-Zwang?

Nein. Laut Matthias Egger ist die Beteiligung sowohl für Infizierte wie auch für gesunde Nutzer freiwillig. Das geht einzelnen Kritikern zu wenig weit. In Deutschland äusserte der konservative Politiker Tino Sorge (CDU): "Dass der Standard nur auf Freiwilligkeit und Anonymisierung beruht, zeigt leider, dass es sich um einen Kompromiss mit den Datenschützern handelt – obwohl der lebensrettende Nutzen ausser Frage steht. Weil die App von freiwilligen Downloads abhängig ist, wird sie stets nur lückenhafte Daten liefern."

Welche Länder machen mit?

Bisher sind in der Pepp-PT-Initiative die Schweiz, Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien vertreten. Weitere Länder dürften sich anschliessen.

Ist der Programmcode einsehbar?

Nein, noch nicht. Der Quellcode sei noch nicht öffentlich als Open Source verfügbar, schreibt das "Handelsblatt".

Welche Daten werden gespeichert?

Es würden keine persönlichen Daten, kein Standort, keine MAC-Adresse der Nutzerin oder des Nutzers gespeichert oder übertragen, schreibt das renommierte Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut, das an der Entwicklung beteiligt ist. Entsprechend werden keine Handy-Funkzellen-, GPS- oder WLAN-Daten erfasst, wie "heise.de" schreibt.

Was ist mit der Schweizer Tracing-App "Next Step"?

Die Schweizer Entwicklerfirma Ubique, die schon die SBB-App und die Alertswiss-App für den Bund entwickelt hat, kooperiert mit der länderübergreifenden Initiative. Ubique-Geschäftsführer Mathias Wellig sagte zu Watson: "Wir freuen uns, hier die Kräfte zu bündeln und gemeinsam mit Pepp-PT an einer finalen Lösung zu arbeiten." Mehr über Next Step erfahren Sie hier.

Wie funktioniert das Tracing-System von Pepp-PT?

Das von Pepp-PT vorgestellte Contact-Tracing-System nutzt die auf Smartphones installierte Bluetooth-Datenübertragungstechnik, um festzustellen, welche anderen Handys sich über eine für eine Infektion relevante Zeit hinweg in entsprechender Nähe befanden.

Alle Smartphones erhalten dabei eine temporäre ID, also eine nichtssagende Erkennungsnummer. Diese lässt keine Rückschlüsse auf die Besitzer oder deren Aktivitäten zu. Jedes Smartphone speichert verschlüsselte Listen mit den IDs der Geräte, die die epidemiologisch relevanten Annäherungskriterien erfüllen.

Erst wenn der Besitzer eines Handys von einer Infektion erfährt, wird über einen ebenfalls verschlüsselten Prozess mit einer vertrauenswürdigen offiziellen Stelle – etwa eine Behörde – das weitere Verfahren in Gang gesetzt. Diese Stelle verschickt eine TAN, mit der das Handy die ID-Listen entschlüsselt und die darin vermerkten Smartphones kontaktiert, die dann entsprechende Warnungen anzeigen.

Soll das im In- und Ausland funktionieren?

Ja, versichern die Initianten. Auch bei Reisen zwischen Ländern soll ein anonymer, länderübergreifender Austauschmechanismus verwendet werden, so dass App-User auch gewarnt würden, wenn sie im Ausland mit einer infizierten Person in Kontakt standen. Vorausgesetzt natürlich, diese Person nutzte auch eine App, die auf der Pepp-PT-Softwareplattform basiert.

Funktioniert das auch in Hochhäusern?

Ja, denn handelt sich ja nicht um eine Standortbestimmung wie GPS-Signal oder dergleichen, sondern es wird der Abstand zwischen Bluetooth-fähigen Mobilgeräten bestimmt. Auch Mobilfunkempfang ist demnach nicht zwingend nötig.

Während GPS-Daten keine exakte Bestimmung der Nähe von Personen zulassen, die sich in einem Hochhaus in unterschiedlichen Stockwerken aufhalten, erfasst eine Bluetooth-Lösung nur Personen, die sich in der unmittelbaren Umgebung aufhalten. Allerdings setzt sie voraus, dass die Bluetooth-Funktion der Mobilgeräte aktiviert ist.

Wie kommt die App auf die Smartphones?

Das ist noch unklar. Es hängt von den Entscheidungsträgern in den Ländern ab, ob sie eine eigene Tracing-App herausgeben wollen, ob sie mit einem IT-Partner kooperieren oder die Tracing-Technologie in eine bestehende Anwendung integrieren wollen und per Update verfügbar machen.

Grundsätzlich müssen die Anbieter die entsprechende Software für Android-Smartphones sowie für iPhones (iOS) über die App Stores von Apple und Google veröffentlichen.

Bietet der Bund die Tracing-Software selbst an?

Wer die Schweizer Tracing-App herausgibt, ist noch nicht bekannt. Hier muss man unterscheiden zwischen der Tracing-Software und den Apps, die diese Tracing-Software beinhalten.

Programmierer in verschiedenen Ländern sollen eine frei zugängliche Software-Plattform nutzen können, um konkrete Anwendungen nach einheitlichen Standards zu entwickeln, die europaweit miteinander harmonisieren.

Betreiberin dieser Plattform und Initiantin ist die gemeinnützige, paneuropäische Organisation Pepp-PT, an der neben dem Berliner Fraunhofer-Institut die Technischen Universitäten Dresden und Berlin, das französische nationale Forschungsinstitut INRIA, die ETH Lausanne sowie der Telekommunikationskonzern Vodafone beteiligt sind.

Wer offiziell zur Vereinigung der neuen europäischen Corona-Apps zählen will, muss die eigene App vom neuen Konsortium zertifizieren lassen, berichtete der «Spiegel», dies um Wildwuchs und Missbrauch vorzubeugen.

Wie werden Fehlalarme verhindert?

Dazu schreibt das "Handelsblatt":"Stellt ein Nutzer fest, dass er krank ist, kann er seinen Status in der App ändern. Die Gesundheitsbehörden müssen das dann noch bestätigen, damit niemand das System ausnutzt, um seine Nachbarn oder Eltern in Quarantäne zu schicken."

Wie genau ist das Tracing per Bluetooth?

Das ist bislang nicht kommuniziert worden. Vodafone Labs und andere deutsche Institute arbeiten noch daran, die Bluetooth-Signale richtig zu messen, damit die Distanz (zwischen zwei Mobilgeräten) richtig eingeschätzt werden kann. Diese Werte variierten bei unterschiedlichen Smartphone-Modellen. Die Forscher kooperieren mit der Bundeswehr, die mit ihren Soldaten Messungen vornimmt.

Was hat das Militär mit der neuen App zu tun?

Bei der Entwicklung der Technologie hilft die deutsche Bundeswehr mit. Rund 50 Soldaten simulierten in einer Kaserne in Berlin in Schutzkleidung das Zusammentreffen von Menschen, wie das Verteidigungsministerium in Berlin mitteilte.

Die Testzyklen dienen der Feinabstimmung, etwa mit Blick auf die genauen Entfernungen und Annäherungszeiten.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Watson.ch

Tags
Webcode
DPF8_176101

Kommentare

« Mehr